Tierschützer fordern Flugverbot – Verbände weisen Kritik zurück Briefmarken statt Brieftauben?

Stuttgart/Dreis-Brück (WB). Woche für Woche werden in ganz Deutschland Tausende Brieftauben auf die Heimreise geschickt – auch vom Regionalverband der Brieftaubenzüchter Ostwestfalen. An einem Flug, der an diesem Samstag im rheinland-pfälzischen Dreis-Brück starten soll, hat jetzt die Tierschutzorganisation Peta beispielhaft massive Kritik geübt.

Von Jan Gruhn
Tierschützer kritisieren Taubenwettflüge – doch die Züchter halten die Vorwürfe für überzogen.
Tierschützer kritisieren Taubenwettflüge – doch die Züchter halten die Vorwürfe für überzogen. Foto: dpa

Etwas mehr als 200 Kilometer liegen zwischen dem Auflassplatz, von dem aus die Tauben laut Homepage des Bundesverbandes der Brieftaubenzüchter auf die Reise geschickt werden sollen, und den Heimatschlägen. Brieftaubenzüchter und Reisevereinigungen aus dem Kreis Gütersloh und dem Kreis Paderborn nehmen teil, Zehntausende Tiere sollen starten.

Doch für die Tierschützer stellen Flüge wie diese massive Quälerei dar. Peta beruft sich dabei auf das Tierschutzgesetz. Demzufolge dürfte den Tieren keine Leistungen abverlangt werden, die ihre Kräfte übersteigen. »Viele Vögel sterben auf den anstrengenden Flügen an Dehydration, Hunger, Erschöpfung oder Verletzung«, heißt es in einer Mitteilung.

Zudem würden die Tiere in der Regel bewusst von ihren Partnern getrennt, um die Motivation für die Heimkehr zu schüren. Witwerschaftsmethode heißt das in der Fachsprache. »Das ist für uns enormes Tierleid«, sagt Peta-Fachreferent Frank Schmidt und fordert das Verbot der Sportart.

»Niemand zwingt die Taube, über ihre Leistungsgrenze zu gehen«

»Unseren Tauben wird keine Leistung abverlangt, die sie nicht leisten können«, sagt Josef Hoischen, Vorsitzender des Regionalverbandes Ostwestfalen. Zwar komme es immer mal wieder vor, das Tauben nicht wieder zurück in den Schlag kommen. Grund sei aber nicht Überlastung. Wenn überhaupt bereiteten Greifvögel oder Hochspannungsmasten, an denen die Tauben verunglücken, Probleme.

Auch Thomas Dümmermann, Sprecher des Bundesverbands der Brieftaubenzüchter, springt dem Regionalverband zur Seite. »Niemand zwingt die Taube, über ihre Leistungsgrenze zu gehen«, so Dümmermann. »Es sind ja keine Rennpferde, die von Jockeys angetrieben werden.« Zumal der Züchter selbst am meisten Interesse daran habe, dass seine Tiere heil nach Hause finden.

Dr. Maren Neumann-Aukthun, Tierärztin und Taubenfachfrau aus Ense (Kreis Soest), erklärt ebenfalls, dass solche Flüge keine übermäßigen Belastungen darstellen. »Das hat man schon bei den Ur-Tauben beobachtet.« Voraussetzung sei, dass die Vögel vorher und nachher gut versorgt würden.

Peta: bis zu 20 Prozent der Tauben kommen nicht zurück

Peta geht davon aus, dass bis zu 20 Prozent der Tauben nicht wieder zurückkommen und beruft sich dabei auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage im Jahr 2011. Dümmermann hingegen geht von Zahlen weit unter 10 Prozent aus. Verlässliche Daten gibt es nicht, weil keine Verlustraten festgehalten werden. »Aber man sollte die Kirche im Dorf lassen«, sagt Regionalchef Hoischen.

Doch für die Tierschützer gibt es nur eine Möglichkeit: Taubenwettflüge ganz zu verbieten. Und sie empfehlen den Züchtern, ungeachtet der langen Tradition dieses Sportes, sich andere Hobbys zu suchen. Briefmarken statt Brieftauben also? »So könnte man es überspitzt sagen«, meint Peta-Referent Schmidt.

Kommentare

gegen die Brieftaubenzucht !

In Deutschland betreiben schätzungsweise 50.000 Menschen die Zucht von Tauben, die als sogenannte Brieftauben zu Wettflügen ausgenutzt werden: bundesweit betroffen sind ca. 2,5 Millionen Tiere. Im Rahmen der Taubenwettflüge werden den Tieren Höchstleistungen abverlangt, die ihre Kräfte häufig übersteigen.

Kein Sport sondern barer Tiermissbrauch!

Für uns ist die Causa Stadttauben und Taubensport ein alter Hut. Hier die Links zu unserem Infoblatt und unserem Vortrag über das Thema.
Fakt ist: Die Brieftauben kehren nur aus einem Grund unter Inkaufnahme äußerster Strapazen zu ihrem heimischen Schlag zurück: Dort sind ihre Partner inhaftiert. Ihre monogame Veranlagung zwingt sie dazu, zurück zu fliegen mit allen damit einhergehenden Leiden, Schäden und Risiken. Das Aussetzen von domestizierten Tieren ist verboten. Die Breiftaubenzüchter sollten allesamt deshalb strafrechtlich verfolgt werden. Denn unser Luftraum ist Gemeingut und sollte nicht für sportive Selektionsmaßnahmen an Tieren, die der Willkür ihrer Halter ausgeliefert sind, missbraucht werden dürfen. Versagertiere werden umgebracht, weswegen es nicht ratsam ist, gestrauchelte Tiere an diese Züchter zurück zu geben. Ferner stellen diese Tiere auch eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung dar. Wir forderten deshalb u. a. auch eine Pro-Kopf-Steuer für Taubenzüchter.
Wer ein ihm anvertrautes Tier solchen Gefahren aussetzt, verstößt überdies gegen weitere Paragraphen des Tierschutzgesetzes. Solche Leute lieben ihre Tiere nicht, sie beuten sie zum persönlichen Lustgewinn und aus Ehrgeiz heraus scharmlos aus.

http://www.akt-mitweltethik.de/images/texte/033TAUBEIBL_.pdf

http://www.akt-mitweltethik.de/images/texte/034EUROCIRE_.pdf

Tierliebe

Tja, und wenn die Tauben ihre Leistung nicht bringen, werden sie aussortiert. "Kopf runter" heißt das wohl in der Fachsprache. Mir war selbst mal eine Brieftaube zugeflogen, verletzt. Anruf beim Züchter, der mir sagte, er käme doch nicht von hinter Hamburg, um der Taube den Hals umzudrehen.
Und aus Kreisen der TiHo Hannover habe ich gehört, daß manche Brieftaubenhalter sogar gezielt ihre eigenen Tiere vergiften, damit sich dann Falken und andere beim Schlagen eben dieser Tiere auch vergiften. Das klingt ja nach reiner Tierliebe, oder?

Davon abgesehen sind Tauben wunderbare intelligente Tiere, mit denen es eine Freude ist sich zu beschäftigen. Die verletzte Brieftaube lebte dann noch fast 9 Jahre bei uns.

Brieftauben

Hallo,

als Tierliebhaber habe ich kein Verständnis, dass eine Organisation, wie Peta, sowas fordert, denn kein Tier in menschlicher Obhut hat es besser, als eine Brieftaube!!! Ich möchte das erklären:
Zwei junge Tauben schlüpfen aus zwei Eiern werden von ihren Eltern liebevoll aufgezogen. Sie „wohnen“ mit anderen Tauben Elternpaaren in einem geräumigen Stall mit einer davor angebrachten großen Voliere. Die Voliere dient dem Schutz vor Greifvögeln. Der Stall wird jeden Tag saubergemacht, es wird nach dem Befinden der Tauben geguckt und notfalls wird ein Tierarzt eingeschaltet. So ein junges Täubchen wächst mit einer kompletten Rundumversorgung auf. Sie bekommen jeden Tag sauberes frisches Wasser, das Futter hat Lebensmittelqualität und besteht aus ca. 30 verschiedenen Körnern und Mineralfutter und es mangelt an nichts. Die meisten Menschen auf dieser Welt würden sich freuen, wenn sie in diesem Luxus aufwachsen würden.
Nach ca. 30 Tagen können die jungen Täubchen alleine fressen und kommen in einen „Jungtierschlag“ so nennt man diesen Stall. Hier sind sie mit anderen jungen Tauben im gleichen Alter zusammen. Die Jungtauben werden jetzt vom Tierarzt geimpft und dürfen durch ein großes Fenster nach draußen und aufs Dach fliegen um die Umgebung zu erkunden. Diese Kinderzeit der kleinen Täubchen, in der sie auch fliegen und landen lernen und mit der Zeit immer größere Ausflüge unternehmen gehört zur Entwicklung der jungen Brieftaube. Dieses freie Fliegen genießen die jungen Tauben und man kann das gut beobachten, wie sie ihr Leben im freien Luftraum genießen. Sie lernen in dieser Zeit alles was eine Taube braucht. Sie lernen frühzeitig den Taubenkorb kennen, so dass sie davor keine Angst haben brauchen und werden fürsorglich auf ihre spätere Aufgabe als Brieftauben vorbereitet. Welcher andere Vogel in menschlicher Obhut hat es besser, ich kenne keinen!!! Im Sommer, wenn die Täubchen dann einige Monate alt sind, und von selbst bis 2 Stunden vom Haus weg sind und die Gegend erkunden, werden sie als Brieftauben angelernt. Sie laufen dann in einen Transportkorb:
https://www.youtube.com/watch?v=wjrt8zvIBE8&t=6s

den sie ja schon kennen und werden ein paar km weit weggebracht und dort freigelassen. Sie fliegen dann nach Hause. Dieses Anlernen wird ca. 20-mal wiederholt mit steigenden Entfernungen. Sie lernen in dieser Zeit die Transportkörbe im großen LKW kennen, in dem sie mit anderen Tauben auf kurze Entfernungen gebracht werden und mit den anderen Tauben gemeinschaftlich nach Hause fliegen. Dann kommt der große Tag, das erste Rennen für die jungen Tauben über ca. 150 km. Eine Entfernung, die die jungen Tauben auch jeden Tag am Haus selbstständig zurücklegen. Hier wird die Geschwindigkeit der einzelnen Taube mittels Elektronik gemessen und die Siegertauben werden gekürt. So viel Liebe und Zuwendung und Freiheit haben nur wenige Tiere, die in menschlicher Obhut gehalten werden. Allerdings, „there ist no free lunch“, wie die Engländer sagen, müssen sie für ihren Unterhalt auch einen „Beruf“ ausführen: Brieftaube! Uns Menschen geht es nicht anders.
Nur fliegen und in Freiheit leben, ist auch gefährlich. Wir haben in Deutschland heute mehr Wanderfalken und Greifvögel, als in vorindustrieller Zeit. Und die leben überwiegend von Brieftauben, die sie teils lebendig fressen. Die Singvogelzählung hat traurige Ergebnisse bei uns gebracht und auch Niederwild gibt es kaum noch. Ein Wanderfalke schlägt kaum Stadttauben, die Nachfahren der wilden Felsentaube. Die fliegen zwischen den Häuserschluchten und da zu jagen ist für den Wanderfalken zu gefährlich, dafür ist er zu schnell. Er liebt den freien Luftraum, da wo Platz für seinen rasanten Flug ist. Und auch da fliegen die Brieftauben in ca. 100 Meter Höhe nach Hause. Ohne die Brieftauben würde die Wanderfalken Population zusammenbrechen, die würden verhungern! Das kann Peta doch nicht wollen! Das ist zwar für die einzelne Brieftaube tödlich und für den Züchter sehr traurig, aber es ist Teil der Natur. Aber viele werden ja auch nur verletzt und vergammeln am Straßenrand und werden dann von den Maden gefressen, oder in Panik gebracht, so dass sie bis zur Erschöpfung flüchten, aus Todesangst. Brieftaubenzüchter denken in diesem Zusammenhang oft alte Zeiten, in denen es nur wenige Greifvögel gab und Verluste bei Brieftauben die absolute Ausnahme waren.

Gruß Rudi

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