Heute vor 50 Jahren wurde Benno Ohnesorg bei Anti-Schah-Protesten von einem Polizisten getötet Ein Schuss und viele Lügen

Berlin (epd/dpa/WB). Vor 50 Jahren wurde der Student Benno Ohnesorg bei Anti-Schah-Protesten in Berlin von einem Polizisten erschossen. Die Tat vom 2. Juni 1967 wirft bis heute Fragen auf.

Ein Bild, das um die Welt geht: Der sterbende Benno Ohnesorg liegt auf dem Boden, eine junge Frau hält seinen Kopf. Das Polizeifoto hängt in der Polizeihistorischen Sammlung in Berlin in der Sonderausstellung »Heute Student morgen tot«.
Ein Bild, das um die Welt geht: Der sterbende Benno Ohnesorg liegt auf dem Boden, eine junge Frau hält seinen Kopf. Das Polizeifoto hängt in der Polizeihistorischen Sammlung in Berlin in der Sonderausstellung »Heute Student morgen tot«. Foto: dpa

Die Kugel trifft oberhalb des rechten Ohrs. »Bist du wahnsinnig, hier zu schießen?«, herrscht ein Polizist seinen Kollegen Karl-Heinz Kurras an. Neben ihnen liegt Benno Ohnesorg auf dem Boden, ein dünner Faden Blut rinnt aus seinem Kopf.

Seit knapp einer Woche sind der persische Schah Mohammed Reza Pahlavi und seine Gemahlin Farah Diba in Berlin zu Gast. Die Pahlavis sind nicht nur ein von der Boulevardpresse gefeiertes Ehepaar. Ihr Land ist eine brutale Diktatur. Etwa 800 bis 1000 Menschen Demonstranten treffen sich am 2. Juni 1967, sie rufen »Schah, Schah, Scharlatan« und »Mörder, Mörder«. Tomaten und Farbbeutel fliegen.

Polizisten zücken Schlagstöcke

Einer von ihnen ist der 26-jährige Romanistikstudent Benno Ohnesorg. Seine Frau Christa ist gerade schwanger, er ist aktives Mitglied einer protestantischen Kirchengemeinde, und die iranische Diktatur empört ihn. »Autonomie für die Teheraner Universität« malt er auf einen Kissenbezug und nimmt ihn mit auf die Demo vor der Oper. Er trägt Sandalen ohne Socken und ein rotes Hemd.

Gegen 20 Uhr verbreitet die Polizei die Nachricht, dass Protestierende einen Beamten erstochen hätten. Eine Falschmeldung. Doch die Polizisten zücken die Schlagstöcke und treiben die Menschen auseinander, prügeln auf blutüberströmte Demonstranten weiter ein. In einem Hinterhof stellen sie eine Gruppe Fliehender, es gibt ein Gerangel.

Dann fällt der Schuss. Der schwer verletzte Ohnesorg stirbt im Rettungswagen auf der Fahrt ins Krankenhaus. Sein Körper ist übersät mit Hämatomen von den Schlagstöcken der prügelnden Beamten.

Krankenwagen dreht erst Runde durch die Stadt

Sohn fordert Entschuldigung

50 Jahre nach dem Tod seines Vaters hat Lukas Ohnesorg vom Berliner Senat und der Polizei eine »Entschuldigung und Entschädigung« verlangt. »Ich finde es schwer erträglich, dass die Polizei und der Senat das vertuscht und bis heute nicht aufgearbeitet haben«, sagte er dem »Der Spiegel«. Er würde es begrüßen, wenn in Berlin ein Platz nach seinem Vater benannt werden würde. Zur Erinnerung an Benno Ohnesorg gibt es an der Deutschen Oper ein Bronzerelief mit Gedenktafel.

Die Berliner Polizei versucht, die Umstände von Ohnesorgs Tod zu vertuschen. Der Krankenwagen fährt angeblich nicht direkt ins Krankenhaus, dreht erst eine große Runde durch die Stadt. Sogar die Ärzte im Moabiter Krankenhaus machen mit. Sie nähen die Schusswunde an der Leiche zu und geben als Todesursache »Schädelbasisbruch« an.

Aus dem Schädel werden Teile herausgebrochen, um die Kugel zu entfernen. Am Tag danach durchsucht die Polizei das Krankenhaus Moabit nach Knochenresten – ohne Erfolg.

Der Einsatzleiter der Polizei erklärt, er habe Kurras in jenem Hinterhof gar nicht gesehen. Kurras selbst sagt im November 1967 vor Gericht aus, er sei von einer Meute mit Messern angegriffen worden, als sich ein Schuss aus seiner Pistole gelöst habe – »nur mit Zutun der mich bedrängenden Demonstranten«. Diese Version wird nur von einem der etwa 80 Zeugen bestätigt.

Kurras, der Stasi-Agent

Zu den Zeugen jenes Tages gehört Hans Brombosch, der als Achtjähriger von seiner Wohnung nahe der Oper aus sieht, wie Kurras mit seiner Pistole auf Ohnesorg zueilt. Das rote Hemd, das Ohnesorg an dem Tag trägt, bleibt ihm in Erinnerung.

Das Gericht spricht Kurras vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei. Eine Anklage wegen Totschlags hatte es gar nicht zugelassen. Auch ein Revisionsverfahren endet 1970 mit einem Freispruch. Jahrzehnte nach Ohnesorgs Tod kommt heraus: Kurras war Agent bei der ostdeutschen Staatssicherheit, Tarnname »Otto Bohl«. Mitarbeiter der Behörde des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen finden 2009 dessen Akte.

»Sehr verliebt in Waffen«

Von Fotografen umringt zeigt sich Karl Heinz Kurras vor Prozessbeginn am 3.11.1967. Foto: dpa

Auch wenn der Schuss der Studentenbewegung Schub gibt: Das war wohl nicht die Absicht der Stasi, Kurras war kein Agent provocateur. Dennoch sei denkbar, dass er mit dem Schuss am 2. Juni 1967 im Auftrag des Ost-Geheimdienstes gehandelt habe, erläutert der Berliner Historiker Jochen Staadt: »Kurras wusste seit Januar 1967 von einem Überläufer, der in den Westen geflohen war.« Dessen Name war Bernd Ohnesorge. Möglicherweise also glaubt Kurras an jenem Abend, diesen Überläufer vor sich zu haben.

Auch andere Gründe für den Schuss auf Ohnesorg sind denkbar: Mehrfach hatte sich Kurras im Kollegenkreis abfällig über jene geäußert, die auf der Straße gegen die bleierne Atmosphäre der konservativen Republik aufbegehrten. Und sogar der Stasi war eine »charakterliche Schwäche« ihres Spions aufgefallen, wie es in einem Dossier heißt.

Kurras sei »sehr verliebt in Waffen« und habe einen »übermäßigen Hang zum Uniformtragen«. Kurras stirbt Ende 2014. Anlass für Selbstkritik sieht sein ganzes Leben lang nicht. »Ich hätte hinhalten sollen, dass die Fetzen geflogen wären, nicht nur einmal«, sagte er in einem Interview im Jahr 2007. »Fünf, sechs Mal hätte ich hinhalten sollen. Wer mich angreift, wird vernichtet. Aus. Feierabend.«

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