Heute vor 50 Jahren erschien »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« Ein Experiment mit Langzeitwirkung

London (WB). Am 10. April 1970 kündigte Paul McCartney in einem Interview die Trennung der Beatles an. Für die Fans brach eine Welt zusammen. Doch bei Licht betrachtet begann der Anfang vom Ende der »Fab Four« bereits bei der Veröffentlichung von »Sgt. Peppers Lonely ­Hearts Club Band«, ihres wohl bedeutendsten Albums, am 1. Juni 1967 – vor 50 Jahren.

Von Thorsten Böhner
Die legendären »Sgt. Pepper’s«-Kostüme: Das achte Studioalbum der Beatles Ringo Starr (von links), John Lennon, Paul McCartney und George Harrison schrieb Musikgeschichte. Ihre Heimatstadt Liverpool feiert sie dafür derzeit.
Die legendären »Sgt. Pepper’s«-Kostüme: Das achte Studioalbum der Beatles Ringo Starr (von links), John Lennon, Paul McCartney und George Harrison schrieb Musikgeschichte. Ihre Heimatstadt Liverpool feiert sie dafür derzeit. Foto: obs/Universal Music/Apple

Nicht nur die Welt, auch die Beatles waren kurz vor dem »Summer of Love« 1967 im Umbruch. Im August hatten sie – bewusst oder unbewusst – ihr letztes Konzert gespielt. Fest stand, dass sie sich vermehrt als Studioband verstanden, welche die technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit ausschöpfen wollte.

Paul McCartney war es, der die Grundidee für das »Sgt. Peppers«-Album lieferte. Man solle, so seine Vision, nicht als Beatles an die Aufnahmen herangehen, sondern als unbekannte Formation, eben als Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band, die ganz ohne Erfolgsdruck mit den innovativen Möglichkeiten des Songwritings experimentiert. »Sgt. Pepper’s« gilt künstlerisch wie auch kommerziell als Meilenstein.

Initialen LSD

Das Cover: »Sgt. Pepper’s« gibt’s derzeit in Neuauflage.

Kaum ein Album der Popmusik war bisher mit einem vergleichbaren Aufwand produziert worden. Schon das Cover sorgte für Aufsehen. In psychedelisch-grellbunte Farben getaucht, posieren die vier Bandmitglieder vor einer Kulisse bekannter Persönlichkeiten wie Bob Dylan, Marlon Brando und Edgar Allan Poe. Bemerkenswert war auch, dass erstmals bei einer LP die Songtexte auf der Plattenhülle abgedruckt wurden.

Die Musik selber war facettenreich. Scheinbar unbeschwerte Titel wie »With a little help from my friends« (das Joe Cocker in Woodstock zu seinem Song machte) oder »When I’m sixty-four« standen neben Werken wie »Lucy in the sky with diamonds«, das eine Kinderzeichnung von Lennons Sohn Julian beschreibt.

Moralapostel witterten in den Initialen LSD einen Verweis auf Drogenexperimente. Bahnbrechend war die­se Spekulation nicht, wurde den Beatles doch bereits bei den Vorgänger-Alben »Rubber Soul« und »Revolver« nachgesagt, »bewusstseinserweiternde Substanzen« eingesetzt zu haben.

Symptome für den Zerfall gab es einige

»She’s leaving home« war in sofern ungewöhnlich, als hier in Zeiten des jugendlichen Aufbegehrens die Perspektive der Eltern beleuchtet wurde, welche die Metamorphose ihrer fast erwachsenen Kinder nicht nachvollziehen können, sogar fast daran verzweifeln bei der Frage, was sie falsch gemacht haben. »A day in the life«, welches das Album beschließt, ist absolut außergewöhnlich: Neben Alltagsbetrachtungen und der kuriosen Aufzählung von Schlaglöchern in einer Straße findet sich eine Reminiszenz an den Tod des Dandys Tara Browne, Galionsfigur des Swinging London. Der Zeitungsbericht über dessen Verkehrsunfall inspirierte Lennon zu Zeilen wie »He didn’t notice that the lights had changed«, was man auf eine Ampel beziehen kann wie auf die damaligen wechselhaften Zeiten.

McCartney schließlich ließ mit Hilfe von Produzent George Martin den Song mit einem pompösen orchestralen Schlussakkord verklingen. In vielen Auflistungen der besten Alben aller Zeiten findet sich »Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band« auch heute noch oft auf Platz eins. Ob das den Fans von damals bewusst war, ist fraglich. Ebenso, ob sie ahnten, dass die Gruppe kurz nach Veröffentlichung der LP bereits Zerfallserscheinungen zeigte. Symptome dafür gab es einige.

Heimlicher Schwanengesang

Im August 1967 starb der langjährige Manager der Beatles, Brian Epstein. Ohne ihn musste sich das Quartett neu orientieren, was vor allem zwischen John und Paul zu Konflikten führte. George Harrison kam mit seinen Songwriterqualitäten wie gehabt kaum zum Zuge, sein Frust darüber wurde immer größer. Ringo Starr verließ bei der Produktion zur nachfolgenden LP, entnervt von den bandinternen Spannungen, die Aufnahmesessions. Lennon wandte sich dem Weltfrieden und seiner zweiten Frau Yoko Ono zu. Deren permanente Anwesenheit im Studio trug auch nicht zur Besserung des Betriebsklimas bei.

So scheint es rückblickend, als wäre »Sgt. Peppers« der heimliche Schwanengesang, das letzte große Werk der Beatles. Hier fungierten sie noch einmal als Einheit, ihre offenkundige Aufbruchstimmung setzten sie musikalisch um und schufen eine Platte, die nicht von allen als ihre beste, aber von vielen als ihre bedeutendste angesehen wird – und die im Universum der Tonträger wohl auch in 50 Jahren noch Erwähnung findet.

Kommentare

St. Pepper- kein Experiment, aber Langzeitwirkung!

Auch 47 Jahre nach der Trennung der Beatles und erst recht 50 Jahre nach dem legendären SPLHCB-Album ist es immer wieder amüsant, dass Redakteure sich auf Wikipedia-Wissen beschränken, wenn es um bestimmte Themen geht. Richtig ist zumindest, das Pepper ein legendäres Album ist auf dem alle vier noch einmal gemeinsam zeigen, was sie können. Distanziert hatten sich die Fab Four allerdings schon länger - von sich, von gemeinsamer Musik, von einer weiteren Bandentwicklung.

Wesentlicher Grund ist dabei McCartney, der sich mehr dem kommerziellen Weg verschreiben wollte. Sein "When I'm Sixty-Four" war Lennon und Harrison schon während der Produktion peinlich. Starr entpuppte sich als passabler Drummer, singen konnte er nie und hat es auch nicht mehr gelernt. Das" Lucy In The Sky" das Kürzel für LSD sei (und daher in der BBC auch nicht gespielt wurde), ist eine der vielen abgeschriebenen und unbewiesenen Behauptungen (gleichwohl haben damals alle großen Musiker mit Drogen experimentiert und die Beatles gern mi tText-Chiffren). Highlights sind auch "Getting Better", "Being For The Benefit of Mr Kite", und "Within You, Without You". Ja, und "A Day In A Lifie" ist bombastisch, erschreckend, legendär, unerreicht.

Der kreativ-experimentelle Höhepunkt der Beatles-Musik findet sich in der Tat auf "Revolver", dass sich heute noch aktuell anhört (wie einiges mehr von ihnen) und überraschenderweise auf "Abbey Road", jenem perfekt produzierten letzten Album, bei dem McCartney die ganze Bandbreite seines unbestrittenen Könnens und Lennon sich als Perfektionist glasklarer knapper Komposition zeigen. Dazu zwei geniale Harrison-Songs.

Beatles? Was für alte Säcke. Vielleicht. Aber in zahlreichen aktuellen Songs finden sich Zitate dieser Band, die nicht vergessen werden und weiter wirken. Und wenn die Bendzkos, Fischer's, Toten Hosen, Maffays, Lindenbergs u.v.a. längst vergessen sind, laufen die Beatles-Scheiben immer noch.

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