ZDF-Moderatorin Dunja Hayali setzt sich für Flüchtlinge ein und hält die Gesellschaft für stark genug »Wer soll es schaffen, wenn nicht Deutschland?«

Berlin (WB). Dunja Hayali, Moderatorin des ZDF-Frühstücksfernsehens, setzt sich für Flüchtlinge ein – und muss ähnliche Hasskommentare aushalten wie Til Schweiger und andere TV-Prominente. Andreas Schnadwinkel hat mit Dunja Hayali über ihr Engagement und die Rolle Deutschlands gesprochen.

Foto: dpa/Karlheinz Schindler

Sie engagieren sich sehr für Flüchtlinge und zeigen eine starke Haltung. Welche Rolle spielt dabei die irakische Herkunft Ihrer Eltern?

Dunja Hayali: Dass meine Wurzeln dabei eine Rolle spielen, kann ich nicht ausschließen. Wenn man so viel Glück im Leben gehabt hat wie ich, dann will man von diesem Glück etwas zurückgeben. Der Einsatz für Flüchtlinge ist für mich so oder so völlig selbstverständlich, einfach menschlich. Ich war im Mai im Irak und stellte mir natürlich die Frage »Was wäre, wenn...?«.

Für wie groß halten Sie die Hilfsbereitschaft in Deutschland?

Hayali: Die Reaktionen auf meine Stellungnahme sind überwiegend positiv, die Hilfsbereitschaft ist sehr groß. Dabei spielt auch die deutsche Vergangenheit eine Rolle. Aber viele Bürger haben sich davon gelöst und ein neues Selbstbild ihres Landes entwickelt. Das hängt sicher auch mit dem Sommermärchen der Fußball-WM 2006 zusammen, das einen Impuls zu mehr Offenheit gegeben hat. Und was wir jetzt sehen, ist die Wirklichkeit und nicht nur Friede, Freude und viele Tore.

Zur Person

Dunja Hayali (41) ist in Datteln als Tochter irakischer Christen aus der Stadt Mossul zur Welt gekommen. Ihr Vater ist ein syrisch-orthodoxer Christ, ihre Mutter chaldäisch-katholische Christin. Dunja Hayali ist Katholikin und war in ihrer Jugend Messdienerin. Die Eltern zogen von Bagdad zunächst nach Wien, um Medizin und Pharmazie zu studieren. Zum Zeitpunkt der Geburt Hayalis führte ihr Vater eine eigene Praxis in Datteln. Hayalis älterer Bruder ist ebenfalls Arzt.

Die Fernsehmoderatorin ist Unterstützerin des Vereins »Gesicht Zeigen!« und unterstützt als Botschafterin die Initiative »Respekt! Kein Platz für Rassismus«.

Ihre Eltern stammen aus der irakischen Stadt Mossul, in der heute der »Islamische Staat« (IS) herrscht. IS ist eine der Hauptursachen für die Fluchtbewegungen. Was kann die Welt gegen IS tun?

Hayali: Der Kampf gegen IS ist der Schlüssel. Auf Dauer kann es nicht sein, dass Menschen aus Syrien und dem Irak ihre Heimat verlassen müssen. Das Problem kann kurzfristig nicht gelöst werden. Saudi-Arabien und Katar müssten stärker in die Anti-IS-Allianz eingebunden werden, was die Bekämpfung der Terrormilizen und die Aufnahme von Flüchtlingen betrifft. Wenn ich es mir wünschen könnte, würde ich auf einen Knopf drücken, und der IS wäre verschwunden. Einen erneute Bodenoffensive im Irak kann ich mir nicht vorstellen. Denn die vergangenen Einmärsche sind der Grund dafür, dass meine Heimat so dasteht, wie sie dasteht.

Empfinden Sie den Irak als Heimat, obwohl Sie in Deutschland geboren sind?

Hayali: Ich habe beides in mir. Ich bin froh, in Deutschland zu leben. Aber ich bin auch froh, die irakische Kultur mitbekommen zu haben. Der Irak ist ein wunderschönes Land. Es tut so weh zu sehen, wie es zerstört wird.

Mit Ihrem Satz »Es gibt keine Asylschmarotzer« erwecken Sie den Eindruck, bei den Flüchtlingen nicht unterscheiden zu wollen zwischen denen, die Asylanspruch haben, und denen, die keinen Asylanspruch haben. Ist das so?

Hayali: Ich finde auch, dass man genau hinschauen muss, wer da zu uns kommt. Mein Satz sollte keine Doktorarbeit sein. Aber ich bleibe dabei, dass es keine Asylschmarotzer gibt. Jeder Mensch hat das Recht, in Deutschland Asyl zu beantragen. Und dann entscheidet der Staat, ob eine Person Asylrecht hat oder nicht. Ich habe mir – leider – auch angewöhnt, zwischen Kriegsflüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen zu unterscheiden. Aber ich finde es etwas bigott. Denn viele Deutsche haben nach den beiden Weltkriegen ihr Land auch aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. Wenn es meinem Land nicht gut geht und ich mich um die Zukunft meiner Kinder sorge, dann mache ich mich auf den Weg. Das kann man doch den Menschen nicht vorwerfen.

Teilen Sie die Befürchtung, dass sich unsere Gesellschaft wegen der Flüchtlinge spalten könnte?

Hayali: Jeder hat das Recht, seine Zweifel zu äußern. Viele Sorgen sind berechtigt. Aber wer soll es schaffen, wenn nicht Deutschland? Ich möchte die Diskussion nicht ideologisieren. Die Menschen kommen, wir werden sie nicht aufhalten können. Ich glaube nicht, dass wir uns spalten. Denn die Hilfsbereitschaft ist enorm. Und da muss die Politik aufpassen, dass diese positive Stimmung nicht kippt. Helfer übernehmen Aufgaben des Staates und müssen dabei unterstützt werden.

In diesem Jahr kommen mindestens 800 000 Flüchtlinge zu uns. Der Zustrom wird gewiss nicht abebben. Wie kann die Aufnahmebereitschaft erhalten werden?

Hayali: Indem unser Staat dafür sorgt, dass schneller geprüft wird, wer Asylanspruch hat oder wer nicht. Und wer keinen hat, muss Deutschland verlassen. Dann bleiben vielleicht 400 000 Menschen, und das können wir stemmen, wenn die Politik Lösungen findet und Strukturen schafft.

Wie sehen Sie die Rolle der Medien in der Flüchtlingskrise?

Hayali: Die Aufgabe ist nicht einfach, Maß und Mitte zu halten. Wir müssen die positiven Beispiele zeigen, aber auch Vorfälle wie in Suhl, wo sich Flüchtlinge untereinander Schlägereien geliefert haben. Wir müssen immer wieder erklären, warum Flüchtlinge nicht arbeiten dürfen, warum sie Smartphones haben und 6000 Euro für einen Schlepper bezahlen können. Wir Medien können und müssen viel tun. Hingucken und aufklären.

Führen die feuchten Augen Ihres ZDF-Kollegen Claus Kleber beim Bericht über den Busfahrer, der Flüchtlinge begrüßt, zu weit?

Hayali: Auch wenn es banal klingt, aber Fernsehmoderatoren sind auch nur Menschen. Wir haben tagtäglich die nötige Distanz, aber wenn die Rührung eines Moderators einmal zum Vorschein kommt, finde ich das absolut legitim. So etwas ist nicht gespielt. Eine Momentaufnahme.

Wie leicht oder schwer fällt es Ihnen, Hassmails gegen sich zu ertragen?

Hayali: Schön ist das nicht. Aber ich lese tatsächlich alles. Ich habe mich bei den Unterstützern bedankt und einige Hasskommentare veröffentlicht. Ich will zeigen, dass das nicht geht und dass ich mich davon nicht herunterziehen lasse. Die Zustimmung macht Mut. Aber es geht mir nicht um mich, es geht um die Sache, es geht um die Menschen.

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