Das Drama um Aylan Kurdi aus Syrien bewegt die Welt Warum wir hier kein totes Kind zeigen

Bielefeld (WB). Aylan Kurdi ist tot – im Mittelmeer ertrunken und von den Wellen an den Strand nahe der türkischen Stadt Bodrum gespült. Darf man das Foto des Jungen zeigen? Muss man es sogar? Im WESTFALEN-BLATT zeigen wir das Foto – aber nicht das tote Kind. Aus Respekt vor der Menschenwürde und als Absage an einen Überbietungswettbewerb um das schreckliche Foto in den Medien.

Von Dietmar Kemper
Am Strand nahe der türkischen Stadt Bodrum lag das Flüchtlingskind Aylan Kurdi. Das Foto illustriert das Scheitern der europäischen Flüchtlingspolitik. Aus Respekt vor der Menschenwürde haben wir den Jungen gepixel.
Am Strand nahe der türkischen Stadt Bodrum lag das Flüchtlingskind Aylan Kurdi. Das Foto illustriert das Scheitern der europäischen Flüchtlingspolitik. Aus Respekt vor der Menschenwürde haben wir den Jungen gepixel. Foto: AFP

Der syrische Junge war am Mittwoch entdeckt worden. Seine Familie wollte nach Kanada, aber ihr Boot kenterte auf der Fahrt zur griechischen Insel Kos. Abdullah Kurdi versuchte seine beiden Söhne und seine Frau zu retten – vergeblich. Nur er überlebte. Die türkische Fotografin Nilüfer Demir machte das Foto von seinem ertrunkenen dreijährigen Sohn Aylan – einige Zeitungen haben es schon veröffentlicht, andere werden den toten Jungen nicht zeigen, so wie das WESTFALEN-BLATT. Nach langer Diskussion in der Redaktion haben wir uns dazu entschlossen, die Szenerie nur zu beschreiben. Die Vorstellung davon, was sich da im Mittelmeer ereignete, ist schon schlimm genug. Neben dem Foto, das den Jungen wie schlafend zeigt, gibt es noch ein zweites Motiv, das den Moment festhält, in dem ein türkischer Polizist den kleinen Leichnam wegträgt. Dieses Bild macht die Verantwortung Europas für das Flüchtlingsdrama deutlich, ist aber für uns trotzdem inakzeptabel, weil wir keine toten Kinder zeigen wollen.

»Erregungsmaschinen der modernen Mediengesellschaft«

Vor allem mit Blick auf die digitalen Medien wie Twitter und die Online-Portale von Magazinen spricht der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von den »Erregungsmaschinen der modernen Mediengesellschaft«. In ihrem »Informationsgewitter« sähen sie überall Stoff für Empörung.

Der Überbietungswettbewerb bei Texten und Bildern gefährdet unserer Meinung nach die Menschenwürde und leistet der Sensationsgier Vorschub. Ein totes syrisches Flüchtlingskind zu zeigen, ist ethisch nicht vertretbar.

Auch wenn Bilder mehr als 1000 Worte sagen mögen, heißt das nicht automatisch, dass Medien alle veröffentlichen müssen. Viele Menschen scheinen genauso zu denken: Wegen der Zurschaustellung des syrischen Jungen gingen beim Presserat gestern bereits mehr als ein Dutzend Beschwerden ein. In der Tat widerspricht es den Ziffern 1 und 11 des Presserats, die die Einhaltung der Menschenwürde anmahnen und vor Sensationsberichterstattung warnen, wenn ein totes Kind Auflage oder Klickzahl hochtreiben soll.

Gewöhnungseffekt

Diejenigen, die das Foto des Jungen veröffentlichen, argumentieren, es habe das Zeug zum Symbolbild, so wie das Mädchen, das während des Vietnamkriegs nackt vor US-Soldaten davonrennt. Symbolbilder würden Politiker zudem
aufrütteln. Ist das so? In der Vergangenheit gab es viele schreckliche Bilder und damit verbunden Appelle zu handeln. Passiert ist meist nichts. Es gibt einen Effekt der Gewöhnung an Katastrophen, weil es so viele gibt.

Auch weil Medien immer wieder eine neue Sau durchs Dorf trieben, sei »jedem Aufreger ein rasches Verfallsdatum aufgeprägt«, sagt Pörksen. Schnell beginne dann bei Lesern und Zuschauern das Vergessen. Mit seinem Körper in den Mittelpunkt gerückt und dann abgehakt zu werden – dieses Schicksal hat Aylan Kurdi nicht verdient.

Kommentare

Auch wenn ich persönlich anderer Meinung bin, finde ich die Haltung des WB respektabel und nachvollziehbar.

Nur eine Bitte. versteckt Euch doch nicht immer hinter irgendwelchen Medienwissenschaftlern (nicht nur in diesem Fall), die die eigene Meinung bestätigen. Das sollte eine Redaktion wie die des WB doch nicht nötig haben.

Auch wenn ich Abonnent eines Wettbewerbers bin, freue ich mich, dass sich das Westfalenblatt so entschieden hat und nicht am erwähnten 'Überbietungswettbewerb' teilnimmt.

Leider dient dieses Photo einmal mehr vielen Medien als Grundlage, als die großen Weltverbesserer dazustehen und durch Drücken auf die Tränendrüse zu polarisieren.
Heraus kommt dann in der Regel aber meistens nur eine Hetzkampagne gegen die Politik. Da frage ich mich, wem damit geholfen ist.
Ich gehe davon aus, dass einige Redakteure hier einfach nur mit der Masse mitlaufen, um sich nicht dem Shitstorm irgendwelcher xxx aussetzen zu müssen. Soetwas geht ja heutzutage 'dank' Twitter etc. sehr schnell.

Im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsdrama fällt hier bspw. immer wieder der Stern-Online Chefredakteur Philipp Jessen auf, der in seinem 'persönlichen Kommentar' menschenfreundlichkeit heuchelt, und sich immer auf die Seite derjenigen schlägt, die bei der Gesellschaft gerade 'hoch im Kurs stehen'.
Ob man so den Kreis seiner Leserschaft dauerhaft erweitern kann, wage ich zu bezweifeln.

Meiner Meinung nach sollte ein Chefredakteur einer so bedeutenden Publikation objektiv bleiben und auf das Verbreiten von Kommentaren, die unter die Gürtellinie gehen und Randgruppen diffamieren, verzichten.

Das Westfalenblatt hat es zum Glück nicht nötig, derart traurige Themen als Anziehungsmagnet zu nutzen; danke dafür!

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