Hasstiraden im Internet sollen demütigen und herabsetzen Tummelplatz von Asozialen

Bielefeld (WB). Bundeskanzlerin Angela Merkel, Kabarettist Dieter Nuhr , Schauspieler Til Schweiger , Nobelpreisträger Sir Timothy Hunt und die Studentin Tanja Fuß: Sie alle erlebten zuletzt einen Shitstorm. In Kommentaren im Internet wurden sie beleidigt, verunglimpft, lächerlich gemacht. Bei Shitstorms werden soziale Medien wie Facebook zu asozialen und die Häme-Gesellschaft tobt sich aus.

Demütigen an der Tastatur: Shitstorms in sozialen Netzwerken nehmen zu.
Demütigen an der Tastatur: Shitstorms in sozialen Netzwerken nehmen zu. Foto: dpa

Der verbale Vernichtungsfeldzug kann sich gegen prominente und nicht prominente Menschen richten. Die Kanzlerin wurde attackiert, weil sie im Ukraine-Konflikt den Gesprächsfaden zu Russlands Präsident Wladimir Putin nicht abreißen lassen will und weil sie bei einer Veranstaltung in Rostock erklärte, Deutschland könne nicht alle Asylbewerber aufnehmen. Über Studentin Tanja Fuß, bis dahin völlig unbekannt, ergoss sich kübelweise Schadenfreude, als sie am 15. Juni in Günther Jauchs RTL-Quiz »Wer wird Millionär?« an der ersten Frage scheiterte.

»Diese Argumentation ist widerwärtig«

Beim Shitstorm gehe es immer um die Demütigung und Herabsetzung eines Menschen, erläutert der Medienwissenschaftler Jo Groebel. Wer eine andere Meinung habe als man selbst, werde niedergemacht. Als Kennzeichen des Shitstorms nennt Groebel die Anonymität, das Gefühl, dass die eigene Meinung von anderen geteilt wird, die Tendenz zum Extrem, die Bildung von Insider- und Outsidergruppen und die Betonung des Emotionalen zu Lasten des Sachlichen. Immer wieder komme die Behauptung hinzu, anders als durch Pöbeln könne man sich ja gegenüber den »Mächtigen« kein Gehör verschaffen. Groebel findet diese Argumentation »widerwärtig«. In Deutschland müsse anders als etwa im Iran niemand in die Anonymität flüchten.

Durch die üblen Anfeindungen würden Politiker, Wissenschaftler und Schauspieler eingeschüchtert und davon abgehalten, unkonventionelle Meinungen und Thesen zu vertreten. Groebel befürchtet, dass Debatten verarmen und nur wiederholen, was als political correct angesehen werde. »Wir dürfen uns von der Gedankenpolizei mit der Waffe Shitstorm nicht die Freiheit des Wortes nehmen lassen«, sagte der Wissenschaftler dem WESTFALEN-BLATT.

»Ein Shitstorm ziehlt auf die Vernichtung einer Persönlichkeit oder Position«

Sein Kollege Bernd Gäbler sieht das Problem in der Art des Mediums angelegt. Beispiel Twitter: Es lebe von der Schnelligkeit und verlange nach möglichst originellen Formulierungen. »Ein Überbietungswettbewerb führt immer zu Eskalation, nicht zu einem klugen, ausgewogenen Austausch von Argumenten«, betont Gäbler, der an der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld Journalistik lehrt. Ein Shitstorm ziele auf die »Vernichtung einer Persönlichkeit oder Position« und stelle die »kostenloseste und manchmal schäbigste Form von Engagement« dar, sagte der Experte dieser Zeitung.

Gäbler und Groebel sind sich darin einig, dass Shitstorms keinen konstruktiven Beitrag zu einer Diskussion leisten. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sieht das anders. Er spricht von der neuen »Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters«. Pörksen verweist auf die Diskussion, die sich nach der sexistischen Äußerung des FDP-Politikers Rainer Brüderle zu einer Journalistin, die angeblich ein Dirndl gut ausgefüllt hätte, entspann. Auf diesem Wege sei der alltägliche Sexismus Thema geworden. Über die aggressive Wortwahl solle man dann hinwegsehen, meint Pörksen.

»Null-Toleranz-Politik« für Schulen und Unternehmen

Gäbler meint das ganz und gar nicht: Jeder, egal ob prominent oder nicht, habe Anspruch darauf, dass die Regeln des Anstands auf ihn angewendet werden. Aber wie wird das Internet weniger dreckig? Groebel fordert, die Paragrafen für Beleidigung oder gar Morddrohungen konsequent auch im Internet anzuwenden. Schulen und Unternehmen ermahnt er zu einer »Null-Toleranz-Politik«, wenn es um Cybermobbing geht. Jede Klasse  sollte einen Mobbingbeauftragten haben.

Der Professor für Internetrecht an der Universität Passau, Dirk Heckmann, fordert ein Gesetz zur Verbesserung des Persönlichkeitsschutzes im Internet und eindeutige Regelungen zur Störerhaftung. Damit sind klare Vorgaben für die Provider gemeint, wann sie Beiträge auf ihren Seiten löschen müssen. Zudem hält der Jurist es für sinnvoll und erforderlich, dass alle, so wie es Facebook bereits praktiziert, Meldebuttons installieren. So würden strafrechtlich relevante Kommentare schneller entdeckt. Durch entsprechende technische Hilfsmittel könnten solche Beiträge eingefroren werden und der Staatsanwaltschaft zur Beweissicherung dienen. Von den Bundesländern würde sich Heckmann wünschen, dass sie den Schülern mehr Medien- und Internetkompetenz vermitteln und ihnen die Folgen ihres Tuns klarmachen. »Viele Schüler posten drauflos und wissen gar nicht, was sie damit anrichten. Die Schulen sollten ihnen deutlich machen, was das Weiterleiten von Nacktfotos bewirken kann.«

Gäbler wiederum setzt auf einen Erziehungsprozess. Er hofft darauf, dass sich im Internet mit der Zeit Etiketten herausbilden, sozusagen die gute Kinderstube Einzug hält: »Die Gesellschaft muss sich aus sich selbst heraus zivilisieren.«

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