Oelde
Verls taffe Frauen auf Rundgang entdecken

Verl (rast) - Manchmal kommt es anders, als man denkt. „Eigentlich wollte ich ja keine Stadtführungen machen“, erzählt Anita Stuckmann. Jetzt veranstaltet die 66-Jährige bereits ihren zweiten Rundgang. Dabei hat sie sich ein ganz besonderes Thema ausgesucht: Verler Frauenpersönlichkeiten.

Montag, 02.03.2020, 18:46 Uhr

Die Heimatverein-Gruppe von Frauen, für Frauen, über Frauen (FFF) hatte Anita Stuckmann gefragt, ob sie eine Stadtführung machen könne. Die Verlerin sagte trotz ihrer Vorbehalte zu. Anfangs habe sie hin und her überlegt, welches Thema sie denn überhaupt nehmen solle. „Es wird immer so viel über Männer gemacht, da habe ich mich gefragt, ob es auch interessante Frauen gibt“, erzählt Anita Stuckmann.

Als sie das Thema dem Vorstand des Heimatvereins vorschlug, hieß es leidenschaftslos „ja, mach mal“. Ein sicheres Zeichen, dass niemand so wirklich daran glaubt, dass eine Aufarbeitung zu tiefgreifenden Erkenntnissen führen könnte. „Gibt es denn überhaupt Frauenpersönlichkeiten in Verl?“, habe es anfangs geheißen. Doch je tiefer Anita Stuckmann in die Materie einstieg, desto interessanter wurde es. „Wenn man in einem Thema drin ist und man merkt, dass da etwas zu holen ist, ist man von der Sache gefesselt.“

Als gebürtige Beckumerin fehlten Anita Stuckmann naturgemäß als Quelle die Erzählungen von Eltern und Verwandten oder Erinnerungen aus der Schulzeit. Trotzdem kam sie bei ihrer Recherche gut voran. Die Grundlage bildete unter anderem das Verler Stadtarchiv. Aber der Rietberger Fundus gab einiges her. Dabei konzentriert Anita Stuckmann sich nicht nur auf Einzelpersonen, sondern beleuchtet auch Gruppen, die in einer bestimmten Zeit Besonderes geleistet haben.

Zum Beispiel die Frauen, die darum kämpfen mussten, studieren zu dürfen. Und es gab in Deutschland Zeiten, in denen musste eine Frau ihren Ehemann um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollte. Kalter Kaffee? Keineswegs, erst 1977 wurde das Gesetz geändert. Und erst im Jahr 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen, womit sie ohne Erlaubnis ihres Mannes selber ein eigenes Bankkonto eröffnen durfte.

„Es war ein schwerer Weg für die Frauen“, sagt Anita Stuckmann. Verl war früher ein armer Landstrich. Weshalb die Männer ihr Geld oft als Wanderarbeiter verdienen mussten. „Arm an Geld, reich an Sorgen“, hieß es damals. Daheim meisterten die Frauen das Leben – obwohl sie in den Augen der Gesellschaft ja eigentlich nichts „wert“ waren. Stuckmann: „Die konnten hier aus nichts etwas machen.“

Verler Frauenpersönlichkeiten – das sind diejenigen, die nicht viel Aufhebens um ihr Wirken gemacht haben. Trotzdem haben sie etwas bewegt und einen Eindruck hinterlassen. Da wäre die 1901 geborene und 1993 gestorbene Gertrud Schnatmann. Als Hebamme hat sie in 43 Jahren 4500 Kindern auf die Welt geholfen. Dafür war sie mit dem Fahrrad unterwegs. Nicht ungewöhnlich. Später mit dem Moped schon eher. Mach dein Ding, war ihr Motto. Auch als sie mit ihrem VW Käfer die erste Autofahrerin in Verl war. Elfriede Helfberend war ebenfalls Hebamme. Eine Frau, die über den Tellerrand hinausgeblickt hat. In ihrem Haus am Hiegersweg 7 richtete sie 1957 im Obergeschoss eine eigene Entbindungsstation ein.

Immer wieder haben Verler Frauen sich allen Widrigkeiten zum Trotz durchgesetzt. Zum Beispiel als Lehrerin, in Zeiten, in denen es das Beamtinnenzölibat noch gab. Frauen, die heirateten, verloren ihren Beamtenstatus. Weniger verkrustet das Denken von „Frollein“ Christine Kaup, die sich als erste Lehrerin in Verl mit, auch nach heutigen Maßstäben modernen Lehrmethoden einen Namen gemacht hat. Offensichtlich nachhaltig, denn ein in Berlin lebender Verler hat seinerzeit in der „Glocke“ auf Platt eine ultimative Lobhudelei veröffentlicht.

Geholfen hat wahrscheinlich, dass die „Lehrerin ein junges Ding war, wacker und immer fröhlich“. Und dass sie bereits erkannt hatte, dass nach Phasen angestrengten Lernens Entspannungsübungen folgen müssen. „Dat wören Stückskes, wo wi olle Faxen bei maken und us ok giegenseitig knuffen können“, heißt es in dem Bericht.

 Andere werden dagegen differenzierter gesehen. Die 1967 pensionierte Antonie Rodemeier war an der Marienschule Verls erste Rektorin. Eine bemerkenswerte Karriere. Ihre strenge Erziehungsmethode mit dem Rohrstock fand weniger Anklang und wurde als „schwarze Pädagogik“ bezeichnet.

Hinter der Fassade der alten Apotheke Maus an der Hauptstraße gegenüber der Einmündung Sender Straße verbirgt sich eine spannende Geschichte. Elisabeth Maus hat als eine der ersten Frauen in Deutschland Pharmazie studiert. Keine Selbstverständlichkeit. 1919 hat sie ihr Examen gemacht. „Frauen mussten kämpfen, um studieren zu können“, erzählt Anita Stuckmann.

Elisabeth Maus musste jedoch auch anschließend noch kämpfen. Da ihr Ehemann im Zweiten Weltkrieg gefallen war, führte sie die Apotheke. Sonntags herrschte regelmäßig Hochbetrieb. Nach dem Kirchgang nutzten die Verler die Gelegenheit, sich mit benötigten Medikamenten zu versorgen. Gleichzeitig musste sie sich um ihre sieben Kinder kümmern.

Zu dem Rundgang Verler Frauenpersönlichkeiten am Samstag, 7. März, 15 Uhr ab Heimathaus sind nicht nur Frauen eingeladen.

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