Profifußball wie in einem „gallischen Dorf“: Für Ben Zolinski hat sich in Aue nicht viel verändert
Immer bis ans Limit

Paderborn -

Der Reiz war riesig und die Zeit reif: Als Ben Zolinski im Sommer nach vier Jahren den SC Paderborn 07 verließ, hatte der 28-Jährige mit dem Verein innerlich abgeschlossen.

Samstag, 09.01.2021, 03:00 Uhr
Ben Zolinski ist in Aue angekommen: Der 28-Jährige, hier im Zweikampf mit 96-Kapitän Dominik Kaiser, Foto: Peter Steffen/dpa

 Die Wahl fiel nach langer Überlegung mit Erzgebirge Aue aber auf einen ähnlich kleinen Klub. Am Sonntag (13.30 Uhr, Sky) treffen beide Vereine aufeinander.

Vier Jahre, zwei Auf- und zwei Abstiege, 143 Spiele, 26 Tore und dazu die Umschulung vom Rechtsverteidiger zum Außenstürmer – Ben Zolinski brauchte nach den Höhen und Tiefen in Ostwestfalen dringend eine Luftveränderung. „Ich habe in Paderborn mehr erlebt als andere in ihrer gesamten Laufbahn“, sagt er mit einem Lächeln und fügt hinzu: „Bei aller Wertschätzung für den SCP, diese gewisse Abnutzung war für mich fühlbar. Deshalb habe ich mich am Ende mit voller Überzeugung für Aue als Herausforderung entschieden.“

Ein Schritt, den sein Paderborner Trainer auch aus einem anderen Grund nachvollziehen kann. Er habe gerade im vergangenen Jahr durch die relativ wenigen Spiele keine leichte Zeit gehabt, sagt Steffen Baumgart dem WESTFALEN-BLATT, macht aber auch deutlich: „Wenn die Qualitäten, die Ben als Mensch besitzt, andere mit mehr Talent auch hätten, dann würden sie ganz woanders spielen.“ Die Art des Vollgas-Fußballers, der immer ans Limit geht und im Teamsport Fußball regelmäßig die meisten Kilometer rennt, weiß auch sein neuer Coach Dirk Schuster zu schätzen: „Er ist überragend angekommen.“

Erfahren, effektiv, ekelig – so beschreibt Zolinski seine neue Mannschaft in einem Verein, der in der kleinsten Zweitligastadt Deutschlands sein Zuhause hat. Aue zählt nur knapp 18.000 Einwohner, hat sich aber längst in der zweithöchsten Klasse etabliert und könnte in dieser Saison zum ersten Mal sogar in 1. Liga aufsteigen. Das Angriffs-Trio Zolinski, Pascal Testroet und Florian Krüger hob die „Bild“ bereits erstligareif als „Magisches Dreieck“ in den Fußball-Himmel. Mit Dirk Schuster steht außerdem jemand an der Linie, dem 2015 mit dem Darmstädter Doppel-Aufstieg sogar der Durchmarsch bis in die Bundesliga gelang. Dem 53-Jährigen wird nun im Osten der Republik ein ähnliches Fußball-Wunder zugetraut, zumal er mit Helge Leonhardt noch einen äußerst erfolgsorientierten Unternehmer als Präsidenten an seiner Seite hat. „Er polarisiert und provoziert. Aber er steht auch zu seinem Wort und vergisst zudem nie, wo der Klub herkommt“, beschreibt Zolinski den Boss und vergleicht den 62-Jährigen auch ein bisschen mit dem verstorbenen SCP-Präsidenten Wilfried Finke: „Fördern, fordern und gleichzeitig auch Fan sein. Das hatte ich in dieser Form zuvor nur in Paderborn erlebt.“

40 Punkte und damit der sicherere Ligaerhalt sind das Saisonziel. Nach 14 Spieltagen sind es aber bereits 22. „Wir setzen erst dann neue Prioritäten, wenn Plan A erfüllt ist“, wehrt Zolinski alle Fragen nach einem neuen Saisonplan schnell ab. Und das, obwohl er noch mehrere Parallelen zum Ex-Klub entdeckt: „Auch Aue ist im Profifußball wie ein gallisches Dorf. Die kleine Stadt mit dem Stadion in den Bergen hat Charme, hier steckt auch wieder ganz viel Herz drin. Und damit kann man ganz viel erreichen.“

Und der SC Paderborn? „Dem Verein würde ich nach den sehr turbulenten vergangenen sechs Jahren etwas ruhigere Zeiten und mal eine weitere Saison in der gleichen Spielklasse wünschen. Etwas mehr Ruhe täte sicherlich allen Beteiligten ganz gut.“

Den Hamburger SV, die SpVgg Greuther Fürth und den VfL Bochum sieht Zolinski fußballerisch weiter, am Sonntag erwartet der gebürtige Berliner offene 90 Minuten: „Das wird ein heißer Ritt, der durch Tagesform, Spielglück und Fehler im Spiel entschieden wird.“ Gleichzeitig warnt der Außenstürmer seine Mitspieler vor der Mentalität der Ostwestfalen: „Die geben nie auf.“ So wie Ben Zolinski. In der vergangenen Saison stand er immer im Kader und war mit vollem Einsatz da, wenn man ihn brauchte. Auch wenn er nur auf 14 Einsätze kam.

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