Für Aues Trainer Dirk Schuster wird das Corona-Virus den Fußball nachhaltig verändern
„Dieser Weg ist mehr als bedenklich“

Aue -

Seit August 2019 trainiert Dirk Schuster den FC Erzgebirge Aue und führte den Abstiegskandidaten bereits in seiner ersten Saison auf Platz sieben. Am Sonntag (13.30 Uhr, Sky) ist der 53-Jährige mit den Sachsen beim SC Paderborn 07 zu Gast.

Freitag, 08.01.2021, 03:30 Uhr
Seit August 2019 als Trainer im Amt: Dirk Schuster führte den FC Erzgebirge Aue in die Spitzengruppe der 2. Liga.

Vor dem Zweitligaduell spricht er über das Phänomen Aue, Typen im Fußball, den SCP und sagt, wie die Corona-Pandemie aus seiner Sicht nicht nur den Sport verändern wird.

Herr Schuster, vor der Saison haben Sie gesagt: Unser Ziel besteht darin, drei Mannschaften hinter uns zu lassen. Bleibt es dabei?

Dirk Schuster: Definitiv. Wir sollten uns nicht vom Tabellenplatz blenden lassen, sondern auf die Anzahl der Punkte schauen. Da sind wir mit 22 ganz gut dabei, aber viele Mannschaften liegen mit sehr geringem Abstand um uns herum. Da müssen wir auf der Hut bleiben. Wir wollen kontinuierlich weiterpunkten, möglichst schnell die 40 vollmachen, um auch in der nächsten Saison Zweitligafußball in Aue anbieten zu können.

Erklären Sie doch bitte Mal dieses Phänomen Aue. Die Stadt hat nur etwa 16.000 Einwohner, der Verein spielt seit mehr als 30 Jahren immer in der 2. oder 3. Liga und läuft mittlerweile auch in einem modernen Stadion auf. Wie geht das?

Schuster: In der gesamten Region herrscht ein großer Zusammenhalt. Der Fußball wird hier mit viel Herzblut gelebt und verbunden. Mittelständische Unternehmen tragen den FC Erzgebirge Aue genauso im Herzen wie unsere Fans oder die Mitarbeiter der Geschäftsstelle. Auch die Gemeinde inklusive der lokalen Politik spielen eine sehr gute Rolle und unterstützen den Klub in jeder Beziehung – auch in schwierigen Zeiten. Nur so war es möglich, eine zweitligataugliche Infrastruktur zu schaffen und eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammenzustellen.

Sie haben beklagt, dass dem Fußball die Typen verloren gehen. Einen Typen haben Sie mit Helge Leonhardt als Präsidenten. Wie muss man sich die Zusammenarbeit vorstellen?

Schuster: Bisher ist es eine relativ harmonische Zusammenarbeit mit einem offenen Austausch, der von viel Vertrauen geprägt ist und auch Spaß macht. Beide Seiten scheuen sich nicht, kritische Punkte anzusprechen. Aber das ist in unseren Positionen auch zwingend notwendig. Nur so können wir den FC in ruhiges Fahrwasser bekommen.

In Ihrem Kader stehen mit Sören Gonther und Ben Zolinski zwei Profis mit Paderborner Vergangenheit. Welche Rolle spielen die beiden?

Schuster: Zunächst mal bin ich froh, dass sie bei uns sind. Benno haben wir ja erst kurz vor Saisonstart verpflichtet, er ist aber überragend angekommen und hat schon als Vorbereiter und als Torschütze geglänzt. Das alles könnte er aber am Sonntag noch ein bisschen aufpolieren. Sören ist schon einige Zeit hier in Aue und hat sich zu einem unverzichtbaren Baustein in unserem Defensivverbund entwickelt. Er ist ein Leader, Sprachrohr und Organisator – auf und neben dem Platz.

Der SC Paderborn scheint 2021 zum ersten Mal seit sieben Jahren nicht auf- oder abzusteigen. Wie nehmen Sie den Verein aus der Entfernung wahr?

Schuster: Besonders Paderborns erster Aufstieg in die Bundesliga ist mir noch in guter Erinnerung. Das sah 2014 wie ein Märchen aus, auch wenn der Verein nach nur einer Spielzeit schon wieder die Rückfahrkarte buchen musste und es dann für den SC Paderborn richtig steil runter ging. Mit Steffen Baumgart hat der SC Paderborn dann allerdings einen Glücksgriff gelandet.

Ist Steffen Baumgart für Sie noch so einer der wenigen Trainer-Typen?

Schuster: So, wie er sich als Mensch gibt, als Kollege verhält oder auch seine Art und Weise, wie er Fußball spielen lässt, genießt er bei mir sehr viel Respekt. Eigentlich in die Regionalliga abgestiegen und dann den Durchmarsch bis in die Bundesliga geschafft – das war vom SC Paderborn und speziell von Steffen Baumgart als Lokomotive an der Zugspitze eine außergewöhnliche Leistung. Das Jahr nach dem erneuten Abstieg ist bekanntlich schwierig, aber auch jetzt hat sich der SCP schon wieder gut etabliert und wird oben noch einmal angreifen.

Sie haben vor der Saison den HSV, Nürnberg, Hannover, Heidenheim und Darmstadt zu den Aufstiegsfavoriten gezählt. Bleibt es dabei?

Schuster: Mit Kiel, Fürth und Bochum sind noch drei Überraschungsmannschaften oben reingerutscht. Grundsätzlich lag ich aber gar nicht so verkehrt. Doch es wird sich noch einiges verschieben. In dieser Liga kann jeder jeden schlagen, deshalb gilt für mich: Nur wer 100 Prozent Bereitschaft und Willensstärke mitbringt, Kreativität einbringt und eine hohe Motivation zeigt, hat eine Chance, zu punkten.

Wird das Corona-Virus aus Ihrer Sicht den Fußball nachhaltig verändern?

Schuster: Ich glaube schon. Geisterspiele, Teilausschluss und jetzt wieder Fußball ohne Fans – das wird zu einem immer größer werdenden Desinteresse am Fußball führen. Das konnte man ja auch zwischendurch schon beobachten, als die Stadien wieder etwas öffnen durften, aber dennoch nicht alle Plätze, die zur Verfügung standen, verkauft werden konnten. Meiner Meinung nach befinden wir uns auf einem Weg, der mehr als bedenklich ist und mir persönlich überhaupt nicht gefällt. Die Begleitumstände rund um diese Corona-Nummer haben mit mit einem sozialen Leben in einer gesunden Gesellschaft nichts zu tun.

Zurzeit sind alle Stadien coronabedingt leer. Ist Profi-Fußball bei diesem Hintergrund noch ein fairer Wettbewerb?

Schuster: Das glaube ich schon. Die Einbußen in wirtschaftlicher Hinsicht durch wegbrechende Sponsoreneinnahmen oder durch leere Stadien sind ähnlich – da ist kein Verein besser gestellt. Auch wenn es natürlich Klubs mit einem aufgeblähten Kader, einer riesigen Geschäftsstelle oder einem größeren Stadien härter trifft. Allerdings hätten sich alle Vereine nach der Rückrunde der vergangenen Saison auf das einstellen können, was jetzt passiert. Dieser Lockdown war absehbar, da konnte jeder frühzeitig reagieren. Da wurde im Vorfeld niemand bevorzugt oder benachteiligt.

Fußball ohne Fans – niemand redet mehr vom Videobeweis. Hat nicht auch diese Regel den Graben zwischen Profifußball und Anhängern tiefer gemacht?

Schuster: Ich war noch nie ein unbedingter Befürworter des Videobeweises, aber diese Diskussion nimmt man im Moment nur nicht mehr so wahr, weil die Fans in den Stadien und damit die Emotionen fehlen. Früher wurden innerhalb weniger Sekunden Entscheidungen getroffen. Heute liegen Zeitspannen zwischen den Entscheidungen, in denen man in Ruhe einen Kaffee trinken kann. Auch das hat nicht dazu geführt, dass das Verhältnis besser geworden ist. Der von Ihnen beschriebene Graben ist daher noch größer geworden. Leider.

Zum Abschluss noch einen Ausblick: Wo sehen Sie den Profifußball in Deutschland in zehn Jahren?

Schuster: Keine Ahnung. Das kann ich nicht beurteilen. Da müsste ich jetzt in eine Glaskugel schauen können oder irgendwelche Karten legen. Grundsätzlich wird es zunächst mal darauf ankommen, wie sich unsere Gesellschaft mit den jetzt getroffenen Maßnahmen zurechtfinden kann, soll, darf oder muss. Ich kann es selbst nicht richtig formulieren, weil ja jeden Monat was anderes kommt. Im Prinzip fehlt uns für die nötige Kontinuität im normalen Leben und im Fußball zurzeit jegliche Grundlage. So lange sich da nichts ändert, kann man in meinen Augen für die Zukunft wenig voraussagen.

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