Paderborns Trainer Steffen Baumgart über Abstieg und Neuaufbau – mit Video
„Ich gebe nie auf“

Paderborn (WB). Nach nur einem Jahr schließt der SC Paderborn am Samstag (15.30 Uhr, Sky) mit einem Auswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt bereits wieder sein zweites Kapitel Fußball-Bundesliga. Die Ostwestfalen waren nie konkurrenzfähig und steigen als abgeschlagenes Schlusslicht ab. Über Gründe, Fehler und den Neuaufbau sprachen Peter Klute und Matthias Reichstein mit SCP-Cheftrainer Steffen Baumgart.

Samstag, 27.06.2020, 03:00 Uhr
Trainer-Klartext nach dem Abstieg: „Fakt ist, dass wir die schlechteste Mannschaft sind.“ Foto: Oliver Schwabe

Herr Baumgart, 20 Punkte nach 33 Spieltagen und nur vier Siege – der SC Paderborn kassierte viel Lob für seinen Mut, für die Leidenschaft und die Spielidee, war aber nicht konkurrenzfähig. War es allein eine Frage der individuellen Qualität?

Baumgart: Das wäre zu einfach. Fakt ist, dass wir die schlechteste Mannschaft sind. Wir haben die wenigstens Punkte geholt, die wenigsten Tore geschossen und die meisten Treffer kassiert. Diese Zahlen stehen, diese Bilanz müssen wir uns ankreiden und dürfen nicht auf andere zeigen. Denn eins ist ganz wichtig: Wir, der SC Paderborn, waren nicht gut genug für diese Liga. Das mag sich hart anhören, aber allein mit Mut, Enthusiasmus und Power kann man keine Saison überstehen. Darüber bin ich enttäuscht. Auch, weil mehr möglich war.

Wo genau war mehr möglich?

Baumgart: Wir haben in vielen Spielen unsere Chancen nicht genutzt. Da meine ich nicht das 1:1 in Leipzig oder das 2:3 in München. Ich rede von den vier Niederlagen gegen Mainz und Hertha sowie von der ersten Heimniederlage gegen Freiburg. Besonders bitter war aber das 1:5 gegen Werder Bremen. Da haben wir es noch nicht einmal annähernd geschafft, die Leistung auf den Platz zu bringen, die nötig war. Dieses 1:5 tat mehr weh als das 1:6 gegen Dortmund oder das 1:5 gegen Schalke. Warum? Weil in diesem Spiel auch zu sehen war, dass wir hier gegen eine Mannschaft chancenlos waren, die nur einen Platz über uns lag. Da würde ich mir gerne ein paar Ausreden aussuchen, aber da gibt es keine.

Der SCP hatte vor der Saison mit Klement und Tekpetey seine beiden besten Spieler verkauft und fast ausschließlich auf die Zweitliga-Mannschaft gesetzt. Haben Sie die Qualität überschätzt?

Baumgart: Nein. Fast jeder Spieler hat noch einen weiteren Schritt in seiner Entwicklung gemacht, der hat nur nicht gereicht. Aber das gilt ja auch für den Trainer. Auch ich habe gemerkt, dass noch etwas mehr Qualität dazugehört, wenn man in der Bundesliga als Trainer arbeitet.

Welche Qualität fehlte Ihnen?

Baumgart: Ich hätte das eine oder andere noch schneller und hartnäckiger einfordern müssen, um auf bestimmte Situationen schneller reagieren zu können. Ich muss mir auch die Frage stellen, welche zusätzlichen Möglichkeiten ich mir hätte schaffen müssen.

War sportlich damit alles schlecht?

Baumgart: Auf keinen Fall. Wir haben unser Gesicht gewahrt und über weite Strecken eine gute Saison gespielt. Deshalb ist der Abstieg für mich auch keine Katastrophe. Wir hätten auch mit einer besseren Mannschaft absteigen können.

Bitte etwas genauer: Wie meinen Sie das?

Baumgart: Nach Lage der Dinge wären wir wohl auch mit 30 Punkten abgestiegen. Aber dann wären wir wenigstens dicht dran gewesen. So waren wir weit weg. Und dafür trage ich als Cheftrainer die Hauptverantwortung.

Es fehlte der Mannschaft auch die nötige Erfahrung. Fehlten aber nicht auch mehr Anführer und Typen mit einer Beißer-Mentalität?

Baumgart: Das sehe ich nicht so. Uns fehlte mit Philipp Klement ein ganz besonderer Spieler. Das konnten wir nicht kompensieren. Wir konnten auch einen Sebastian Vasiliadis nicht adäquat ersetzen. Als Beleg nenne ich nur mal das 3:3 gegen den BVB. Wir führten 3:0, Vasi musste raus und da hat jeder gesehen, wie uns so ein Spieler fehlt. Vielleicht wäre es schon zum Saisonstart besser gelaufen, wenn Schonlau nicht verletzt gewesen wäre. Wobei es Uwe Hünemeier und Christian Strohdiek auch gut gemacht haben. Aber Anführer fehlten uns nicht, den Vorwurf weise ich klar zurück. Wir hatten Hünemeier, Strohdiek, Gjasula und auch Schonlau hat sich im Verlauf der Saison in die Position eines Führungsspielers hereingearbeitet.

War auch die Corona-Pandemie ein Grund für den Abstieg?

Baumgart: Nein, auch wenn so eine Saison noch keiner gespielt hat. Die Pause zwischendurch und die Situation, dass Ende Juni noch gespielt werden muss – das gab es noch nie. Das war in der Summe alles nicht einfach, aber dennoch hat dieser Verein immer eine große Ruhe ausgestrahlt.

Sie haben mal gesagt, „Jedes Spiel soll ein Feuerwerk von uns werden und wir wollen jedes Spiel genießen“. Wie viel Feuer und Genuss gab’s denn?

Baumgart: Ich würde es mal so ausdrücken: Wir haben als SC Paderborn eine Weltreise geschenkt bekommen, und waren am Ende alle genervt. So hat es sich für mich angefühlt. Trotzdem hat die Mannschaft Charakter gezeigt. Sie hat es immer wieder versucht, ist immer mit erhobenem Kopf aufs Feld marschiert, obwohl sie vom Papier her chancenlos war.

Gab es Momente, in denen Sie sich von der Mannschaft im Stich gelassen fühlten oder an Rücktritt gedacht haben?

Baumgart: Ich habe nie daran gedacht aufzugeben. Wenn ich zurücktreten würde, müsste ich ja davon überzeugt sein, dass es einer besser macht. Das war ich nie und werde ich auch nie sein. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass die Jungs mich im Stich lassen wollen. Natürlich werden sich Einzelne ungerecht behandelt gefühlt haben, weil sie nicht gespielt haben. Junge Leute glauben immer, dass sie es besser können als die Alten. Das ist im Leben so, trotzdem stimmt es nicht.

Sie stehen für einen Neuaufbau zur Verfügung. Gibt es Bedingungen?

Baumgart: Wir arbeiten gemeinsam daran, einen vernünftigen Kader zusammenzustellen, mit dem wir eine solide Saison in der 2. Bundesliga spielen können. Da ist im Moment viel Bewegung drin, es gibt auch viele Gedankenspiele. Einige Spieler haben den Wunsch, einen neuen Verein zu finden. Ich weiß aber nicht, ob der sich bei allen erfüllt.

Zingerle im Tor, Kilian und Schonlau im Abwehrzentrum und Srbeny sowie Michel im Angriff – wäre das aus Ihrer Sicht ein Korsett der neuen Mannschaft?

Baumgart: Genau über diese Personen und noch zwei, drei andere haben wir schon gesprochen. Das kann ich Ihnen bestätigen, und diese Spieler würde ich gerne halten. Aber wenn Angebote kommen, werden wir uns auch über diese Spieler unterhalten müssen.

Gegenüber der Sport-Bild haben Sie gesagt, Sie würden sich jeden Bundesligaverein zutrauen und möchten in keine Schublade gesteckt werden. Was meinen Sie damit?

Baumgart: Ich bin laut, impulsiv, lache wenig – so schätzen mich viele Leute ein, die mich aber gar nicht kennen. Ich musste mir auch schon anhören, dass ich doch nicht nur mit Emotionen eine Mannschaft nach vorne bringen könne. Dabei spielen wir auch ein bisschen Fußball und brüllen uns nicht nur an. Oder wenn ich lese, dass ich zu 100 Prozent zu Paderborn passen würde. Okay, das stimmt. Aber als ich Ostern 2017 zum ersten Mal hierher gefahren bin, hat das keiner gesagt. Deshalb sollte man vorsichtig sein, Leute in Schubladen zu stecken.

Als André Breitenreiter vor fünf Jahren mit dem SCP abstieg, hatte er ein Treuebekenntnis vermieden. Sie haben sich bereits zum SCP bekannt. Ist das unumstößlich?

Baumgart: Ich konzentriere mich weiterhin voll auf den SC Paderborn. Niemand weiß aber, was in vier Wochen ist. Natürlich unterhalte ich mich mit anderen Vereinen, das habe ich auch schon in der Vergangenheit gemacht. Aber Fakt ist heute: Ich fühle mich hier wohl und würde gerne weitermachen.

Der sportliche Abschluss findet in Frankfurt statt. Was darf bei der Eintracht nicht passieren?

Baumgart: Die personelle Situation im Defensivverbund ist äußerst angespannt, und darüber mache ich mir vor einem Spiel gegen eine der besten Angriffsreihen der Liga auch Sorgen. Ich will, dass die Mannschaft eine gute Leistung bringt. Wie das gehen soll, weiß ich im Moment noch nicht. Aber egal wie das Spiel ausgeht, werde ich die Saison nicht anders bewerten.

Ab Montag machen Sie ein paar Tage Urlaub. Was haben Sie sich fest vorgenommen?

Baumgart: Ich möchte 14 Tage lang abschalten und mit meiner Familie die Ostsee genießen. Aber irgendwann wird es auch wieder um Fußball gehen. Garantiert.

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