Ein Jahr bei RB Leipzig: Paderborns Ex-Manager Markus Krösche zieht Bilanz
„Voll im Soll“

Paderborn (WB). Vor einem Jahr und nach zwei Aufstiegen in Folge verließ Paderborns Manager Markus Krösche den SCP und wechselte als Sportdirektor zu RB Leipzig . Am Samstag (15.30 Uhr, Sky) treffen beide Klubs in Sachsen wieder aufeinander. Im Gespräch mit Matthias Reichstein zieht der 39-Jährige eine erste Bilanz, redet über Titel, und äußert sich auch über die Zukunft des SC Paderborn.

Samstag, 06.06.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 06.06.2020, 15:54 Uhr
Hat gut lachen: Leipzigs Sportdirektor Markus Krösche steht vor der besten Saison der Vereinsgeschichte. Foto: imago

Herr Krösche, Sie sind jetzt seit fast zwölf Monaten Sportdirektor bei RB Leipzig. Welche Erwartungen haben sich erfüllt, welche nicht?

Markus Krösche: Grundsätzlich haben sich alle Erwartungen erfüllt. Wir verfolgen hier bei RB andere Ziele als der SC Paderborn und wollen jedes Jahr in die Champions League. Dadurch sind die Ansprüche andere und die Rahmenbedingungen nicht vergleichbar. Dennoch war es bislang auch ein turbulentes Jahr. Corona hat einiges auf den Kopf gestellt.

 

So, wie RB Leipzig den Fußball in Europa. Das Kräfteverhältnis hat sich etwas verschoben, Ihr Klub steht zum ersten Mal im Viertelfinale der Champions League. Wie geht es weiter?

Krösche: Das ist vom Spielbetrieb in den anderen großen europäischen Ligen abhängig. Noch kann niemand sagen, wann die Saison 2019/2020 europaweit abgeschlossen sein wird. Deshalb sind alle Szenarien im Moment noch reine Spekulation.

 

Eine Spekulation heißt Fortsetzung nicht vor August.

Krösche: So sieht es im Moment aus. Aber seriös kann man derzeit keine Aussage treffen. Auch Personalfragen müssen vorher geklärt werden. Die Fifa hat empfohlen, dass alle Verträge bis zum Ende der Saison gelten sollen. Aber was heißt das konkret? Gilt hier als Saisonende, wenn die nationalen Ligen abgeschlossen sind? Oder gilt die laufende Saison erst dann als abgeschlossen, wenn auch die europäischen Wettbewerbe beendet sind? Da gibt es noch Klärungsbedarf.

 

Die Deutsche Meisterschaft war praktisch sechs Spieltage vor Schluss schon wieder entschieden. Auch aus Ihrer Sicht ein Armutszeugnis für die deutschen Top-Klubs?

Krösche: Ich möchte hier nicht die Saison anderer Vereine bewerten, aber fest steht: Die Bayern haben eine hohe Konstanz und spielen wieder eine super Saison. Unsere Ziele waren auch ambitioniert. Wir wollten ins Achtelfinale der Champions League, das haben wir erreicht. Wir wollten uns erneut für die Champions League qualifizieren, und auch da sind wir sehr gut unterwegs. Außerdem können wir noch die erfolgreichste Bundesliga-Saison der Vereinsgeschichte spielen. Im Moment holen wir im Schnitt zwei Punkte pro Spiel, unser Ziel ist es, bis Saisonende alles zu gewinnen. Dann kämen wir auf 73 Zähler und das wäre dann unsere mit Abstand beste Saison. (Anmerk. d. Red: Bestmarke sind 67 Punkte, Saison 2016/2017). Wir sind also voll im Soll.

 

Wie kann man die Bayern in Bedrängnis bringen?

Krösche: Für uns ist es wichtig, dass wir unsere Art Fußball zu spielen auf den Platz bekommen und wir oben in der Tabelle dabei sind. Wir haben die jüngste Mannschaft der Liga, die hat sich weiterentwickelt und ist mit diesem Prozess noch längst nicht zu Ende. Da warten wir mal ab, was die Zukunft bringt.

 

Sie selbst haben bei Ihrem Amtsantritt auch diese beiden Sätze gesagt: „Wir haben den spannendsten Kader der Liga. Ich möchte Titel gewinnen.“

Krösche: Wenn ich sehe, wie eindrucksvoll wir den Vorjahresfinalisten Tottenham Hotspur im Achtelfinale der Champions League ausgeschaltet haben, zeigt mir das, auf was für einem guten Weg unsere Mannschaft ist. Rückschläge wird es immer mal geben, auch so etwas gehört zu einer Entwicklung. Aber davon lassen wir uns nicht beirren.

 

Der Re-Start der Bundesliga war umstritten. Sie waren von Beginn an uneingeschränkt dafür. Warum?

Krösche: Letztendlich sind wir Fußballvereine in der Bundesliga auch Wirtschaftsunternehmen. Da hängen direkt und indirekt viele Arbeitsplätze dran, und deshalb haben wir auch eine Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern. Aber für mich war auch das medizinische Konzept der DFL schlüssig. Da haben viele Experten im Vorfeld lange dran gearbeitet. Am Ende war ich davon überzeugt, dass sich alle Vereine, alle Verantwortlichen und auch alle Spieler ihrer Verantwortung bewusst sind. Bislang greifen die Maßnahmen. Das stimmt mich sehr zuversichtlich, dass die Saison sportlich beendet wird.

 

Ihr alter Klub SC Paderborn ist praktisch abgestiegen. Haben so kleine Aufsteiger wie der SCP überhaupt noch eine realistische Chance in der großen Bundesliga?

Krösche: Ich kenne die Rahmenbedingungen in Paderborn sehr gut, ich weiß, dass der SCP den mit Abstand niedrigsten Etat hat. Dafür machen es Trainer und Mannschaft sensationell gut. Paderborn war in vielen Spielen ein gleichwertiger Gegner und es hat sehr oft großen Spaß gemacht, den Jungs zuzusehen. Ich denke, die Stadt kann auch nach dieser Saison stolz auf ihren SCP sein. Ein Pauschalurteil möchte ich trotzdem nicht fällen, aber Vereine wie der SC Paderborn werden in der 1. Liga immer vor einer riesigen Herausforderung stehen.

 

Die vor einem Jahr beschlossene Kooperation zwischen RB und SCP wurde auf Druck der Fans schon nach wenigen Tagen wieder rückgängig gemacht. Wie können Sie Ihrem Heimatverein aktuell helfen?

Krösche: In Paderborn gibt es genug Entscheidungsträger. Sie haben ihre eigenen Ideen. Ich habe bei RB Leipzig meine Aufgaben zu lösen und dabei sollten wir es auch belassen.

 

Den Wechsel von U19-Torhüter Moritz Schulze von Leipzig nach Paderborn lief also ohne Ihr Zutun?

Krösche: Da war ich nicht dabei. Aber daran sieht man doch, dass die Paderborner die Augen offen halten, sich intensiv mit ihrem Kader beschäftigen und selbst immer wieder neue Talente entdecken.

 

Ihr Draht zu Martin Przondziono war kurz, haben Sie sich schon mit dessen Nachfolger Fabian Wohlgemuth ausgetauscht?

Krösche: Natürlich kenne ich Fabian, wir sind uns auch schon einige Male begegnet. Aber aktuell auf den SCP bezogen, haben wir uns im Detail nicht über die momentane Situation ausgetauscht.

 

Sie haben Steffen Baumgart als Trainer für den SC Paderborn entdeckt. Trauen Sie ihm an gleicher Stelle auch einen zweiten Neuaufbau zu?

Krösche: Dass der SC Paderborn in der 1. Liga spielt, daran hat Stefan Baumgart einen sehr großen Anteil. Er ist ein super Typ, der sich total mit dem SC Paderborn identifiziert und der in den vergangenen drei Jahren eine herausragende Arbeit geleistet hat. Er kann einzelne Spieler weiterentwickeln, er kann damit auch Mannschaften besser machen. So, wie sich das gesamte Team auch in dieser Saison präsentiert, war es sehr gut. Auch wenn der sportliche Erfolg sehr oft ausgeblieben ist und sich die Truppe viel zu selten für den hohen Aufwand belohnt hat. Das alles wissen aber die Verantwortlichen beim SCP. Am Ende müssen sie gemeinsam mit Steffen entscheiden, ob und wie es weitergeht.

 

Was erwarten Sie am Samstag für ein Spiel?

Krösche: Ich erwarte einen mutigen SC Paderborn – so wie in den vergangenen 29 Spiele auch. Aber wir wollen in die Champions League, das ist unser Ziel und deshalb gehe ich davon aus, dass wir am Ende gewinnen werden.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7438092?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198358%2F
Ein Ende und ein Anfang
Rheda-Wiedenbrück: Eine Luftaufnahme der Tönnies Holding. Foto: Guido Kirchner/dpa
Nachrichten-Ticker