Der SC Paderborn wird trotz der 1:6-Klatsche vom BVB unter Wert geschlagen +++ Mit Kommentar
Die erste Hälfte macht noch Mut

Paderborn (WB). Wenn am Ende der Saison noch einmal jemand nach Gründen suchen sollte, warum der SC Paderborn in der Bundesliga trotz einiger guter Auftritte letztlich chancenlos war, dann reichen die 90 Minuten am Pfingstsonntag gegen Borussia Dortmund.

Dienstag, 02.06.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 02.06.2020, 05:03 Uhr
Das Bild spricht für sich: Hoch geschlagen und tief getroffen verlässt Kapitän Christian Strohdiek das Spielfeld. Foto: dpa

Die 1:6-Klatsche gegen den BVB war der Sieg einer abgezockten Mannschaft gegen einen mit viel Leidenschaft spielenden Aufsteiger, dem letztlich in allen Mannschaftsteilen die nötige Klasse fehlt, um in dieser Liga zu bestehen. „Nach einer sehr guten ersten Halbzeit ist das Ergebnis enttäuschend. Damit müssen wir umgehen und damit werden wir auch umgehen“, kündigte Trainer Steffen Baumgart an.

Manager gegen Trainerdiskussion

Trotz der höchsten Saisonniederlage und auch trotz der Tatsache, dass die Ostwestfalen dem Abstieg wohl ohne Umweg entgegensteuern, ließ der neue Manager Fabian Wohlgemuth am Montag keine Trainerdiskussion zu. Baumgart, der erst mitgeholfen hatte, den Verein vor der Regionalliga zu bewahren und dann den Sportclub in nur zwei Jahren zurück in die Bundesliga führte, bleibt im Amt: „Erst wenn etwas grundsätzlich nicht mehr funktionieren würde und wir uns außerhalb realistischer Erwartungen bewegen, muss man eingreifen. Von so einer Situation kann derzeit keine Rede sein.“

Zumal der erst in der Schlussphase überforderte SCP über die gesamte Spielzeit gesehen unter Wert geschlagen wurde. In einer torlosen ersten Hälfte hielt das Schlusslicht die Partie gegen den Ligazweiten offen und hätte bei etwas mehr Zielstrebigkeit von Christopher Antwi-Adjei sogar in Führung gehen können. „Die ersten 45 Minuten waren noch in Ordnung, aber dann passieren Sachen, die man im Fußball gerne erklären möchte, aber nicht erklären kann“, sagte Baumgart später.

BVB-Kür nach dem Doppelschlag

Ein Doppelschlag (54./57.) beendete Dortmunds lange Zeit lustlos wirkende Pflichtübung und verwandelte den Auftritt des BVB in eine Kür, die erst nach sechs erzielten Toren enden sollte.

Thorgan Hazard (54.) und der am Ende gefeierte Dreifach-Torschütze Jadon Sancho (57./74./90.) machten den Anfang, Achraf Hakimi (85.) und der eingewechselte Marcel Schmelzer (89.) legten nach. Zwischenzeitlich hatte Ex-Borusse Uwe Hünemeier mit einem verwandelten Handelfmeter zum 1:2 (72.) für etwas Hoffnung sorgen können. Mehr aber auch nicht. „Der Doppelschlag kurz nach der Pause war schon ein kleiner Killer, das 1:3 war dann der Genickbruch“, fasste Mittelfeldspieler Sebastian Schonlau die zweite Hälfte so zusammen. Das alles war für Baumgart noch zu ertragen, aber nicht die drei Gegentore in den letzten fünf Minuten: „Das hat nichts mit der Klasse vom BVB zu tun. Am Ende hatten wir zu viele Löcher drin und Dortmund zu viele Umschaltsituationen. Das sind Unzuverlässigkeiten, die ärgern mich.“

Für seinen Kollegen auf der Borussen-Bank war der deutliche Sieg am Ende eine logische Konsequenz: „Wir haben Paderborn müde gespielt. Schon in der ersten Hälfte haben wir gut gepresst. Das war nicht toll, aber absolut korrekt. Und am Ende konnte Paderborn dieses Tempo nicht mehr halten.“ Schonlau sah zwar auch, dass in der Schlussphase einer Englischen Woche die Beine schwer wurden, er wollte das aber als Begründung für das 1:6 nicht gelten lassen: „Es ist immer besser, wenn man als SC Paderborn auf ein Topteam wie Borussia Dortmund in allerbester Verfassung trifft. Aber drei Gegentore in fünf Minuten dürfen nicht passieren. Da haben wir es dem BVB deutlich zu einfach gemacht.“

Aussichtslose Situation für beide - nur anders

Was beide Vereine mit Blick auf die Saisonziele eint, ist die schier aussichtslose Situation. Die Borussen liegen im Titelkampf sieben Punkte plus schlechteres Torverhältnis hinter den Rekord-Bayern. Fünf Spieltage vor Schluss will Favre aber noch nicht aufgeben: „Es wird brutal. Aber dazu habe ich alles gesagt. Das nächste Spiel ist das Wichtigste. Es wird in Berlin sehr schwer für uns.“

Bei acht Punkten Rückstand auf den Relegations-Rang ist die Ausgangsposition für den SCP unverändert miserabel. „Wir werden jetzt nicht jede Woche den Rechenschieber bemühen“, sagt Wohlgemuth und fügt hinzu: „Es geht darum, dass wir das Unsere tun, jedes Spiel professionell vorbereiten und angehen. Alles andere haben wir ohnehin nicht im Griff. Zu Ende ist es erst, wenn es zu Ende ist.“

Die Hoffnung hat Wohlgemuth noch, das kommt bei den Spielern gut an. „Es ist schön, wenn der Geschäftsführer das so sieht. Denn dass wir die mit Abstand schlechteste Ausgangslage haben, wissen wir auch selbst. Deshalb werde ich erst wieder anfangen zu rechnen, wenn wir mal wieder ein Spiel gewonnen haben“, kündigt Schonlau an. Das ist schon lange her: Am 25. Januar gab es beim SC Freiburg ein 2:0. Zuhause ging in diesem Jahr noch nichts, da feierte Paderborn den letzten Sieg am 22. Dezember gegen Frankfurt.

Dazu ein Kommentar von Matthias Reichstein:

Eine Frage der Qualität

Vier Saisonsiege und insgesamt nur 19 Punkte nach 29 Spieltagen – das zweite Jahr nach der Saison 2014/2015 in der Fußball-Bundesliga hatten sich Trainer und Mannschaft des SC Paderborn fraglos anders vorgestellt. Zumal die Zahlen auch ein falsches Bild vermitteln.

19 Punkte – so viele Zähler sammelte der SCP in seinem ersten Erstligajahr übrigens schon nach der Hinrunde ein, stieg am Ende aber trotzdem ab – machen nicht im Ansatz deutlich, wie oft der Verein mit dem kleinsten Budget der ganzen Liga ganz nah dran war am Sieg. Der SCP investierte fast durchweg mehr als der Gegner, ging fast immer bis ans Limit und spielte sehr zielstrebig – belohnte sich aber viel zu selten für den riesigen Aufwand. Und für Lob gibt es auch in dieser Liga keine Punkte.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Mannschaft die nötige Qualität fehlt. Unkonzentriert im Abschluss, leichte Fehler im Spielaufbau oder mangelnde Konsequenz in den Zweikämpfen – Paderborns Spiel hat Mängel in allen Mannschaftsteilen. Außerdem musste der Aufsteiger im Vergleich zum Zweitligajahr auch noch personell geschwächt in die neue Saison gehen. Mit dem herausragenden Spielmacher Philipp Klement (16 Tore, sieben Vorlagen) verkaufte der SCP im Sommer 2019 nicht nur einen genialen Strategen auf dem Feld, sondern dazu auch noch den mit Abstand besten Standardschützen. Dieser Wechsel spülte zwar 2,5 Millionen Euro in die klamme Klubkasse, aber sportlich war der Transfer im Rückblick der eine zuviel. Dem Aufsteiger wurde damit ein Unterschiedsspieler genommen. Und diese Lücke wird bis Saisonende auch nicht durch eine überragende mannschaftliche Geschlossenheit, ganz viel Herz und noch mehr Leidenschaft zu schließen sein.

 

Kommentare

SBR_07  wrote: 03.06.2020 11:13
Perfekte Zusammenfassung
Was soll man sagen. Der Kommentar fasst die Saison perfekt zusammen. Ist die Frage, ob ein Verbleib von Klement nicht nur sportlich, sondern in Summe dann auch wirtschaftlich hätte lohnender sein können, als sein Transfererlös. Diese Frage werden beim SCP allerdings immer eine Gratwanderung bleiben. Keine beneidenswerte Aufgabe für den GF Sport, zumal unser "Wirtschafts"rat wohl auch in erster Linie das Wirtschaftliche im Auge hat.
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