Der neue Geschäftsführer des SC Paderborn im Interview – mit Video
Wohlgemuth: „So manches ist aus dem Ruder gelaufen“

Paderborn (WB). Der Wechsel an der sportlichen Führungsspitze kam überraschend, am Dienstag stellte sich der neue Geschäftsführer Sport des Bundesligisten SC Paderborn beim WESTFALEN-BLATT vor. Der 41-Jährige, seit dem 1. Mai offiziell beim Liga-Schlusslicht im Amt nahm sich eine Stunde Zeit und bezog zu Themen wie Corona-Pandemie, Bundesliga-Start oder Transferpolitik des SCP Stellung. Die Fragen stellten Peter Klute, Elmar Neumann und Matthias Reichstein.

Mittwoch, 06.05.2020, 02:01 Uhr aktualisiert: 06.05.2020, 14:26 Uhr
Fabian Wohlgemuth während des Interviews mit dem WESTFALEN-BLATT. Foto: Jörn Hannemann

 

Herr Wohlgemuth, heute findet das nächste Treffen der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten statt. Was erwarten Sie von der Politik?

Wohlgemuth: Die neuen Corona-Fälle bei verschiedenen Vereinen und das aus meiner Sicht unverantwortliche Video von einem Profifußballer aus der 1. Liga (Salomon Kalou, Anmerk. d. Red.) könnten die Gedankengänge der Entscheider verändert haben. Die Ereignisse der vergangenen Tage werden auch Wasser auf die Mühlen derer gewesen sein, die eine Fortsetzung der Bundesliga-Saison 2019/2020 kritisieren. Deshalb besteht durchaus auch die Möglichkeit, dass die Entscheidung nicht in unserem Sinne ausfällt. Aus meiner Sicht jedoch hat die DFL mit ihrem Konzept die Grundlagen für eine Rückkehr zum Wettkampfbetrieb in ausreichendem Maß geschaffen.

 

Die von Ihnen gelobte DFL hat den Vereinen aber auch einen Maulkorb verpasst. Positive Test dürfen nicht mehr öffentlich gemacht werden. Wie geht der SCP damit um?

Wohlgemuth: Die DFL hat das Thema Corona-Krise bislang sehr professionell begleitet. Es geht jetzt um Geschlossenheit. Unter den Vereinen besteht diesbezüglich absolute Einigkeit. Wir haben allen Anlass, uns konsequent an die verbandsseitigen Vorgaben zu halten und werden dies auch dementsprechend tun.

 

Haben Sie eigentlich Angst vor Corona?

Wohlgemuth: Ich habe großen Respekt davor. Wie bei keinem anderen Thema werden wir seit Monaten mit Informationen überfrachtet. Man tut gut daran, sich aus diesem Fragmentwissen kein Weltbild zurecht zu zimmern. Ich persönlich habe großes Vertrauen in die Experten, die in unserem Land die Richtung vorgeben.

 

Sie schätzen, die Chancen des SCP auf den Klassenerhalt besser ein, als vor der Corona-Pandemie. Warum?

Wohlgemuth: Wenn man Woche für Woche auf dem letzten Platz liegt, dann setzt sich das in den Köpfen fest. In der Zwangspause waren die Spieler bei ihren Familien oder Freunden und konnten neue Energie sammeln, weil auch mal andere Themen außerhalb des Fußballs eine Rolle spielten. Da haben die Jungs die nötige Distanz zum Fußball und auch zum letzten Platz gefunden. Zudem haben sich die Rahmenbedingungen stark verändert: Wir spielen ohne Zuschauer, wir absolvieren eine zweite Vorbereitung, die sehr viel kürzer sein wird als normal. Ich glaube, wenn wir als SC Paderborn 07 diese neuen Umstände annehmen, uns damit identifizieren und konsequent die negativen Faktoren dieser Krise ausblenden, dann eröffnet uns das Chancen, die wir vor der Pause nicht gehabt hätten.

Diese Pause haben andere Vereine aber doch auch.

Wohlgemuth: Eben, es geht nicht darum, dass sich die Vorzeichen verändert haben, sondern um die Frage, wie wir konkret damit umgehen. Wie gelingt es uns, uns bei schwierigen Situationen im Spiel auch ohne Zuschauerunterstützung zu stabilisieren? Wie vermitteln wir in diesen bewegten Zeiten Spielern und auch Mitarbeitern das Gefühl eines sicheren Arbeitsplatzes und einer positiven Zukunft? Wir haben eine junge Mannschaft, die im Schnitt mehr läuft als andere. Wir sind möglicherweise weniger abhängig von dem gewohnten Rahmen, gehen auch ohne Stimulanz von außen an unsere physischen Grenzen. Die aktuelle Tabellenposition hat unseren Teamgeist bisher in keiner Weise angreifen können. Ich bin zudem davon überzeugt, dass unser Trainer Steffen Baumgart, mit seiner Ansprache den richtigen Ton finden wird, die Mannschaft exakt auf diese Ausnahmesituation einzustellen.

 

Welchen Fußball werden wir sehen? Herthas neuer Trainer Bruno Labbadia hat schon mal vorgewarnt und gesagt, dass niemand tolle Fußballspiele erwarten solle.

Wohlgemuth: Die Vorbereitung auf die Spiele wird extrem von dem unterscheiden, was sich in den vergangenen 20 Jahren als Standard etabliert hat. Wir müssen schneller funktionieren, die Verletzungsanfälligkeit wird höher sein, die Laufumfänge könnten weniger werden, die Zweikämpfe könnten weniger aggressiv geführt werden. Auch innerhalb der Mannschaften könnte sich personell viel ändern. Spieler X, der vor Corona Kaderplatz Nummer 28 hatte, steht vielleicht jetzt in der Startelf. Ich bin selbst gespannt und ja, Bruno Labbadia könnte Recht haben und wir sehen tatsächlich andere Spiele. Aber unser Trainer hat insbesondere die Gabe, eine Mannschaft unter Spannung zu setzen und zu motivieren. Das schafft Steffen Baumgart völlig unabhängig von den Zuschauerzahlen.

 

Haben Sie schon Erfahrungen mit Geisterspielen gemacht?

Wohlgemuth: Man kann Freundschaftsspiele damit vergleichen. Genau das müssen wir aber aus den Köpfen der Spieler herausbekommen. Wenn die Jungs aufs Feld gehen und die Ränge sind leer, dann wird es im Unterbewusstsein eine Reaktion geben. Die wird sein: Freundschaftsspiel! Genau diese Gedanken müssen die Spieler aber anders sortieren und auch darauf werden wir sie vorbereiten.

 

Ohne Geisterspiele gibt es diese Saison keine TV-Einnahmen mehr. Aber schaden diese Spiele nicht auch? Fußball vor leeren Rängen will doch kein Fan wochenlang sehen.

Wohlgemuth : Noch steht die gesamte Gesellschaft unter dem Einfluss der weitreichenden Corona-Maßnahmen. Noch gibt es Kontaktverbote, noch verbringen die Menschen einen Großteil ihrer Zeit in den eigenen vier Wänden. Fußball, die Bundesliga wird von vielen schmerzlich vermisst. Vor diesem Hintergrund kann ich mir gut vorstellen, dass das Angebot von nur über die Medien zu verfolgenden Spielen als Kompromiss gut angenommen wird.

Zur Person

Geboren am: 2. April 1979

Geboren in: Berlin

Familienstand: verheiratet mit Josephine, zwei Töchter (sieben und vier Jahre)

Ausbildung: vier Jahre Studium TU Berlin, Diplom-Kaufmann; Trainer-A-Schein

Stationen: 1. Juli 2008 bis 31. Dezember 2010: HSV (Jugendtrainer und ab 2009 Chefscout Jugend), 1. Januar 2011 bis 31. Mai 2011: VfL Wolfsburg (Chefscout Jugend), 1. Juni 2011 bis 2. Juni 2018: VfL Wolfsburg (Leiter der Nachwuchsabteilung), 3. Juni 2018 bis 7. Oktober 2019: Holstein Kiel (Geschäftsführer Sport), seit 1. Mai 2020: SC Paderborn (Geschäftsführer Sport)

Stationen als Spieler: Union Berlin, FC Berlin, Croatia Berlin, Lichterberg 47, TB Berlin, Hansa Rostock II, Chemnitzer FC

...

Welche Lehren muss der Profifußball aus der Corona-Krise ziehen?

Wohlgemuth: Der Fußball hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten in allen Bereichen an unglaubliche Zuwachsraten gewöhnt. Diese Erfolgsgeschichte muss nicht beendet sein. Das teilweise ungezügelte Wachstum jedoch hat unser Fußball-System heiß laufen lassen. Manches ist dabei aus dem Ruder gelaufen. Unsere Branche hat hier auch an Glaubwürdigkeit eingebüßt und in einigen Bereichen den Bezug zur Basis verloren. Es geht nicht um Überregulierung oder Planwirtschaft. Aber die aktuelle Krise schafft Gelegenheit und Akzeptanz, manche Fehlentwicklung zu korrigieren und sich gemeinsam auf neue Standards zu einigen. Nicht weinige Vereine machen jetzt die Erfahrung, in der Krise auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Wir wollen unsere Unabhängigkeit stärken – wirtschaftlich aber auch über den Ausbau der Leistungsfähigkeit unserer Strukturen im sportlichen Bereich.

 

Sehen Sie den Profifußball auch als Paralleluniversum?

Wohlgemuth: Paralleluniversum trifft es aus meiner Sicht nicht. Die wirtschaftliche Besserstellung fast aller, die sich im Fußball-Business bewegen, ist offensichtlich. Dennoch haben sich die Verhältnisse auf der Basis von Nachfrage entwickelt. Wenn wir die Akzeptanz der Öffentlichkeit für die Privilegien des Fußballsports nicht verlieren wollen, müssen einerseits wachsam bei jeder Art von Extrementwicklung sein und andererseits glaubwürdig sein – auf dem Platz und in den Büros. Das führt uns die aktuelle Krise gerade vor Augen.

 

In Zeiten von Corona wird das Wort Solidarität oft gebraucht. Starten Sie beim SCP auch mit einem Gehaltsverzicht?

Wohlgemuth: Wir haben dies von Anfang an besprochen. Es ist klar, dass alle ihren Beitrag leisten. Ich mache da keine Ausnahme.

 

Sie haben bei Ihrer Vorstellung am Montag gesagt, dass Sie erste Gespräche mit Spielern geführt haben. Wer war denn Ihr erster Ansprechpartner?

Wohlgemuth: Kommunikation, der ehrliche Austausch miteinander ist der Ausgangspunkt für alles, was nachher auf und neben dem Platz funktionieren soll. Es liegt in der Natur der Sache, dass natürlich auch die Spieler sehr genau darauf achten, wer wann mit wem spricht. Ich habe mich zuerst mit unserem Kapitän, Christian Strohdiek, unterhalten.

 

Einige Verträge laufen zum 30. Juni aus, sehr viele im kommenden Jahr. Sie haben bereits deutlich gemacht, dass Ablösesummen ein wichtiger Bestandteil des Etats sind. Sie werden also jeden Spieler, bei dem das Angebot stimmt, ziehen lassen?

Wohlgemuth: So pauschal lässt sich das ganz sicher nicht sagen. Es kommt immer auch darauf an, welche Rolle dem Spieler innerhalb der Mannschaft zufällt. Nicht nur auf dem Feld, sondern auch für den Verein, die Stadt oder die Fans. Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass jeder Spieler ersetzbar ist. Der SC Paderborn ist ein gesunder Verein, der bodenständig gewirtschaftet hat. Aber im Moment wissen wir nicht, ob und wann die Liga fortgesetzt wird. Wie viele Spiele werden gemacht oder in welcher Liga spielen wir in der kommenden Saison? Daher ist eine seriöse Planung nur in sehr eingeschränktem Maß möglich.

 

Die Kronjuwelen beim SCP sind aktuell Luca Kilian, Sebastian Schonlau und Sebastian Vasiliadis. Auch da wissen Sie nicht, inwieweit der Wert in Zeiten der Corona-Krise gesunken ist.

Wohlgemuth: Die Preise werden fallen und der Transfermarkt wird sich verändern. Auch wir werden der Krise Rechnung tragen müssen. Aber wir werden keinen Spieler unter dem von uns unterstellten finanziellen Wert veräußern. Es bleibt ein Abwägungsprozess, bei jedem Spieler, für den sich eine Ablöse erzielen lässt – auch bei von Ihnen aufgezählten Namen.

 

Prozentual ausgedrückt, wie hoch werden die Einbußen sein?

Wohlgemuth: Es wird im Sommer für viele Kader-Spieler, also diejenigen, die nicht zur ersten Elf gehören, um die Existenz gehen. Hier wird sich eine hohe Akzeptanz auch von Gehaltseinbußen ergeben. Das wird einen Dominoeffekt einhergehen und sich letztlich auf die Transfererlöse auswirken. Einbußen von 20 Prozent im Bereich von Transfergeschäften sollten uns nicht verwundern.

 

Angesichts aller Umstände könnte Ihr Erstliga-Einstieg nicht schwieriger sein.

Wohlgemuth: Die Situation beim SC Paderborn ist besonderer Weise herausfordernd. Ich versuche derzeit, mir einen umfassenden Überblick über die Gesamtlage zu verschaffen. Die wettkampffreie Zeit gibt dafür genügend Raum.

 

Ihr Vorgänger Martin Przondziono wird mit Trainer Steffen Baumgart die neue Saison zumindest in Ansätzen schon geplant haben. Setzen Sie diese Planungen jetzt fort oder stellen Sie alles auf null?

Wohlgemuth: Es wurde natürlich auch vor meiner Zeit beim SCP gearbeitet, völlig klar. Das werde ich mir alles sehr genau ansehen, prüfen und dann entscheiden.

 

Nehmen wir mal das Beispiel Ron Schallenberg. Der talentierte junge Mann wurde an den Regionalligisten SC Verl ausgeliehen und soll im Sommer zurückkehren. Bleibt es dabei?

Wohlgemuth: An solchen Entscheidungen arbeiten wir im Team – vom Cheftrainer, über die Scoutingabteilung bis hin zum Geschäftsführer Sport. Ich persönlich werde mir die notwendige Zeit nehmen, den Spieler noch einmal genau anzusehen, um am Ende zu einer tragfähigen Aussage zu kommen.

 

Sie haben gesagt, der SC Paderborn ist eine Ausnahme im deutschen Profifußball. Wie haben Sie das gemeint?

Wohlgemuth: Der Verein ist mit bescheidenen Mitteln zweimal aufgestiegen und spielt aktuell in der höchsten deutschen Liga. Das wurde durch außergewöhnliche Transfers geschafft. Hier wurden Spieler geholt, die eine Gabe haben, sich relativ schnell anzupassen. Das sieht man auch in dieser Saison, denn der Abstand zu den anderen Mannschaften ist nicht so groß.

 

Der Fußball, den dieser Verein spielt, entspricht zu 100 Prozent auch Ihrer Vorstellung?

Wohlgemuth: Paderborn zieht diesen Angriffs- oder Antriebsfußball bis zur letzten Minute durch. Ich glaube, der eine oder andere Rhythmuswechsel innerhalb des Spiels hätte das eine oder andere Tor mehr gebracht oder auch verhindert. Aber das ist überall so, in jedem Verein; es gibt sie immer, die Möglichkeit sich zu verbessern. Wer sich weiterentwickeln will, muss zu Anpassungen bereit sein.

 

Sie wollen den SCP nachhaltig im deutschen Profifußball etablieren, das heißt konkret?

Wohlgemuth: Der SC Paderborn hatte in den vergangenen Jahren nach unten und nach oben sehr viel mehr Ausschläge als andere Vereine. Unser Ziel ist es, den Verein unter den besten 25 Klubs in Deutschland zu etablieren. Dazu gehört es, zumindest die Ausschläge nach unten zu vermeiden.

 

Das Ziel Klassenerhalt haben Sie dabei noch nicht aus den Augen verloren.

Wohlgemuth: Wir haben sechs Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz und noch neun Spiele. Wir wären keine Leistungssportler, wenn wir nicht auf diesen Platz schielen würden.

 

Wenn die Saison noch fortgesetzt wird, wie läuft dann die konkrete Vorbereitung?

Wohlgemuth: Der Kontakt nach außen wird eine Woche vor dem ersten Spiel komplett unterbunden. Wir beziehen dann für eine Woche ein Hotel, alle bekommen ein Einzelzimmer und bei den Mahlzeiten halten wir alle genügend Abstand. Wir würden gerne in Paderborn bleiben und dann unsere eigene Trainingsanlage nutzen. Ob das geht, werden wir noch mit der DFL besprechen. Das gilt zunächst aber nur für den Re-Start.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7397127?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198358%2F
Neuhaus glaubt an „mächtig Stimmung“
Uwe Neuhaus (links, mit Assistent Peter Nemeth) setzt auf die Hilfe der Fans. Foto: Starke
Nachrichten-Ticker