Manager Fabian Wohlgemuth muss trotz Corona-Krise zahlreiche Personalien klären
SC Paderborn ungelöst

Paderborn (WB). Das Datum ist gesetzt: Am kommenden Freitag tritt Fabian Wohlgemuth beim Fußball-Bundesligisten SC Paderborn offiziell seinen Posten als „Geschäftsführer Sport“ an. Es ist der „Tag der Arbeit“ und vom Liga-Letzten irgendwie passend gewählt. Denn über einen Mangel an Beschäftigung wird sich der 41-Jährige in den kommenden Wochen wohl kaum beklagen. Beim SC Paderborn ungelöst muss er unzählige Personalien klären.

Mittwoch, 29.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 29.04.2020, 07:26 Uhr
Luca Kilian bleibt dem SC Paderborn automatisch länger erhalten, wenn er auf eine bestimmte Zahl von Pflichtspielen kommt. Bisher sind es 13. Foto: Jörn Hannemann

Der SCP sieht sich bekanntermaßen in der Rolle eines Ausbildungsvereins. Holen, besser machen und dann wieder verkaufen – das gern praktizierte Geschäftsmodell schläft zwar auch in Corona-Zeiten nicht, doch im Moment gleicht das mehr einem „Stochern im Nebel.“

Pflichtspiel-Klausel bei Kilian

So beschrieb zumindest Wohlgemuth-Vorgänger Martin Przondziono am 20. April und damit nur wenige Stunden vor seinem Rausschmiss gegenüber dem WESTFALEN-BLATT die aktuelle Situation.

Wobei eine pikante Personalie schon gelöst zu sein scheint. Der Vertrag von Senkrechtstarter Luca Kilian läuft eigentlich 2021 aus. Wenn der SCP für den U21-Nationalspieler also eine üppige Ablösesumme kassieren will, müsste der in den kommenden Wochen verkauft werden. Doch nach Informationen dieser Zeitung haben die Ostwestfalen den Druck gar nicht. Kilian, der bislang auf 13 Einsätze kommt, hat eine Klausel im Vertrag, die ihn ab einer bestimmten Anzahl an Pflichtspielen weiter an den Klub bindet.

Wer kommt? Wer bleibt?

Wer kommt? Wer geht? Wer bleibt? Auf Fragen rund um den SCP antwortet Wohlgemuth mit Verweis auf seinen Dienstantritt am 1. Mai noch nicht. Wenngleich er gegenüber den „Kieler Nachrichten“ mit Blick auf seinen neuen Arbeitgeber richtigerweise feststellte: „Es geht gleich in die Vollen.“ Und wie: Sollte die Saison tatsächlich am 30. Juni enden, wären Klaus Gjasula, Uwe Hünemeier und Ben Zolinski sofort und damit kostenlos auf dem Markt: Ihre Verträge laufen aus.

Auch bei den Leihspielern ist bis auf Ron Schallenberg (kommt vom Regionalligisten SC Verl zurück) nichts geklärt. Sergio Gucciardo (ausgeliehen an den SV Lippstadt), Felix Drinkuth, Marcel Hilßner (beide Hallescher FC) und Johannes Dörfler (FSV Zwickau) wollte zumindest Przondziono nicht behalten. Ebenso ungeklärt ist die Zukunft von Gerrit Holtmann (bis zum 30. Juni ausgeliehen vom FSV Mainz 05, der SCP besitzt aber eine Kaufoption), Mohamed Dräger (SC Freiburg) und Laurent Jans (FC Metz/Kaufoption).

Stammkräfte in 14 Monaten ablösefrei

Wohlgemuth muss gleichzeitig aber auch noch viel weiter blicken. Bekannte Stammkräfte wie Sebastian Vasiliadis, Christopher Antwi-Adjei, Jamilu Collins, Sebastian Schonlau, Hamid Sabiri, Leopold Zingerle, Sven Michel, Marlon Ritter oder Kapitän Christian Strohdiek wären in 14 Monaten ablösefrei zu haben.

Przondziono deutete in seinem letzten Gespräch vor der Kündigung allerdings auch ein Umdenken an.  „Wir werden nicht nur auf den Profit schauen, sondern auch das sportliche Risiko im Blick behalten.“ Konkreter wurde der 50-Jährige vor zehn Tagen nicht. Es schien aber so, als solle es auch beim SCP künftig mehr zu einem Abwägungsprozess kommen.

Unerfahrene Mannschaft

Rentiert sich der Erlös oder wäre es für die Mannschaft wichtiger, den Spieler X auch ohne langfristigen Vertrag zu halten? „Wenn wir dann mal einen ohne Ablöse ziehen lassen müssten, wäre das dann nicht dramatisch“, meinte Przondziono und nannte als Beispiel noch das Auswärtsspiel in Düsseldorf. Wenn am 13. März das Ligatreffen bei der Fortuna noch angepfiffen worden wäre, hätten in der SCP-Startelf elf Profis mit insgesamt 159 Bundesligaspielen gestanden. Przondziono: „Und das nach 25 Spieltagen. Das zeigt, wie unerfahren diese Mannschaft auch jetzt noch ist.“

Der Plan schien ihm aber zum Verhängnis geworden zu sein. Der mächtige Wirtschaftsrat wollte, dass weiterhin Erlöse auf dem Spielermarkt höchste Priorität genießen. Sein Nachfolger Wohlgemuth scheint hier kompromissbereiter zu sein. In dem erwähnten Interview sagte er noch: „Ich habe gelernt, wie wichtig Teamarbeit und Vertrauen neben der fachlichen Kompetenz für den Gesamterfolg und die Nachhaltigkeit einer Mission sind.”

SCP-Fans zeigen sich solidarisch

Bei der seit dem 3. April laufenden Rückerstattungs-Aktion können sich Fans des SCP den Kaufpreis der Karten für das Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim sowie für die Auswärtspartien in Düsseldorf und Augsburg zurückerstatten lassen. 5000 Tagestickets waren im Vorfeld für die drei Spiele abgesetzt worden, etwa 60 Prozent der Käufer nutzten bislang das Angebot. Die Staffelung reicht vom kompletten Verzicht über 75, 50 oder 25 Prozent des Preises bis hin zur vollen Erstattung.

Mehr als 60 Prozent der Karteninhaber haben bislang auf eine Rückerstattung des Tagespreises für das Spiel gegen die TSG verzichtet. „Davon wollten knapp 90 Prozent gar keine Erstattung“, freut sich Geschäftsführer Martin Hornberger über die Solidarität der SCP-Anhänger. Die Inhaber von Dauerkarten werden kommende Woche gesondert angeschrieben.

Kommentare

chefplaner  wrote: 29.04.2020 10:36
Umdenken
Klar, jetzt beginnt spätestens die Phase, in der über auslaufende Verträge im nächsten Jahr verhandelt werden muss. Ich denke, dass bei der kompletten Defensivabteilung die Gespräche erfolgreich verlaufen werden.

Generell gilt aber weiter: jeder ist ersetzbar und Ablösen sind überlebenswichtig.

Bei Vertragsverhandlungen haben nun Verein und Spieler gleichermaßen die Unsicherheits, wie sich Markt und Verdienstmöglichkeiten entwickeln werden. Auch anderswo werden gehälger nicht mehr so üppig ausfallen. Und was nützt ein guter Vertrag, wenn der "neue" Verein in die Insolvenz geht. All das werden Spieler nun bedenken.

Da die Vereine nun unsicheren Kalkulationen bei Sponsoren und Zuschauern ins Auge blicken, werden Gehälter sinken und Kader verkleinert. Das heißt, es gibt weniger frei Arbeitsplätze für vereinslose Spieler.

Die Vereine müssen nun also auch das Risiko abwägen: mit welchem Kader kann man wettbewerbsfähig bleiben? Denn keiner weiß, was die Konkurrenz aus der Situation macht.

Reichen 20 Feldspieler und 3 Torhüter? Wie variabel müssen diese Spieler sein?

Und vor allem wird die Zeit vorbei sein, in der Vereine in Glasfassaden investieren. Man muss nur mal in Aachen nachfragen: hätten die 10 Mio. weniger rausgepulvert und daraus eine Rücklage gebildet, wären die heute wohlmöglich noch Erstligist.


Auch wird sicher die leidige Diskussion um Stehplätze neu beginnen. Sind die überhaupt mit Blick auf Abstandgebote haltbar?! Wie reagieren die Fans darauf - insbesondere die, die glauben, sie hätten die Fanrechte erfunden?!

Auch an dieser Stelle wird die Welt nach Corona anders aussehen. Wie groß ist die Macht der sogennnten aktiven Fanszenen noch?

Und wie geht man weiter mit dem Widerspruch um, dem Zeitgeist nachzulaufen, aber im Fußball einer undefinieretn "Tradiotion" nachzulaufen, die angeblich über allem steht?!
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