Coronavirus: Druck auf Bundesliga steigt – hohe Kosten durch Zuschauerausschluss Geisterspiele bald auch in Deutschland?

Berlin/Bielefeld/Paderborn (WB). Die Verbreitung des Coronavirus führt in Deutschland zu immer mehr Absagen von Veranstaltungen. Diese Entwicklung setzt auch die Fußball-Bundesliga unter Druck. Die Deutsche Fußball Liga stellt sich bereits auf Geisterspiele am nächsten Bundesliga-Wochenende ein. „Wir würden am liebsten schon nächsten Spieltag mit Zuschauern spielen. Das ist aber leider nicht realistisch“, sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert am Montag bei „Bild live“. Er schließt aber eine Komplett-Absage des kommenden Spieltags aus.

Von Sebastian Bauer und Matthias Reichstein
Die Spieler von Inter Mailand passen sich vor leeren Tribünen den Ball zu. Das Spiel findet wegen des Coronavirus-Ausbruchs in einem leeren Stadion statt.
Die Spieler von Inter Mailand passen sich vor leeren Tribünen den Ball zu. Das Spiel findet wegen des Coronavirus-Ausbruchs in einem leeren Stadion statt. Foto: dpa

Mehrere hunderttausend Menschen bringen die Begegnungen in der 1. und 2. Liga an jedem Spieltag in den Stadien zusammen. In den Krisenstäben von Bund, Ländern und Städten ist der Ausschluss von Zuschauern bei Fußballspielen deshalb längst kein Tabuthema mehr.

Erst am Sonntag teilte Jens Spahn mit: „Sicherheit geht vor. Daher werden noch mehr Großveranstaltungen abgesagt werden müssen. Angesichts der dynamischen Entwicklung der letzten Tage sollte das schnell geändert werden.“ Der Bundesgesundheitsminister empfahl deshalb, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern vorerst abzusagen. Im Norden Italiens, wo besonders viele Menschen mit dem Coronavirus infiziert sind, werden Erstligaspiele bereits ohne Zuschauer ausgetragen.

Kurzfristiges Krisentreffen

Auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat sich längst mit dem Thema auseinandergesetzt und festgelegt, dass die Saison auf jeden Fall zu Ende gespielt wird. „Nur so erhalten Klubs und DFL trotz schwieriger Umstände für die kommende Spielzeit Planungssicherheit”, sagt Geschäftsführer Seifert. Geisterspiele sind also eine Option, um den Spielbetrieb fortführen zu können.

Betroffen wären bei einer Entscheidung pro Zuschauerausschluss auch die beiden OWL-Klubs Arminia Bielefeld und SC Paderborn. So empfängt der DSC am Freitag den VfL Osnabrück in einer ausverkauften Schüco-Arena. Zwar könnte sich das Risiko einer Corona-Infektion erhöhen, wenn 26.000 Menschen im Stadion zusammenkommen. Genaue Erhebungen, wie hoch das tatsächliche Risiko ist, sich durch den Besuch eines Fußballspiels zu infizieren, gibt es jedoch nicht. Es wird bei einer Freiluftveranstaltung aber geringer eingestuft als in geschlossenen Räumen, wie die Stadt Stuttgart vor dem Zweitliga-Hit gegen Bielefeld mitteilte.

DSC äußert sich am Sonntag nicht

Die DFL verweist bei der Entscheidungsgewalt in Sachen Absage oder Ausschluss klar an die Gesundheitsämter vor Ort. Bei der Stadt Bielefeld denkt man bislang aber noch nicht über eine Absage nach. „Die Maßlinie ist die, dass wir nur gemeinschaftlich entscheiden werden. So lange kein Zeichen von Bund oder Land kommt und wir wie in Bielefeld, Stand jetzt, keine dramatische Situation haben, werden wir als Stadt nicht die Entscheidung treffen, ein Spiel abzusagen“, sagt Bielefelds Sozialdezernent Ingo Nürnberger, zudem Leiter des Coronavirus-Krisenstabs der Stadt.

Auch in Paderborn wird in den entscheidenden Behörden aktuell weder über eine Absage noch über einen Ausschluss nachgedacht, wie SC Paderborns Geschäftsführer Martin Hornberger betont: „Wir stehen in Kontakt, noch gibt es aber keinen Hinweis, dass ein Spiel abgesagt oder ohne Zuschauer ausgetragen werden soll.“

Gelöst werden müsste im Falle von Zuschauerausschlüssen vor allem eine Frage: Wer kommt eigentlich für die Kosten auf, wenn sämtliche Eintrittskarten ihre Gültigkeit verlieren? Laut Ticketbedingungen der Vereine, müssen die Klubs den Käufern die Kosten ersetzen. Im Falle von Arminias Spiel gegen Osnabrück dürften die Ticketeinnahmen bei etwa 500.000 Euro liegen. Der DSC wollte sich am Sonntag nicht zum Thema äußern.

„Sollte es ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit, etwa wegen des Coronavirus geben, muss der Ticketpreis vom Verein erstattet werden. Entweder in bar oder als Gutschein“, bestätigt unterdessen SC Paderborns Geschäftsführer Martin Hornberger.

Rückerstattung von Eintrittskarten nicht abgedeckt

Fakt ist: Jeder Verein der 1. und 2. Liga zahlt nach WESTFALEN-BLATT-Informationen pro Saison etwa 20.000 Euro in eine Spielausfallversicherung der DFL ein. Das Problem: Diese Versicherung ist bei einem Betrag von zehn Millionen Euro gedeckelt und erstattet lediglich die Mehrkosten, die bei der Organisation entstehen; zum Beispiel TV-Produktion, doppelte Reisekosten des Gastvereins etc. Das hat die DFL den Erst- und Zweitligisten in einem Schreiben am 4. März mitgeteilt.

Die immensen Kosten für die Rückerstattung von Eintrittskarten wären damit also nicht abgedeckt. Nach Schätzungen wären das bei den Partien der 1. und 2. Liga an nur einem Spieltag deutlich mehr als zehn Millionen Euro. Unwahrscheinlich erscheint, dass der Bund oder das jeweilige Bundesland für diese Kosten aufkommen würden.

Einige Vereine, wie etwa der SC Paderborn, haben neben der DFL-Variante eine weitere Versicherung für den Fall von Spielausfällen abgeschlossen. Hornberger: „Diese greift bei Sturm, Erdbeben oder Brand, schließt aber explizit Epidemien oder die Absage durch Behörden aus.“

Ticketbedingungen bei DSC und SCP

Wird ein Spiel abgesagt oder muss unter Ausschluss der Zuschauer ausgetragen werden, regeln die Erstattung die Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Bei Arminia Bielefeld und dem SC Paderborn sind diese eindeutig und nahezu identisch. Geregelt ist, dass der Zuschauer sein Geld bei Absage oder Zuschauerausschluss erstattet bekommt.

Die Bedingungen des SCP im Wortlaut: „Bei ersatzloser Absage der Veranstaltung bzw. bei einer Veranstaltung, die nach Maßgabe eines zuständigen Verbandes oder einer zuständigen Behörde ganz oder zum Teil unter Ausschluss von Zuschauern stattfinden muss, sind sowohl der SCP07 als auch der betroffene Kunde berechtigt, vom Vertrag über den Erwerb eines oder mehrerer Tickets für das betroffene Spiel zurückzutreten. Der SCP07 ist zudem in einem solchen Fall berechtigt, Dauerkarten für einzelne Spiele zu sperren. Der Rücktritt durch den betroffenen Kunden ist in Textform (E-Mail ausreichend), per Telefax oder schriftlich auf dem Postweg an die in Ziffer 16 genannte Kontaktadresse zu erklären. Die betroffenen Kunden erhalten gegen Vorlage des Tickets bzw. Übersendung des Tickets auf eigene Rechnung an den SCP07 den entrichteten Ticketpreis erstattet (Ziffer 9.3 zu Gutschein gilt entsprechend); Service- und Versandgebühren werden nicht erstattet.“

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Spiele streichen

Messen und andere Großveranstaltungen werden abgesagt, Schulen und Hochschulen geschlossen nur die regelmäßig größten Menschenansammlungen, bei denen es mit der Hygiene gar nicht so genau zugeht (es wird aus dem gleichen Eimer, äh, Becher gesoffen, die sanitären Anlagen sind zu den Stoßzeiten überlastet) und zu denen Zehntausende quer durch die Republik reisen, die finden weiter statt. Nein, nicht der Ball sondern der Rubel muss unbedingt rollen, so scheint es und die Entscheidungsträger kneifen vor dem Unmut der Fans. Die bauen ja auch schon mal die Drohkulisse auf, dass man dann eben rund um die Stadien in den Kneipen an der Verbreitung des Virus tätig würde.
Dabei ist die Antwort darauf ganz einfach: Nicht Spiele vor leeren Rängen sondern die Spiele ganz absagen. Mit dem Ziel, die Infektionswelle durch geeignete Maßnahmen zu verlangsamen (sprich die Kurve über die Anzahl der Infizierten möglichst lang flach zu halten) und damit zum Schutz und zur Gesundheit der gesamten Bevölkerung beizutragen, läßt sich das m. E. schon rechtfertigen.
Gilt auch für Zweit- und Drittliegen und andere Sportarten.
Frau Merkel, Herr Span, greifen Sie ein/ durch.

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