Nach der Zerstörung von Schulen im Irak durch den „Islamischen Staat“ bauen Grünhelme zwei neue Gebäude für die Kurden
„Sie waren dankbar, dass sie nicht vergessen waren“

Gerke Hasare -

Der Irak ist wahrlich ein Brennpunkt der Welt. Als ich im August 2014 erstmals in das Land kam, hatte der selbsternannte „Islamische Staat“ (IS) gerade seine Offensive im Nordwesten gestartet. Mossul, die zweitgrößte Stadt des Landes, war bereits eingenommen, und im Sinjar-Gebirge, der Heimat der Jesiden, metzelten die Terroristen alles nieder, was ihnen in die Hände fiel.

Freitag, 01.01.2021, 18:26 Uhr aktualisiert: 01.01.2021, 18:36 Uhr
Mit jesidischen Arbeitern haben die Grünhelme die Schule in Gerke Hasare fertiggestellt. Das Foto zeigt den Tag der Eröffnung. Foto: Grünhelme

Der Überfall auf Sinjar hatte zu einem Exodus der dort lebenden jesidischen Bevölkerung geführt. Über Tage und bei Temperaturen bis zu 50 Grad flohen viele tausende Menschen und retteten so ihr Leben. Zufluchtsort sollte die autonome kurdische Region im Nordirak sein, die zu diesem Zeitpunkt als sicher galt.

Der Dorfvorsteher von Gerke Hasare.

Der Dorfvorsteher von Gerke Hasare. Foto: Grünhelme

In der Stadt Zakho in unmittelbarer Grenznähe zur Türkei waren viele der Verzweifelten gestrandet. Die Stadt war überlaufen: Die Menschen saßen auf den Bürgersteigen, hatten sich in Rohbauten untergebracht oder auf Wiesen. Niemand war auf diese Situation vorbereitet und niemand wusste, wie diese Menschen nun versorgt werden sollten. Auf einer Wiese neben einem Freizeitpark hatte eine Organisation Zelte verteilt. Mehr als 4000 Menschen waren hier gelandet. Die kurdische Nachbarschaft hatte eine Suppenküche aus dem Boden gestampft, um die Menschen zumindest mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen.

Was aber konnten wir dort tun? Unser Gründer Rupert Neudeck war schon vor Ort, nun sollte ich unterstützend dazukommen. Es fehlten Sanitäranlagen. Eilig waren vier Trockentoiletten aufgestellt worden, die die Ausscheidungen in Löcher ableiteten, die nur mit einer Plane abgedeckt waren. Der Gestank zog über die Wiese, und viele verrichteten ihre Notdurft hinter den Zelten. Die hygienische Situation war schlicht katastrophal. Die Gefahr, dass sich Krankheiten ausbreiten konnten, war sehr groß.

In Absprache mit anderen Organisationen sagten wir zu, 30 Toiletten zu bauen. Bereits am zweiten Tag nach meiner Ankunft legten wir los. Untergekommen waren wir in einem Container, in dem eine andere Organisation Lebensmittel lagerte.

Inzwischen macht es uns die irakische Regierung unmöglich, weiteren Menschen im Land zu helfen.

Simon Bethlehem

Diese Zeit im Nordirak war bisher wohl mein intensivster Einsatz für die Grünhelme. Ich lebte im Camp Seite an Seite mit den Geflüchteten, die gerade erst in Todesangst dem IS entkommen waren und nicht wissen konnten, ob sie in Zakho tatsächlich sicher sind. Sie wussten häufig nicht, wie es um Söhne, Töchter, Geschwister und Freunde stand. Viele dieser Menschen waren traumatisiert. Da ich dauerhaft im Camp war, wurde ich zu einer Projektionsfigur. Immer wieder klopften nachts Menschen an die Containertür, redeten auf Kurdisch, Arabisch, manchmal Englisch auf mich ein, klagten ihr Leid, weinten, flehten.

Viele Monate später, als die meisten dieser Menschen in große, eilig aus dem Boden gestampfte Camps umgesiedelt waren und ich sie besuchte, schilderten sie mir ihren Eindruck von diesen Begegnungen: Das wichtigste für sie sei nicht gewesen, dass wir die Sanitäranlagen gebaut hätten, viel wichtiger sei für sie gewesen, dass jemand da war und dass sie das Gefühl hatten, von der Welt nicht vergessen worden zu sein.

Simon Bethlehem vor den Resten einer vom IS zerstörten Schule.

Simon Bethlehem vor den Resten einer vom IS zerstörten Schule. Foto: Grünhelme

In den folgenden Monaten und Jahren habe ich viel Zeit im Irak verbracht. Zunächst in weiteren Camps und Rohbauten, die als Unterkünfte dienten. In Kooperation mit der Kurdischen Gemeinschaft Deutschlands und den Sicherheitskräften vor Ort konnten die Grünhelme als erste internationale Hilfsorganisation im Winter nach dem Überfall Lebensmittel und Kleidung in das noch immer zum Teil vom IS besetzte Sinjar-Gebirge bringen. Etwa 3000 Jesidinnen und Jesiden hatten sich in den Bergen verschanzt. Sie wollten ihre Heimat, nicht kampflos den Dschihadisten überlassen, und so verharrten sie ohne ausreichend Essen, Wasser und winterfester Kleidung an den schneebedeckten Hängen der Berge. Sogar die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) wurde auf uns aufmerksam und trat mit uns in Kontakt, um sich über die Lage im Sinjar zu informieren.

In den Jahren 2015 bis 2017 bauten wir zwei Schulen in den vom IS befreiten Gebieten im Nordirak. Zum einen in Zummar, einem arabischen Ort westlich von Mossul, und zum anderen im Dorf Gerke Hasare auf der Nordseite des Sinjar-Gebirges.

Die gemeinsame Zeit in den Camps hat bei uns tiefe Sympathie für die so gebeutelte, diskriminierte und immer wieder angegriffene kleine Volksgruppe der Jesiden wachsen lassen. Wir wollten ein Zeichen setzen, ein Signal der Hoffnung, dass es nach dem barbarischen Überfall durch den IS eine Zukunft für die Menschen in ihrer Heimat gibt.

Das Schulbauprojekt in Gerke Hasare war logistisch und sicherheitstechnisch anspruchsvoll, weil es sich inmitten der sogenannten Roten Zone befand, wo die höchste Gefahrenstufe galt. So waren wir in ständigem Austausch mit den Sicherheitskräften. Wir nahmen dabei durchaus die Rolle eines Zugpferdes für andere Organisationen ein, die genau beobachteten, ob ein Arbeiten vor Ort schon möglich war. Im Herbst 2017, nach intensiven neun Monaten Bauzeit, konnte die Grundschule für etwa 250 Kinder dann fertiggestellt werden.

Mauern und betonieren: Viele halfen bei den Bauarbeiten mit

Mauern und betonieren: Viele halfen bei den Bauarbeiten mit Foto: Grünhelme

Leider zeigte sich schon bald – der IS war inzwischen weitgehend aus der Region vertrieben –, dass das inner-irakische Gerangel einmal mehr auf dem Rücken des jesidischen Volkes ausgetragen würde. Nach einem Unabhängigkeitsreferendum verloren die Kurden im Nordirak die Kontrolle über Sinjar. Es rückten in dem Gebiet Milizen ein, die mit der Zentralregierung in Bagdad verbündet sind. Seither wurden für den Zugang so hohe bürokratische Hürden aufgebaut, dass es für kleine Organisationen wie uns Grünhelme praktisch völlig unmöglich geworden ist, dort arbeiten zu dürfen.

Auch dutzende Anträge bei der irakischen Zentralregierung und selbst eine Intervention von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) haben bis heute nichts daran geändert, dass wir keine Erlaubnis für Projekte in der Sinjar-Region haben. Dabei würden wir liebend gern unsere Arbeit mit und für die Jesidinnen und Jesiden fortsetzen.

Denn wir sind sicher: Es braucht mehr Hoffnungsschimmer in der Krisenregion Irak.

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