Grünhelme helfen in Sierra Leone – WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsaktion unterstützt gemeinnützige Organisation
Das ganze Dorf hilft beim Bau der Schule

Mansadu (WB) -

Schon wieder steckt der Geländewagen fest. Wieder aussteigen, die Schaufel von der Ladefläche nehmen und im Schlamm buddeln. Es ist heute schon das dritte Mal, und es zehrt an unseren Kräften. Die Strecke von der Provinzhauptstadt Kabala bis in unseren Projektort Mansadu, ganz im Osten des kleinen westafrikanischen Landes Sierra Leone, ist 150 Kilometer lang.

Samstag, 05.12.2020, 09:12 Uhr aktualisiert: 05.12.2020, 10:37 Uhr
Beim Bau der Schule geht es um ihre Zukunft. Foto: Grünhelme

 In der Trockenzeit ist sie in sieben bis acht Stunden zu bewältigen. In der Regenzeit kann es auch mal zwei Tage dauern. Die Piste ist nicht asphaltiert. Es gibt tiefe Schlammlöcher, die uns stoppen. Dann müssen wir manchmal im Wagen übernachten,

Sierra Leone ist eines der ärmsten Länder der Welt. Ein blutiger Bürgerkrieg von 1991 bis 2002 und die verheerende Ebola-Epidemie 2014 haben ihr Übriges getan. Infrastrukturell ist das Land katastrophal aufgestellt. Das betrifft Straßen, Bildung, Ernährung und die medizinische Versorgung. Egal ob Lebenserwartung, Brutto-Inlandsprodukt oder Arbeitslosigkeit: Sierra Leone gehört bei fast allen Ländervergleichen zu den schlechtesten. Die Quote der Erwachsenen, die lesen und schreiben können, beträgt bei Menschen über 15 Jahren laut der Unesco gerade einmal 43 Prozent, bei Frauen dieses Alters nur 35 Prozent.

Die von den Grünhelmen beschäftigten lokalen Arbeiter beim Betonieren.

Die von den Grünhelmen beschäftigten lokalen Arbeiter beim Betonieren. Foto: Grünhelme

Bildung ist der Bereich, in dem wir Grünhelme unterstützen möchten. Wir arbeiten bewusst in sehr abgelegenen Landesteilen, weil dort sonst kaum Unterstützung ankommt. Seit dem Start unserer Projekte in Sierra Leone 2018 haben wir eine Grundschule für mehr als 400 Kinder und eine weiterführende Schule für mehr als 150 Kinder gebaut. Momentan arbeiten wir an einer zweiten Grundschule und einer Oberstufenschule. An letzterer können Jugendliche das Abitur machen. Eine solche Schule gibt es in dieser ländlichen Region nirgends.

Die Schulen sollen Chancen für die kommenden Generationen schaffen: Die Zukunft auch anders gestalten zu können, als den scheinbar vorbestimmten Weg des selbstversorgenden Bauern zu gehen, der seine Familie kaum ernähren kann. Bildung ist somit immer auch eine Chance auf mehr Selbstbestimmung, mehr Möglichkeiten im Leben.

Die Oberstufenschule entsteht in Mansadu, wo wir auch schon die weiterführende Schule gebaut haben. In Mansadu ist die Lebensweise sehr traditionell. Die Frauen schmeißen den Haushalt, helfen bei der Ernte und verkaufen die Überschüsse auf dem Markt. Die Männer sind auf den Feldern beschäftigt, sammeln Feuerholz oder bessern die Lehmhäuser aus. Das Oberhaupt des Ortes und der umliegenden Dörfer ist der so genannte Paramount Chief. Dieser Posten ist ein Relikt aus der Kolonialzeit. Die Briten setzten Chiefs ein, um ihre Herrschaft in den abgelegenen Gebieten zu sichern. Auch nach der Unabhängigkeit 1961 wurde das System der Paramount Chiefs aufrechterhalten – bis heute sind sie in den ländlichen Regionen die wichtigsten Akteure: Sie verteilen das Land und regeln Konflikte innerhalb des Dorfes, etwa wenn die Kuh des einen den Reis des anderen zertrampelt hat.

Es ist geschafft, die Schule steht.

Es ist geschafft, die Schule steht. Foto: Grünhelme

Der zuständige Paramount Chief für das Dorf Mansadu heißt Seku Fina Kali Marah der Fünfte. Chief Seku ist unser Hauptansprechpartner bei unserem Schulbauprojekt in Mansadu und die treibende Kraft. Die neue Schule war seine Idee, für die er bei den Schulbehörden lange geworben hat.

Bei meinem ersten Besuch im Dorf, mitten in der Regenzeit, war unser Geländewagen wenige Kilometer vor Mansadu in einem Schlammloch steckengeblieben. Es regnete in Strömen und dämmerte bereits. Das Wasser im Schlammloch stieg immer höher und es war aussichtslos, den Wagen zu befreien. So mussten meine Kollegin und ich die Nacht im Auto schlafen. Am nächsten Morgen war das halbe Dorf mit Schaufeln und Spitzhacken um den Wagen versammelt, um ihn auszugraben. Sogar Frühstück wurde uns gebracht. Da wussten wir: Hier sind wir richtig, diese Community kann anpacken! Denn das wird bei dem gemeinsamen Schulbauprojekt auch gebraucht.

Zwar haben wir ein lokales Bau-Team mit 15 Leuten angestellt, die den ortsüblichen Lohn erhalten. Aber kleinere Arbeiten sind Aufgabe der Dorfgemeinschaft, die sie unentgeltlich verrichten. So bringen die Frauen jeden Morgen Wasser, das wir zum Anmischen von Beton oder Mörtel brauchen, aus dem nahe gelegenen Fluss auf die Baustelle. Auch der Sand wird aus dem Fluss gegraben und auf die Baustelle gebracht. Natursteine finden sich in den Wäldern, auch sie müssen hergeschleppt und zertrümmert werden, um damit Beton herstellen zu können. All dies liegt in den Händen der Dorfgemeinschaft, die von Chief Seku koordiniert wird.

Die Frauen holen Sand für den Beton aus dem Fluss.

Die Frauen holen Sand für den Beton aus dem Fluss. Foto: Tobias Steverding

Natürlich läuft nicht immer alles reibungslos: Mal haben wir morgens kein Wasser auf der Baustelle, mal fehlt der Sand. Uns ist bewusst, dass wir der Dorfgemeinschaft eine Menge abverlangen – aber genau das ist die Idee: Wenn das Gebäude fertig ist, hat jede und jeder aus dem Dorf mitgeholfen. Es ist ihre Schule, die sie zum größten Teil selbst gebaut haben.

Die Arbeiten sind nicht mit denen auf deutschen Baustellen gleichzusetzen. Das meiste ist Handarbeit. Es gibt keinen Bagger, keinen Kran, keinen Gerüstbauer. Die Mauersteine machen wir mit eigens dafür geschweißten Stahlformen aus einem Sand-Zement-Gemisch selbst. Sogar der Kies zum Betonieren muss mit Vorschlaghämmern und Fäusteln aus den Natursteinen gebrochen werden. Das Holz für den Dachstuhl stammt aus umliegenden Wäldern. Auf unserer Baustelle ist Einfallsreichtum gefragt. Immer wieder tauchen Probleme auf, für die es mit den bescheidenen vorhandenen Mitteln Lösungen zu finden gilt.

Und auch das Leben im Dorf verlangt verwöhnten Mitteleuropäern einiges ab: Wir leben, wie alle anderen auch, in einem kleinen Häuschen ohne Strom und fließendes Wasser. Die Toilette ist ein Loch im Boden. Bei der Ernährung sind wir auf das angewiesen, was es auf dem Markt gibt. Meist essen wir Reis mit einer Soße aus Erdnüssen oder Blättern der Maniokwurzel. Natürlich ist all dies eine Einschränkung, aber es würde sich falsch anfühlen, wenn wir unseren gehobenen Lebensstandard künstlich aufrechterhielten. Dadurch könnten Hierarchien oder Neid entstehen.

Simon Bethlehem, Grünhelm aus Gütersloh.

Simon Bethlehem, Grünhelm aus Gütersloh. Foto: Althoff

Die Armut ist im Alltag der Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner in Sierra Leone allgegenwärtig. Unter- oder Mangelernährung ist vielen Kindern anzusehen. Selbst kleine Infektionen können lebensgefährlich sein, weil es keine ärztliche Versorgung gibt. Erst seit kurzem ist der Schulbesuch für jedes Kind kostenlos. Doch es fehlen Gebäude, es muss in überfüllten Räumen oder draußen unterrichtet werden. In der Regenzeit fällt der Unterricht vielerorts oft aus. Der Bau von Schulen und damit die Chance auf Bildung ist nur ein kleiner Beitrag. Doch wir sind überzeugt: Nur mit Bildung gelingt der langfristige Kampf gegen Armut.

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