Die Grünhelme aus Deutschland helfen in libanesischen Flüchtlingslagern
Ihre Heimat ist nah, und doch unerreichbar

Gütersloh/Arsal -

Sie können ihr Zuhause sehen, Tag für Tag. Die hellen Berge des Kalamoun-Gebirges sind von der Grenzstadt Arsal im Libanon gut zu erkennen. Und so werden Zehntausende Syrerinnen und Syrer täglich an ihre Heimat erinnert – ohne zurück zu können.

Freitag, 20.11.2020, 18:32 Uhr aktualisiert: 21.11.2020, 09:54 Uhr
Der „Rasen“ ist aus Plastik: Ein syrischer Großvater sitzt mit seinen Enkelinnen vor seiner Flüchtlingsunterkunft im Libanon. Foto: Grünhelme

Seit 2011 wütet der syrische Bürgerkrieg, in dem das Regime um Präsident Baschar Al-Assad einen blutigen Kampf gegen sein eigenes Volk führt. Hinzu kommen islamistische Extremisten, die nur ihre Weltsicht gelten lassen. Die Gewalt hat zu einem Exodus geführt, nicht nur nach Europa, sondern vor allem in die Nachbarländer.

Im Libanon leben seither mehr als eine Million syrische Geflüchtete – bei einer Einwohnerzahl von sechs Millionen Libanesinnen und Libanesen. In Arsal hat sich seit dem syrischen Bürgerkrieg die Einwohnerzahl verdoppelt. Libanons Regierung ist überfordert, aber auch nicht willens, den Menschen Unterstützung zukommen zu lassen.

Wir Grünhelme versuchen als humanitäre Helfer seit mehr als drei Jahren, Hoffnung zu schenken, zum Beispiel durch bessere Wohnverhältnisse. Denn in den Zeltcamps sind die Lebensverhältnisse desaströs. Massive Bauten verbietet die Regierung. Wir haben deshalb in den vergangenen Jahren Dächer und Fenster für Zelte gebaut. Die Dächer schützen vor Schnee im Winter und Hitze im Sommer. Die Fenster ermöglichen Licht und eine bessere Durchlüftung der Zelte und verhindern Schimmel. Aktuell führen wir Elektro-Arbeiten in den Flüchtlingscamps durch, damit die laienhaft verkabelten Zelte nicht mehr so leicht in Flammen aufgehen.

Aber wir helfen auch bei der Bildung. Das libanesische Schulsystem ist überfordert mit den vielen Geflüchteten. Tausende syrische Kinder in der Stadt Arsal haben keinen Platz an einer staatlichen libanesischen Schule. Deshalb finanzieren wir Grünhelme eine Schule, die aus dem Engagement von Privatleuten entstanden ist. Und wir bieten in einem selbst errichteten Ausbildungszentrum Kurse für Jugendliche und Erwachsene an, um Grundwissen im Tischlerhandwerk vermitteln. Das soll den Menschen helfen, Arbeit zu finden. „Tischlern for Future“ nennen wir das.

Doch zurück nach Arsal. Das Stadtbild kann man sich so vorstellen: Zelte, überall Zelte. Oft sind es auch mit Plastikplanen überzogene Holzverschläge. Anders als in der Türkei oder in Jordanien gibt es im Libanon keine offiziellen Flüchtlingscamps, die der Staat oder die Vereinten Nationen organisieren. Stattdessen leben die Menschen auf Privatgrundstücken, mal nur eine Handvoll Zelte, mal ein paar Dutzend, mal mehr als hundert.

Zu Besuch in der Heimat Gütersloh: Simon Bethlehem und sein Vater Rudolf, der einen Elektro-Installationsbetrieb hat.

Zu Besuch in der Heimat Gütersloh: Simon Bethlehem und sein Vater Rudolf, der einen Elektro-Installationsbetrieb hat. Foto: Christian Althoff

Eines der vielen Camps ist Wadi Swed, benannt nach dem Tal, in dem es liegt. Das erste Mal kam ich Anfang Januar 2018 nach Wadi Swed. Es war bitterkalt, Kinder stapften barfuß durch den Schnee. Ein großer, bärtiger Mann mit einem schiefen Lächeln kam auf mich zu, streckte mir die Hand entgegen und begrüßte mich in brüchigem Englisch. Damals wusste ich noch nicht, dass er in den kommenden Jahren der Mensch sein würde, mit dem ich fast alles teilen würde – Gedanken, Erfahrungen, Essen, Probleme und vor allem Zeit.

Khaled, den alle nur Abu Feyrous nennen, sollte unser Übersetzer, Vorarbeiter und ein enger Freund werden. Unsere erste Begegnung wurde, wie es in der arabischen Welt so üblich ist, mit einem Chai, einem schwarzen Tee mit viel Zucker, gefeiert. Auf dem Fußboden seines Zeltes.

Die Wohnsituation ist eines der größten Probleme der Geflüchteten. Jedes Zelt ist nur wenige Quadratmeter groß, nicht selten wohnen darin fünf Personen. Privatsphäre? Fehlanzeige. Oft gibt es noch eine kleine Kochecke und außerhalb ein stilles Örtchen. Das war’s. Die Wand aus Plastikplane ist manchmal isoliert, aber das hilft im Winter, wenn hier Schnee liegt, nur wenig gegen die Kälte. Wenn es stark regnet, dringt Feuchtigkeit herein. Ein weiteres Problem: Die Zelte haben in der Regel keine Fenster, so sitzen die Menschen auch tagsüber im schummrigen Licht einer Lampe. Die Elektrik ist behelfsmäßig zusammengeflickt. Immer wieder gehen Zelte in Flammen auf, manchmal endet das tödlich.

Unter diesen Umständen leben viele Menschen schon seit acht Jahren. Sie haben versucht, sich das Wenige weniger trostlos zu machen. Manche haben Fotos aufgestellt – von der Hochzeit, der Abschlussfeier des Sohnes, von im Krieg verstorbenen Verwandten. Manchmal gibt es ein Regal, nie Tische, Stühle oder Betten. Der Fußboden ist der Lebensmittelpunkt. Hier wird geschlafen, gegessen, Karten gespielt, gebastelt, hier werden Hausaufgaben gemacht, hier wird über ein Ende des Ganzen diskutiert.

Wir begannen mit unseren Arbeiten in Wadi Swed und bauten Dächer über den zelten, um sie vor der Feuchtigkeit im Winter und der Hitze im Sommer besser zu schützen. Zusätzlich fertigten wir Fenster, um Tageslicht hereinzubringen und eine Durchlüftung der Zelte zu ermöglichen. Wadi Swed war nur der Auftakt, in vielen weiteren Camps verbesserten wir die Wohnsituation.

Tischler Simon Bethlehem zeigt Bewohnern des Flüchtlingslagers, wie man Holz bearbeitet.

Tischler Simon Bethlehem zeigt Bewohnern des Flüchtlingslagers, wie man Holz bearbeitet. Foto: Gr�nhelme

Die meisten großen Organisationen kommen und gehen, sie schmeißen Hilfslieferungen ab und behandeln Bedürftige nicht selten von oben herab. Wir konnten uns das Vertrauen der syrischen Community erarbeiten, weil wir selbst mit anpacken und unter einfachen Verhältnissen im Ort mit den Menschen leben.

Wadi Swed sollte zu meinem zweiten Zuhause in Arsal werden. Ungezählte Abende habe ich hier verbracht, habe Hochzeiten mitgefeiert und Menschen sterben sehen, die in Arsal keine medizinische Versorgung erhalten haben. Ich habe Neugeborene auf dem Arm gehalten, war Zeuge, als sich die Familien zweier Liebender traditionell Treue und Unterstützung versprochen haben. Ich wurde zum islamischen Opfer- und Zuckerfest eingeladen, habe syrische Kartenspiele gelernt und nebenbei eine ganze Reihe Kinder aufwachsen sehen. Die Töchter von Abu Feyrous zum Beispiel. Sie sind mir ans Herz gewachsen mit ihrer frechen und aufgeweckten Art, wie sie ihren Vater immer wieder zum Lachen bringen und mit mir deutsche und arabische Vokabeln pauken, wobei wir uns gleichermaßen schwertun. Welche Zukunft steht den Mädchen bevor? Werden sie je zurück nach Syrien können?

Hinter der Fassade des Alltags in Flüchtlingscamps wie Wadi Swed leben Verzweiflung und Schmerz – über die völlige Perspektivlosigkeit der im Libanon unerwünschten Geflüchteten und über den Verlust der Heimat. Diese Traurigkeit wurde mir einmal mehr vor Augen geführt, als ich eines frühen Morgens ins Camp kam. Die Sonne ging gerade über den Kalamoun-Bergen auf. Ibrahim, ein alter, mitunter cholerischer Bauer, saß vor seinem Zelt. Er blickte gen Osten. Und er weinte ganz bitterlich.

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