Fußball Island «träumt groß» - Erste Gedanken an Deutschland

Gelassenheit ist Islands Trumpf. In der Abgeschiedenheit der französischen Alpen bereitet sich die EM-Sensation auf das Viertelfinale gegen den Gastgeber vor. Auch der Medienhype bringt keine Unruhe. Stattdessen denkt Island bereits an Deutschland.

Von dpa
Großer Medienandrang bei den Isländern.
Großer Medienandrang bei den Isländern. Foto: Christian Charisius

Annecy (dpa) - Mit der Ruhe für Islands EM-Helden am beschaulichen Lac d’Annecy ist es endgültig vorbei. Nach dem sensationellen Viertelfinaleinzug will die ganze Fußball-Welt das Geheimnis des Turnier-Debütanten lüften.

Mehr als 100 Journalisten quetschen sich in das kleine Sportheim des örtlichen Union Sportive d'Annecy Le Vieux, 20 TV-Kameras verfolgen das Team um Kapitän Aron Gunnarsson - doch die neuen Berühmtheiten könnten sich vor dem Duell mit Frankreich kaum entspannter geben.

«Wir genießen das», sagt Coach Heimir Hallgrímsson immer wieder und wieder. Sorgen wegen des Hypes? Angst vor der Offensivstärke des Gastgebers? Hallgrímsson lächelt milde. «Natürlich träumt man groß. Wenn man nicht groß denkt, erreicht man nie etwas», sagt der 47-Jährige über den mit Abstand größten Erfolg des kleinsten EM-Teilnehmers. «Aber wir sind realistisch: Wir können das beste Spiel unseres Lebens spielen, und immer noch verlieren gegen Frankreich. Es gibt keinen Druck auf Island.»

Auch deshalb wählte der Außenseiter die Abgeschiedenheit der ostfranzösischen Alpenstadt nur gut 80 Kilometer entfernt vom deutschen Quartier für sein Basislager. Bislang nahm hier kaum jemand Notiz von der «Equipe Nationale d'Islande de Football», wie es auf einem der wenigen Hinweisschilder nahe des Teamhotels Les Trésoms mit schönstem Seeblick steht. Er habe erst gestern erfahren, dass ein Fußballteam in seiner Stadt ist, erzählt ein Taxifahrer - und berichtet stolz, dass er einen Reporter der «New York Times» zum Trainingsplatz kutschiert habe.

Und so ist diese Ruhe eines der Erfolgsrezepte. «Nach dem Sieg gegen England hatten die Spieler einen freien Tag», berichtet Coach Hallgrímsson. «Sie konnten tun was sie wollten. Sie gingen in die Stadt, und keiner erkannte sie. Sie sind nicht Wayne Rooney oder so - und das ist auch gut so.»

Dass die Heimat durchdreht, die Einschaltquoten mit Wahlergebnissen in Nordkorea vergleichbar sind, sich in ganz Europa Menschen isländische Namen mit einem Internet-Generator zulegen, löst auch bei niemanden Überschwang aus. «Das Interesse geht durch die Decke, aber das überrascht uns nicht so», sagt Verteidiger Kari Arnason. So klingt Euphorie auf isländisch.

Diese Abgeklärtheit sollte dabei jedoch nicht über die Ambitionen Islands hinwegtäuschen - sogar über ein potenzielles Duell mit Deutschland haben sich Arnason & Co. schon einmal Gedanken gemacht. «Wenn wir es ins Halbfinale schaffen, wird es nicht gerade der einfachste Weg ins Endspiel, muss ich sagen», sagt er mit Blick auf ein mögliches Aufeinandertreffen mit dem Weltmeister. «Wir haben natürlich schon ein bisschen drüber gesprochen, aber wir wollen nicht vorschnell denken.»

Zumindest die örtliche Polizei von Annecy würde es nicht überraschen, sollte Island weiter Europas Elite schocken. Das wegen des Teams aufgestellte temporäre aufgestellte Parkverbot vor dem Mannschaftshotel gilt bis zum 14. Juli - die Woche nach dem Finale in Paris.

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