Fußball Einwurfspezialist Gunnarsson gefürchtet

Seine Einwürfe sind gefährlicher als jede Flanke. Nicht nur wegen der besonderen, nicht ganz regelkonformen, Vorlagen ragt Aron Gunnarsson aus dem isländischen Team heraus. Der Kapitän lebt den Glauben an das Unmögliche vor. Dabei hätte er beinahe einen anderen Sport gewählt.

Von dpa
Wirft Aron Gunnarsson ein, wird es meist gefährlich.
Wirft Aron Gunnarsson ein, wird es meist gefährlich. Foto: Federico Gambarini

Annecy (dpa) - Der Ober-Wikinger will auch Frankreich das Fürchten lehren. Auf seiner Brust umrahmen Tattoos zweier Götter aus der nordischen Mythologie bedrohlich ein Kriegsschiff. Als vollbärtiger Vor-Klatscher beeindruckt er nach Siegen bei der Jubel-Choreographie.

Und mit seinen langen Einwürfen jagt er den Gegnern europaweit Angst ein. Kapitän Aron Gunnarsson gibt dem isländischen Team ohne Stars ein Gesicht - und lebt den Glauben an das Unmögliche beim EM-Märchen vor. «Mit der isländischen Mentalität haben wir eine Chance», sagt der 27-Jährige vor dem Viertelfinale gegen den Gastgeber am Sonntag (21.00 Uhr) in Saint-Denis. «Wir glauben immer dran, das ist unsere Einstellung.»

Abseits des Platzes zeigt sich Gunnarsson hingegen ganz und gar nicht kampfeslustig. Mit sanfter Stimme spricht er eher leise Sätze, nach dem Achtelfinal-Coup gegen England fällt «der Wikinger mit zartem Herz» («L'Equipe») seiner Mutter, Frau und seinem Bruder Arnór um den Hals. Dieser spielt beim Bergischen HC in der Bundesliga Handball - eine Profession, die beinahe auch Aron gewählt hätte. Erst als Jugendlicher entscheidet er sich endgültig für den Fußball, profitiert aber noch heute von seiner zweiten Leidenschaft.

Gleich zwei Tore erzielt Island bei dieser EM nach dem gleichen Schema. Gunnarsson wirft den Ball mit Wucht bis weit in den Strafraum, dort verlängert Kari Arnason per Kopf. Gegen Österreich verwertet Jon Bödvarsson, die englische Defensive wird von Ragnar Sigurdsson übertölpelt. «Wir müssen das gar nicht mehr groß trainieren», erklärt Arnason. «Wir wissen genau, wie weit er wirft und was wir tun müssen.»

So übt Gunnarsson auch wenige Tage vor dem Viertelfinal-Duell keine Einwürfe. Stattdessen schleicht er neben zwei Betreuern unter anderem mit Rückenproblemen nur um den Platz. Am Freitag sollte er ins Training zurückkehren, berichtet Trainer Lars Lagerbäck aber, ein Einsatz sei «kein Problem». Es wäre auch überraschend, sollte sich der Anführer von einem Start gegen Frankreich abhalten lassen - zu wichtig ist er nicht nur wegen seiner Einwürfe.

Dass Gunnarsson dabei während der EM mindestens einmal deutlich im Feld steht und die linke Hand gemäß der neuen Fußball-Regeln illegal nur als Stütze benutzt, interessiert im isländischen EM-Quartier von Annecy niemand. «Das habe ich noch gar nicht mitbekommen», sagt Trainer Heimir Hallgrímsson mit einem Schmunzeln. «Das ist in seinen Genen, so zu werfen.»

Explizit mit der Fähigkeit zum langen, präzisen Einwurf wurde Gunnarsson sogar von seinem Agenten vor dem Wechsel nach England zu Coventry City angepriesen. Inzwischen spielt der Familienvater beim walisischen Club Cardiff City in der zweiten englischen Liga, setzt aber immer noch auf seine besondere Technik.

«Es geht nur darum, wie du wirfst und nicht wie hart du wirst», erklärt Gunnarsson. «Leute können doppelt so große Arme haben wie ich, aber das zählt nichts.» Und dass es im Fußball nicht immer auf die Größe ankommt, beweist der kleinste EM-Teilnehmer Island gerade auf beeindruckende Weise.

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