Armin Laschet und Christian Lindner überzeugen das Debat-O-Meter-Publikum Zwei Gewinner und ein Sieger der Herzen in der Wahlarena

Freiburg/Köln (WB). Armin Laschet und Christian Lindner haben das Debat-O-Meter-Publikum am Donnerstag überzeugt. Und Michele Marsching hat sich in der Debatte am deutlichsten verbessert. Wissenschaftler der Universität Freiburg haben nach dem Duell Kraft/Laschet auch die zweite Fernsehdebatte im WDR zur NRW-Landtagswahl für das WESTFALEN-BLATT ausführlich ausgewertet. 

Nach einem Fototermin geht's für die Kandidaten an ihre Plätz: Özlem Alev Demirel (von Links, Die Linke), Michele Marsching (Piraten), Hannelore Kraft (SPD), Sylvia Löhrmann (Grüne), Armin Laschet (CDU), Christian Lindner (FDP) und Marcus Pretzell (AfD.
Nach einem Fototermin geht's für die Kandidaten an ihre Plätz: Özlem Alev Demirel (von Links, Die Linke), Michele Marsching (Piraten), Hannelore Kraft (SPD), Sylvia Löhrmann (Grüne), Armin Laschet (CDU), Christian Lindner (FDP) und Marcus Pretzell (AfD. Foto: Oliver Berg/dpa

Am Debat-O-Meter zur Wahlarena mit den Spitzenkandidaten haben sich insgesamt 514 Teilnehmer beteiligt. Von den 455 Personen, die sich an der Vorbefragung beteiligten, haben 47 nicht an der Live-Bewertung teilgenommen, so dass mehr als 408 Nutzer detaillierte Informationen vorliegen. Die Gesamtzahl von 514 ergibt sich daraus, dass nach Beendigung der Vorbefragung noch weitere Teilnehmer in die Live-Bewertung hinzugekommen sind.

Erste Analyse

Eine erste Schnell-Analyse mit dem Debat-O-Meter zur Wahlarena ist bereits erfolgt. Die Anwendung der Freiburger Forscher ist für Smartphones, Tablets und Computer entwickelt worden. Das WESTFALEN-BLATT hat das Projekt ausführlich vorgestellt und präsentiert die Ergebnisse. Die interaktive Analyse ist auf der Internetseite des Debat-O-Meters zu sehen: https://debatometer.shinyapps.io/ltwnrw17-arena .

Für die Auswertung der Vorbefragung werden alle 445 Fragebögen benutzt, für die Analyse des Debat-O-Meters greifen die Wissenschaftler auf die 514 zurück, wenn das Publikum als Ganzes gemeint ist, sobald die Bewertung mit Daten aus der Vorbefragung verbunden wird (z.B. eine Aufspaltung anhand der Wahlabsicht), entfallen die zusätzlichen Teilnehmer, da über sie nichts bekannt ist.

Wie sah das Publikum aus?

Wie so oft im Internet ist das Publikum eher jung und männlich: 44,7 Prozent der Teilnehmer waren unter 30 Jahre alt (11,8 Prozent aber auch über 60) und 71,3 Prozent waren Männer. Damit ist das Publikum zwar relativ typisch für das Internet, aber eben nicht repräsentativ für Nordrhein-Wesfalen (89,1% waren hier wahlberechtigt). Das sollte man bei der Interpretation der Ergebnisse im Hinterkopf haben.

Ebenfalls zu bedenken ist, dass die Zuschauer bereits vor der Diskussion deutlich der CDU und der FDP zuneigten, denn 36 bzw. 15,7 Prozent gaben an in der Vorbefragung an, diese Parteien wählen zu wollen. Dass linke Kandidaten/Kandidatinnen es hier schwerer haben, ist daher wenig verwunderlich. Für die konkrete Interpretation bedeutet das, dass man zwar das Publikum an sich ganz normal analysieren kann, dass man es aber nicht damit verwechseln sollte, wie die Stimmung im Land ist, denn beide sind unterschiedlich zusammengesetzt. Entsprechend vorsichtig muss ist die Verbindung zu ziehen. Verlässlicher ist es da, nur die einzelnen Teilgruppen (z.B. die Anhänger der einzelnen Parteien) für sich alleine anzusehen, da hier nichts miteinander verrechnet wird.

Wie dachte das Publikum über die Kandidaten und die Diskussion?

Dass die Teilnehmer eher liberal und konservativ eingestellt waren, wird deutlich, wenn man auf die Bewertungen der Kandidat/innen schaut. Auf einer Skala von -2 bis +2 beurteilten die Teilnehmer vor allem Christian Lindner (+0,66) und Armin Laschet (+0,61) gut, die anderen Kandidaten wurden eher negativ gesehen, Hannelore Kraft wurde mit -0,54 noch am wenigsten abgelehnt, gefolgt von Michele Marsching (-0,80/Piraten), Özlem Demirel (-1,03/Die Linke) und Sylvia Löhrmann (-1,06/Grüne). AfD-Frontmann Marcus Pretzell landete mit -1,38 auf dem letzten Platz.

Entsprechend ihrer Wahlabsicht würden auch die meisten (44,1 Prozent) Armin Laschet als Ministerpräsidenten wählen, gefolgt von Christian Lindner (20,5), wobei die Anhänger von FDP und CDU natürlich meist ihren Kandidaten wollten, aber auch immer wieder für den jeweils anderen stimmten. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft lag mit 17,5 Prozent auf Platz drei und konnte neben ihren eigenen Anhängern auch ein paar Unterstützer in den Reihen der Grünen mobilisieren – es stimmten sogar mehr Grüne für Kraft als für Löhrmann, umgekehrt galt das aber nicht. Die 13,1 Prozent der SPD-Wähler, die nicht für Kraft votierten, gaben ihre Präferenz dagegen zu gleichen Teilen an Lindner und Laschet. Von jenen, die sich vor der Debatte noch nicht für eine Partei entschieden hatten, nannten die meisten Laschet (38 Prozent), gefolgt von der Option »keinen« (21) und Kraft (16,5).

Fragt man die Teilnehmer nach ihrem Eindruck von den Kandidaten, so liegen erneut Lindner und Laschet vorne, wobei Laschet eher als glaubwürdig wahrgenommen wurde (36,2 Prozent gaben an, er erscheine ihnen am glaubwürdigste). Lindner lag dagegen bei der Sympathie geringfügig vorneg und wurde auch geringfügig als überzeugender wahrgenommen. Platz drei belegt bei allen Image-Aspekten (Glaubwürdigkeit, Kompetentz, Überzeugungskraft und Sympathie) immer Kraft. Wie nicht anders zu erwarten, gaben die Anhänger der Parteien eigentlich immer an, dass »ihr« Kandidat oder »ihre« Kandidatin in allen Aspekten der oder die Beste sei. Zwischen Wählern der FDP und der CDU war man aber auch – ganz im Sinne der klassischen Koalition – dem jeweils anderen Kandidaten gegenüber  aufgeschlossen. Deutlich wird dies daran, dass z.B. 18,4 Prozent der CDU-Wähler Lindner als besonders sympathisch ansahen. Die Untentschlossenen sahen in allen Aspekten Laschet vorne.

Relativ ähnlich zur Sitmmung im Land hingegen waren die Themen, die den Teilnehmern auf den Nägeln brannten: Innere Sicherheit nannten 31,9 Prozent als wichtigstes Thema (den CDU-Anhängern war dies das wichtigste Thema), gefolgt von Schule und Bildung (22,6 Prozent mit sozialer Gerechtigkeit das wichtigste Thema der SPD-Wähler), Infrastruktur und Verkehr (15,2) sowie Soziale Gerechtigkeit (12) – alles Themen die in der Sendung zur Sprache kamen. Den Unentschlossen war mit 47,4 Prozent das Thema Innere Sicherheit und Kriminalität auffallend wichtig.

Wie wurde die Debatte selbst bewertet?

Die Zuschauer konnten mit ihren Smartphones, Tablets und Computern jederzeit während der Diskussion und für jeden Kandidaten einzeln angeben, ob sie gerade einen positiven oder sehr positiven, einen negativen oder sehr negativen Eindruck von ihm hatten. Und davon machten sie auch reichlich Gebrauch. Waren die Voten in der kurzen Vorstellungsrunde, in der die Kandidaten sagten, welches Auto sie fuhren, mit 8,1 Bewertungen pro Sekunde noch vergleichsweise zögerlich, schwoll der Strom der Bewertungen schnell an und erreichte während der Abschlussstatements mit 28,7 saldierten Bewertungen (positive und negative Urteile wurden für die Berechnung zusammengeführt) seinen Höhepunkt, als die Kandidaten noch einmal geballt darstellten, warum man sie wählen sollte und welche Koalitionsoptionen sie favorisierten. Nimmt man die Häufigkeit der Bewertung als Maß für die Relevanz der einzelnen Themen, waren den Teilnehmern vor allem die Felder innere Sicherheit (25,1 Voten pro Sekunde) und soziale Gerechtigkeit (23,3) wichtig – beides Bereiche, in denen heftig diskutiert und damit auch Anlass zur Bewertung gegeben wurde.

Die Debatte insgesamt

Aus der Vogelperspektive ist klar zu sehen, dass bei den Teilnehmern vor allem Laschet und Lindner vorne lagen. Für jeden Teilnehmer lassen sich aus dem Debat-O-Meter die abgegebenen Voten auswählen (»++« zählt dabei als zwei Pluspunkte,  »+« als einer, »-« als ein Minuspunkt und »--« entsprechend als zwei) und über den Durchschnitt der Punkte ausrechnen, welche Taste bei einer Bewertung »üblicherweise« gedrückt wurde. Mit 0,82 bekam hier Laschet die beste Beurteilung (normalerweise wurde eine Aussage von ihm mit einem Pluspunkt quittiert), gefolgt von Lindner (0,74). Die anderen Kandidaten dagegen erhielten zumeist negative Werte (Marsching: -0,28, Kraft: -0,72, Demirel: -0,95, Löhrmann und Pretzell: -1,04), wobei auffällt, dass Marsching in den Augen der Teilnehmer weitgehend neutral bewertet wird. Angesichts der schlechten Ausgangslage ist das ein klarer Achtungserfolg.

Ein interessantes Bild ergibt sich, wenn man aufschlüsselt, wie sich diese mittlere Bewertung auf die einzelnen Zuschauer verteilt: Für die meisten Kandidaten finden sich zwei klare Lager, von denen eines den Kandidaten zumeist befürwortet und gute Voten vergibt, das andere ihn oder sie hingegen ablehnt und eher negative Voten vergibt. Wie groß die jeweiligen Lager sind, hängt dabei an der Zusammensetzung der Teilnehmer – für die bürgerlichen Kandidaten ist die Unterstützerfraktion deutlich größer als die der Kritiker, für Kraft und Löhrmann ist es umgekehrt. Das ist angesichts der Zusammensetzung der Teilnehmer zuerst noch nichts Außergewöhnliches, für drei Kandidaten weicht das Muster jedoch ab: So konnten weder Demirel noch Pretzell ein klar erkennbares Lager an Teilnehmern vorweisen, das sie unterstützt. Marsching hingegen hatte unter den Teilnehmern zwei fast gleich große Fraktionen, von denen ihn die eine unterstützte und die andere kritisierte. Er fällt damit deutlich aus der Lager-Logik der Diskussion heraus.

Interessant ist auch, wenn Teilnehmer einen Kandidaten während der Debatte gar nicht bewerteten. Zwar ist über die genauen Gründe hierfür nichts bekannt, sie müssen aber in jedem Fall mit der Aufmerksamkeit zusammenhängen, die eine Person erfährt. Hier standen erneut Laschet und Lindner im Rampenlicht (94,3  bzw. 93,2 Prozent der Teilnehmer gaben mindestens ein Urteil ab; Redezeiten laut letzter Einblendung in der Sendung: 10:10 und 12:57), knapp gefolgt von Hannelore Kraft (92,4 Prozent, Redezeit: 12:37). Die anderen Kandidaten blieben eher einmal »unter dem Radar« des Publikums (Löhrmann: 91,8 Prozent, Redezeit: 9:08, Demirel: 89,3 Prozent, Redezeit: 10:22, Pretzell: 90 Prozent, Redezeit: 9:36), am wenigsten Aufmerksamkeit erfuhr der Pirat Marsching (88,1 Prozent, Redezeit: 7:02). Zwar sind die Bewertungen selbst inhaltlich ausgelöst, gleicht man die Aufmerksamkeit des Publikums aber mit der jeweiligen Redezeit laut letzter Einblendung vor der Koalitionsrunde ab, zeigt sich ein deutlicher statistischer Zusammenhang. Die Zeit, die eigene Position darzulegen, wirkt sich darauf aus, ob sich das Publikum ein Urteil bildet oder nicht.

Die Themen

Bei welchen Themen punkteten die Kandidaten, bei welchen nicht? Diese Frage lässt sich auf mehrfache Weise beantworten: Konnten die Kandidaten Rückhalt in ihrer eigenen Wählerschaft bekommen? Wie verhielten sich die Anhänger der anderen Gruppen? Und: Was ist mir denen, die sich vor der Diskussion noch für keine Partei entschieden hatten? Da unter den Teilnehmern vor allem Anhänger von SPD, FDP und CDU waren, lassen sich nur diese Gruppen gut aufschlüsseln. Das ist zwar schade, als dass es den Einblick in die Stimmung der Koalition erschwert, aber unvermeidlich.

Für Hannelore Kraft fällt allgemein auf, dass ihr Rückhalt im eigenen Lager hinter dem der bürgerlichen Parteien zurückbleibt. Ihre mittleren Bewertungen über die Themen hinweg gehen nie über den Höchstwert von 0,91 beim Thema soziale Gerechtigkeit als Markenkern der SPD hinaus (die Werte können im Bereich -2 bis +2 liegen). Während Lindner und Laschet nie unter die Werte 1,50 (Lindner bei den Koalitionsaussagen) bzw. 1,62 (Laschet beim Thema Umwelt und Verkehr) fallen. Insgesamt zeigt sich daher die SPD-Wählerschaft bei den Teilnehmern als weniger motiviert als das gegnerische Lager. Relativ gut gelitten haben Krafts Anhänger noch ihre Aussagen zum Thema Sicherheit (0,66) und Flüchtlinge und Integration (0,69), weniger gut kamen hingegen ihre Ausführungen zu Umwelt und Verkehr (0,43) sowie zu Bildung und Schule (0,55) an.

Lindner gelang es dagegen, bei den Themen Flüchtlinge und Integration (1,64) und Umwelt und Verkehr (1,63) die meiste Unterstützung im eigenen Lager zu bekommen, beim Thema Sicherheit (1,53) und eben den Koalitionsaussagen (1,50) fällt die Unterstützung dagegen ab. Laschet wiederum wusste im Bereich Kita und Kinderbetreuung (1,86) seine Anhänger am besten hinter sich, aber auch beim Thema innere Sicherheit (1,76). Neben dem bereits genannten Bereich Umwelt und Verkehr lief es zudem im Fragen der sozialen Gerechtigkeit schlechter für ihn (1,65). Hier konnte er aber relativ viel Zuspruch der FDP-Wähler für sich erreichen (mittlere Bewertung 1,32). Umgekehrt standen die CDU-Wähler von Lindners Ausführungen zu Bildung und Schule (1,31) relativ positiv gegenüber. Die geringste Schnittmenge zwischen beiden Anhängerschaften bestand dagegen in den Bereichen soziale Gerechtigkeit sowie Kita und Kinderbetreuung. Über die Lager hinweg erhielt Lindner zudem von SPD-Wählern Zuspruch beim Thema Flüchtlinge (0,62) und Laschet bei Kita und Kinderbetreuung (0,74). Hannelore Kraft gelang es zwar kaum, von FDP- und CDU-Anhängern Zustimmung zu erhalten, in Fragen Umwelt und Verkehr überwand sie jedoch die Ablehnung des gegnerischen Lagers und kam bei FDP-Wählern auf eine mittlere Bewertung von 0,06, was zwar »nur« neutral ist, aber angesichts der Ausgangslage dennoch zeigt, dass die Teilnehmer hier eine größere Nähe sahen. Für die CDU gibt es keinen vergleichbaren positiven Moment, aber für das Thema Flüchtlinge und Integration sowie Kita und Kinderbetreuung (beide -0,74) ist die Ablehnung sichtbar schwächer als in den anderen Bereichen.

Die Unentschlossenen schlugen sich thematisch regelmäßig auf Seiten der bürgerlichen Parteien, bevorzugten hier jedoch Laschet, der in der mittleren Bewertung immer vor Lindner lag. Am besten verfingen seine Aussagen mit jeweils 1,31, wenn es um Flüchtlinge und Integration ging sowie um Kitas und Kinderbetreuung. Bei letzterem Thema erhielt auch Lindner den meisten Zuspruch, seine Aussagen im Bereich Koalitionen (0,04) und Sozialer Gerechtigkeit (0,36) verfingen hingegen weitaus weniger. Kraft hatte es auch hier deutlich schwerer zu punkten und bekam dies vor allem bei sozialer Gerechtigkeit (-0,89) und innerer Sicherheit (-0,8) zu spüren. Besser lief es dagegen in Fragen Flüchtlinge und Integration. Hier wurde sie zwar auch abgelehnt, mit -0,66 aber weniger.

Deutlich stärker votierten die Unentschlossenen gegen Löhrmann und Demirel, die vor allem bei den Themen Kita und Kinderbetreuung (-1,68), Bildung und Schule (-1,38), soziale Gerechtigkeit (-1,13) sowie den Koalitionsaussagen (-1,25) negative Bewertungen erhielten. Marsching bewegte sich bei den Unentschlossenen eher im neutralen Bereich. AfD-Mann Pretzell sah sich auch mit der Ablehnung der Unentschiedenen konfrontiert, im Feld Bildung und Schule kamen die Voten im Mittel jedoch relativ nahe an den neutralen Bereich heran (-0,36).

Blickt man darauf, wem die Anhänger der drei größten Wählergruppen unter den Teilnehmern noch positive Bewertungen gegeben haben, zeigen sich Schnittflächen zwischen SPD und Linker vor allem in den Bereichen Bildung und Schule sowie Innere Sicherheit: Zwar sind auch hier die Bewertungen von Demirel eher negativ, die Ablehnung aus dem Lager der SPD-Wähler lässt jedoch deutlich nach und sie erhält weitgehend neutrale Bewertungen (-0,23 von SPD-Wählern im Bereich Bildung, -0,16 beim Thema innere Sicherheit).  Löhrmann erhält von Wählern ihres Koalitionspartners zumeist positive Bewertungen, diese fallen jedoch im Bereich Umwelt und Verkehr ins neutrale (-0,17) und werden bei Bildung und Schule mit -0,36 sogar leicht negativ. Am schlechtesten ist ihr Mittelwert, wenn es um Kitas und Kinderbetreuung geht (-1,2). Michele Marsching erscheint den FDP-Wählern zumeist neutral, bei der CDU wird er eher abgelehnt, kann aber bei sozialer Gerechtigkeit (0,0) und Bildung und Schule (-0,35) neutrale bzw. nur leicht negative Bewertungen erhalten. In den Feldern Flüchtlinge und Integration sowie bei Innerer Sicherheit Sicherheit findet sich zudem sichtbarer Zuspruch aus dem SPD-Lager. Pretzell von der AfD erfährt hingegen durchgehend Ablehnung, wobei sich abwechselnd CDU- und SPD-Wähler stärker gegen ihn aussprechen. Etwas schwächer ist die Ablehnung von FDP-Wählern.

Hoch und Tiefpunkte der Kandidaten

Weitgehend negativ von den Teilnehmern bewertet wurde Pretzell. Zwei Stellen sind dabei besonders auffällig: So wird sein Angriff auf Laschet »Sie schwingen sich hier jetzt auf zum Mann der inneren Sicherheit. Vielleicht wollen Sie ja der neue Innenminister werden?« mit vielen negativen Voten quittiert, ebenso wie seine Prognose, dass Marine LePen am Sonntag zur Präsidentin von Frankreich gewählt werden würde. Auch im Bereich Kita und Kinderbetreuung wurde er für seinen Kritik am »Auseinanderreißen von Familien staatlicherseits« ebenfalls kritisiert.

Lindner konnte vor allem im Bereich innere Sicherheit und Flüchtlinge und Migration mehrfach punkten, beispielsweise mit seinen Aussagen, »ein Signal des Respekts« an jene zu senden, die einen mittleren Schulabschluss haben, und ihnen den Zugang zur Polizeiausbildung zu erleichtern. Das galt auch für seine Forderung »Zuwanderung nach Deutschland muss wieder einer Ordnung unterworfen werden« oder dem Ruf nach mehr Verfassungspatriotismus in der Integrationspolitik. Weniger gut gelitten waren hingegen seine Aussage »Wir müssen jetzt hier kein juristisches Proseminar machen«.

Laschet trat relativ angriffslustig auf und konnte damit beim Publikum gut punkten. Gut an kamen beispielsweise sein Statement im Bereich innere Sicherheit »Ich würde erst einmal den Innenminister auswechseln« sowie seine Forderungen nach »Null-Toleranz gegenüber Kriminellen« und der Polizei den Rücken zu stärken (»Die riskieren jeden Tag Leib und Leben.«). Seine stakkatohafte Entgegnung auf Krafts Bilanz »Die Menschen sind es satt, Frau Kraft« (z.B. zur Sylversternacht in Köln) wurde vom Publikum klar goutiert. 

Kraft konnte hingegen nur schwer die Teilnehmer für sich gewinnen und wurde zumeist negativ bewertet. Ein Tiefpunkt ihrer Bewertung ist hier beispielsweise die Aufzählung der Leistungen ihrer Regierung im Bereich innere Sicherheit (»Schutzmann um die Ecke«, »Wir haben seit 2010 die Polizei systematisch aufgebaut«), auf die Laschet mit seiner oben stehenden Entgegnung reagiert. Ein weiterer Punkt ist ihre indirekte Kritik an der Vorgängerregierung, dass die Kommunen »in einem desolaten finanziellen Zustand« gewesen seien.

Krafts Koalitionspartnerin Löhrmann erhielt zwei Mal klaren Gegenwind für ihre Angriffe auf Laschet (»Ich finde es, Herr Laschet, schon schäbig, wie Sie hier auf dem Rücken von Opfern [der Kölner Sylvesternacht] Stimmung machen«). Auch dass sie Lindner im Bereich Bildung und Schule attestierte, eine »Mär« der schlechten Bildungspolitik der Landesregierung zu erzählen, brachte ihr die Kritik der Teilnehmer ein.

Demirel konnte im Lauf der Debatte auch nur wenig Zuspruch der Teilnehmer ernten. Relativ schlecht bewertet wurden einerseits ihr Vorstoß zum Mindestlohn (»Deshalb Sagen wir: Zwölf Euro Mindestlohn, das muss sein«) sowie andererseits ihre Ausführungen zur »Schule für alle«.

Marsching war weniger der strukturelle Mix der Schularten entscheidend. Vielmehr komme es auf den einzelnen Schüler an, sagte er. Diese Aussage wurde von den Zuschauern insgesamt positiv bewertet. Ein Auf- und Ab erlebte er dagegen im Bereich innere Sicherheit: Während er für die Aussage »Ich möchte nicht unter einem Ministerpräsidenten Seehofer leben« nicht nur im Studio, sondern auch digital Applaus erhielt, wurden die Ausführung über den »nachts im Busch frierenden Vergewaltiger im Stadtgarten« negativ aufgenommen.

Was hat die Diskussion gebracht?

Insgesamt 270 Teilnehmer haben nach der Debatte noch einen Fragebogen ausgefüllt. Da einige noch während der Diskussion eingestiegen sind und nicht mehr an der Vorbefragung teilgenommen haben, existieren aber nicht für alle eine Vor- und Nachbefragung gleichermaßen. Für insgesamt 235 Personen ist dies jedoch der Fall und sie stehen im Mittelpunkt der Frage: Was hat die Diskussion gebracht?

Als klare Sieger der Debatte haben die Teilnehmer Laschet (40,8 Prozent) und Lindner (33,1) ausgemacht. Dass sich Kraft durchsetzen konnte, fanden nur 8,2 Prozent. Etwas mehr noch sahen den Piraten Michele Marsching vorne (9, Prozent). Das Votum für den Sieger der Diskussion spiegelt sich auch in der allgemeinen Einschätzung der Kandidaten wider: Blickt man nur auf jene, die sowohl in der Vor- als auch der Nachbefragung eine Bewertung abgegeben haben, verbesserte sich Laschet von 0,69 auf 0,87 (der Wertebereich geht von -2 bis +2). Noch deutlicher legte Lindner zu (von 0,68 auf 0,94). Während sich Laschets positive Bewertung bei den Anhängern von FDP und CDU nur marginal ändert, konnte er bei den Unentschlossenen klar punkten, die ihn von 0,39 vor der Diskussion auf 1,02 danach hochstuften, und auch im SPD-Lager gingen die Vorbehalte gegen ihn zurück (von -0,50 auf -0,17). Auch Lindner verbesserte sich bei den Untentschlossenen (von 0,36 auf 0,52) – aber weit weniger stark. Dafür gewann er in der FDP-Wählerschaft und bei der CDU jeweils dazu.

Weniger gut lief es für Hannelore Kraft, die von -0,53 auf -0,67 fiel. Zwar ist der Wert an sich auch auf die vielen CDU-Anhänger in der Teilnehmerschaft zurückzuführen, dass ihr aber die Debatte nicht genutzt hat, sieht man an ihren eigenen Anhängern: Jene, die in der Vorbefragung die SPD wählen wollten und die sowohl vor als auch nach der Diskussion ein Urteil abgaben, stuften sie von 1,61 vor der Diskussion auf 1,13 danach zurück. Ebenfalls (leichte) Verluste hinnehmen mussten Löhrmann (-1,04 auf -1,17) und Demirel (-1,03 auf -1,42), die sich beide durch die Lager und die Unentschlossenen hinweg nicht verbessern konnten oder sogar verschlechterten. Besser verlief die Bewertung für Michele Marsching, der von -0,78 auf -0,58 kletterte und dabei in allen Lagern und bei den Unentschlossenen hinzugewinnen konnte. Genau andersherum lief es für Marcus Pretzell, der von -1,37 auf -1,50 fiel und das praktisch über alle Lager und die Unentschieden hinweg.

Von jenen, die eingangs ein Patt erwartet hatten, gaben hinterher fast gleich viele an, dass Lindner bzw. Laschet die Diskussion zu ihren Gunsten entschieden hatten. Beide konnten zudem ihren Favoritenstatus weitgehend halten, wenn auch einige jetzt den jeweils anderen Kandidaten als Diskussionsgewinner ausmachten. Von denjenigen, die Kraft als Siegerin erwartet hatten, sahen nur 35,7 Prozent ihre Erwartung bestätigt, jeweils etwa ein Fünftel (17,9%) machten nun Lindner bzw. Marsching als besten Diskutanten aus.

Bei der Direktwahlfrage zeigen sich vergleichbare Muster für Lindner und Laschet, die jeweils viele Ihrer Anhänger halten konnten, aber auch einzelne an den jeweils anderen verloren. Wer zuvor Hannelore Kraft direkt gewählt hätte, bliebt zumeist bei der Entscheidung, aber auch ein Fünftel der Anhänger wechselte die Präferenz zu Laschet. Zu diesem wechselte auch der Löwenanteil derer, die eingangs noch gesagt hatten, sie würden keine/n der Diskutanten direkt wählen wollen (72,2 Prozent).

Blickt man auf die eingangs noch Unentschiedenen, zeigt sich, dass die Debatte klar geholfen hat, die Wahlabsichten zu konkretisieren. Knapp die Hälfte (46,5 Prozent) gab nach der Sendung an, jetzt die CDU wählen zu wollen, aber auch die FDP (11,6) konnte hinzugewinnen. Nach wie vor unsicher blieben jedoch 20,9 Prozent.

Fazit

Was die Gewinner angeht, sind bei dem eher bürgerlich eingestellten Publikum klar die eigenen Leute vorne. Dass sie oberflächlich daher als »Sieger« der Debatte gelten, ist da naheliegend. Aber auch wenn man die Daten im Detail betrachtet, bleibt dieser Eindruck vielfach bestehen. Das linke Lager stand weit weniger geschlossen hinter Hannelore Kraft als umgekehrt das bürgerliche hinter Armin Laschet und Christian Lindner. Beide konnten von dieser Konstellation aus auch deutliche Zugewinne verbuchen und so die Diskussion für sich entscheiden. Nicht unerwähnt bleiben sollte aber auch der Pirat Michele Marsching, der sich zwar zwischen den Lagern platzierte und daher von beiden auch Ablehnung erfuhr, der aber zugleich auch immer wieder Zustimmung zu seinen Aussagen bekam und sich dadurch in der Gunst der Teilnehmer klar nach vorne arbeiten konnte. Er dürfte neben den »offiziellen« Siegern daher als »heimlicher Gewinner«gelten.

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