NRW-Landtagswahl: Ergebnisse des Debat-O-Meters zur Wahlarena der Spitzenkandidatinnen Der Ruf nach dem Faktencheck – Laschet und Linder überzeugen

Köln/Freiburg (WB). Die Spitzenkandidaten der nordrhein-westfälischen Parteien sind am Donnerstagabend in der Wahlarena des WDR zur »Elefantenrunde« aufeinander getroffen: Wer konnte in den 105 Minuten die Zuschauer besonders überzeugen? Bei welchen Themen konnten die Spitzenkandidaten besonders punkten?

Im Kölner WDR-Studio: Özlem Alev Demirel (Die Linke; von links), Michele Marsching (Piraten), Hannelore Kraft (SPD), Sylvia Löhrmann (Grüne), Armin Laschet (CDU), Christian Lindner (FDP) und Marcus Pretzell (AfD ).
Im Kölner WDR-Studio: Özlem Alev Demirel (Die Linke; von links), Michele Marsching (Piraten), Hannelore Kraft (SPD), Sylvia Löhrmann (Grüne), Armin Laschet (CDU), Christian Lindner (FDP) und Marcus Pretzell (AfD ). Foto: Herby Sachs/WDR/dpa

Antworten lieferten,  wie bereits beim Duell Kraft/Laschet, auch die Zuschauer mit dem  »Debat-O-Meter« – einer Anwendung, die von Wissenschaftlern der Universität Freiburg für Smartphones, Tablets und Computer entwickelt wurde. In der etwas mühsamen Debatte mit den sieben Diskutanten hatten die beiden Moderatorinnen manchmal ihre liebe Mühe, die Teilnehmer im Zeitplan zu halten. Zum Lacher in der Runde wurde der mehrfache Ruf nach einem Faktencheck, als mitunter die Argumente der Diskutanten angezweifelt wurden. Der Kampf um Zahlen und Statistiken verwirrte manchmal, zumal die Diskutanten auch nicht immer faktenfest wirkten. Am konfliktreichsten ging es zwischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), Herausforderer Armin Laschet (CDU), Sylvia Löhrmann (Grüne), Christian Lindner (FDP), Michele Marsching (Piraten), Marcus Pretzell (AfD) und Özlem Alev Demirel (Linke) bei den Themen Bildung sowie Innere Sicherheit zu.

Die Nutzer des Debat-O-Meters

Mehr als 570 Nutzer haben sich mit dem Debat-O-Meter live an der Arena beteiligt. Dabei gaben die Zuschauer während der Debatte insgesamt mehr als 333.000 positive und negative Voten ab, ein neuer Rekord beim Debat-O-Meter . Die Ergebnisse der Blitzauswertung sind ungewichtet und nicht repräsentativ. Für die wissenschaftliche Auswertung werden diese später gewichtet. Dennoch lassen die Voten der Teilnehmenden bereits in dieser einfachen Form der Aufbereitung Aussagen über die TV-Debatte und die Spitzenkandidaten zu.

Umfrage und Hintergrund

Zehn Tage vor der Wahl  liegen SPD und CDU in der letzten ARD-Umfrage fast gleich auf bei 32 beziehungsweise 31 Prozent. Gegenüber Infratest dimap vor zwei Wochen hat die SPD  zwei, die CDU drei Punkte verloren. Mehr zur Wahl und zu Umfragen auf der Wahl-Sonderseite des WESTFALEN-BLATTS mit interaktiven Grafiken.

Die Bewertung der Spitzenkandidaten in der Vorumfrage

Wie wurden die Kandidaten eingeschätzt? In der Vorbefragung wurde dabei abgefragt: »Was halten Sie von den Kandidaten?« Gemessen auf einer Skala von -2 bis + 2 wurde Christian Lindner mit 0,65 am höchsten bewertet, gefolgt von Armin Laschet (0,61). Die Ministerpräsidentin landete mit -0,57 auf dem dritten Platz. Deutlich am schlechtesten wurde Marcus Pretzell von der AfD mit einem Mittelwert von -1,38 bewertet.

Die Teilnehmer waren in hohem Maße Sympathisanten der CDU: 36,0 Prozent erklärten in der Sonntagsfrage sie zu wählen. Der Anteil der Unentschlossenen war mit 18,2 Prozent am zweit höchsten. Die FDP lag bei den Parteien mit 15,7 Prozent auf Platz 2, während nur 13,9 Prozent eine Wahlpräferenz für die SPD hatten. Da es sich beim Debat-O-Meter um eine Internetanwendung handelt, wundert der relativ hohe Anteil von 4,9 Prozent für die Piraten nicht, die AfD-Anhänger kamen auf 3,8 Prozent, die Grünen auf 2,2 Prozent, Linke auf 2,2 Prozent.

Die Themen – Löhrmann will kein Diesel mehr fahren

Für die Zuschauer waren die wichtigsten Themen in der Vorbefragung Innere Sicherheit (31,9 Prozent), Bildung (22,6 Prozent), Verkehr und Infrastruktur (15,2 Prozent) sowie Soziale Gerechtigkeit (12 Prozent).

Die Debatte startete mit dem Thema Verkehr und Infrastruktur. Dabei sprachen sich Laschet (CDU), Lindner (FDP) und Pretzell (AfD) deutlich gegen Fahrverbote aus. Für ein subventioniertes NRW-Nahverkehrsticket votierten Marsching, Demirel und Löhrmann, während die Ministerpräsidentin das Thema eher scheute, weil das Ticket zu teuer sei. Bei der Diskussion der Verkehrspolitik standen die Umsetzungsprobleme der Mobilitätswende im Mittelpunkt. Etwas bemüht wirkte da die Grüne Frontfrau und Dieselfahrerin Löhrmann als sie sagte: »Ich will auch ein anderes Auto fahren.«

Kontroverser ging es bei der Bildungspolitik zu. So führte Lindner (FDP) aus, dass »das Gymnasium systematisch diskriminiert wird«. Bildungsministerin Löhrmann widersprach dem mit Verweis auf mehr Mittel und mehr Lehrerstellen. Zudem stellte sie die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Demirel (Linke) schlug sich hier zunächst auf die Seite der CDU, als sie ausführte im letzten Jahr der CDU-Regierung Rüttgers seien mehr als 900 Lehrer an Gymnasien tätig gewesen als aktuell. Zudem forderte sie, dass Lehrer nicht befristet tätig sein sollten. Immerhin, so Demirel, sei rund ein Drittel der angestellten Lehrer befristet tätig. Marcus Pretzell (AfD) forderte eine umgehende Rückkehr zum Gymnasium nach neun Jahren. Michele Marsching (Piraten) wies darauf hin, dass man auf die Schüler hören muss und nicht nur auf die Eltern. So forderte er ein Zurück zum G9 und eine Anpassung des Lerntempos. Ministerpräsidentin Kraft wies auf die hohen Ausgaben des Landes für Bildung hin und stellte als Leistung die Einführung des Azubi-Ticket analog zum Semesterticket heraus.

Die stärkste Kontroverse gab es beim Thema Innere Sicherheit. Özlem Demirel stellte den Zusammenhang zwischen Sozialer Ungleichheit und Kriminalität her. Laschet antwortet auf die Frage was er machen würde: »Als erstes würde ich den Innenminister auswechseln.« In argumentative Not geriet Pretzell (AfD), als er auf den Anschlag auf den BVB-Bus in Dortmund und seine falschen Verdächtigungen zum Urheber angesprochen wurde. Hier schwamm er einige Minuten und konnte sich auch nicht klar positionieren.

Beim Thema Integration gab es einen Grundkonsens zwischen den meisten Diskutanten. Differenzen gab es jedoch beim kommunalen Wahlrecht

Beim Thema soziale Gerechtigkeit forderte Demirel einen höheren Mindestlohn, während Lindner auf die Bedeutung einer funktionierenden Marktwirtschaft verwies. Löhrmann argumentierte, dass zur Sozialen Gerechtigkeit auch die Bekämpfung von Steuerhinterziehung gehört. Ministerpräsidentin Kraft verwies auf das gestiegene Wirtschaftswachstum im Land.

Der Schlussteil der Wahlarena: die Koalitionsfrage

Demirel von den Grünen steht einem Bündnis von Linke und SPD offen, stieß aber bei der Ministerpräsidentin Kraft auf keine Gegenliebe. Die Ministerpräsidentin selber traf keine eindeutige Koalitionsaussage, sprach sich aber im TV-Duell am Dienstag für ein Bündnis mit den Grünen aus. Der CDU-Herausforderer Laschet wurde gefragt, ob er Innenminister unter Kraft in einer Großer Koaliton werden wolle. Er machte deutlich, dass er selbst Ministerpräsident werden will. Deutlich lehnt er eine Zweitstimmenkampagne für FDP ab. Außerdem lehnt Laschet eine Koalition mit AfD und Linke ab.

Lindner schwamm bei der Frage, ob er nach der Bundestagswahl in den Bundestag wechselt. Der FDP-Vorsitzende geht von einer Großer Koalition in NRW aus – er selbst will dritte Kraft mit der FDP im Landtag werden.

Pretzell wurde gefragt ob er bei der AfD auf dem Absprung sei, was er verneinte. Er stehe für einen bürgerlichen Kurs der AfD. Wer FDP wählt bekomme fünf Monate Lindner und fünf Jahre Kraft. Die AfD sei die echte bürgerliche Alternative. Die grüne Frontfrau Löhrmann freut sich, dass es aufwärts mit den Grünen geht. Sie will weiter ein Rot-Grünes Bündnis. Marsching von den Piraten fehlen die Visionen der anderen Parteien und er möchte weiter die Zecke im Nacken der anderen Parteien sein.

Gewinner und Verlierer – Ergebnisse der Nachbefragung

Betrachtet man diejenigen Debat-O-Meter-Teilnehmer, die die Vor- und Nachbefragung ausgefüllt haben gibt es zwei Gewinner der Debatte: Armin Laschet (CDU) mit 40,5 Prozent Zustimmung und Christian Lindner (FDP) mit 32,9 Prozent. Michael Marsching kam mit 9,3 Prozent auf Platz 3 und Hannelore Kraft mit 8,4 Prozent auf den vierten Platz. Allerdings basiert diese Auswertung auf 262 Teilnehmer und ist nicht repräsentativ (Stand 22.40 Uhr).

Bei der Sonntagsfrage ergibt sich folgendes – nicht repräsentatives – Bild: So kam die CDU 51,0 Prozent, die auf FDP 16,7 Prozent und die SPD auf 11,0 Prozent und die Piraten kamen auf 6,1 Prozent. Alle anderen Parteien wiesen 3 und weniger Prozent auf. Der Anteil der Unentschlossenen sank stark und betrug nur noch 4,9 Prozent.

Mittlere Bewertung der Teilnehmer nach der Debatte auf einer Skala von -2 bis +2: Am besten schneidet Lindner ab, der seinen Wert aus der Vorumfrage noch verbessert und jetzt im Mittel mit 0,92 bewertet wird. Zweiter ist wie in der Vorumfrage Armin Laschet mit einem Wert von 0,81 und konnte sich damit auch verbessern. Der Pirat Marsching kam einem Wert von -0,47 nun auf den dritten Platz und hat sich deutlich verbessert. Am viert besten wurde Hannelore Kraft gewertet, die mit einem Wert von -0,62 annähernd konstant blieb. Schlecht wurden von den Teilnehmer Demirel mit -1,33 und Lörhmann mit -1,14 bewertet. Am schlechtesten wurde Pretzell mit -1,50 bewerte.

Wie wurden die Kandidaten während der Debatte eingeschätzt?

Mit dem Debat-O-Meter können die Bewertungen ++, +, - und – in Punkte (von -2 bis + 2) umgesetzt werden. Berechnet man die Durchschnittswerte der abgegebenen Wertungen ergibt sich über alle Teilnehmer hinweg folgendes Bild. Gewinner wäre nach dieser Auswertung Laschet mit 0,82, gefolgt von Lindner mit 0,74. Gut geschlagen hat sich auch der Pirat Marsching mit -0,28. Hannelore Kraft liegt bei 0,72. Am Ende liegen Löhrmann und Pretzell mit -1,04.

Wie wurden die Kandidaten durch die eigenen Anhänger bewertet?

Grundsätzlich werden alle Spitzenkandidaten durch ihre eigenen Parteianhänger positiv bewertet. Allerdings sind hier auch Lagerstrukturen sichtbar. Kraft wird von ihren eigenen Anhängern positiv (+0,65) und von den Grünen (+0,78) positiv eingeschätzt. Die Liebe kommt bei Löhrmann nicht ganz so zurück. Ihre eigenen Anhänger bewerten sie mit 1,04 und die SPD-Anhänger schätzen sie mit 0,1 ein. Laschet wird vom eigenen Lager mit 1,73 sehr positiv gesehen, aber ihm gelingt es auch FDP- und AfD Anhänger anzusprechen. Genauso erzielt er positive Bewertungen bei den Unentschlossenen (1,04) und den bisherigen Nichtwählern. Lindner wird von seinen eigenen Anhängern (1,67) hoch geschätzt, aber auch die CDU-Wähler schätzen ihn mit 1,13 besonders.

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