Landgericht Detmold verurteilt Reinhold Hanning – und das Versagen der Nachkriegsjustiz Willfähriger Mordgehilfe

Detmold (WB). 20 Verhandlungstage stand Reinhold Hanning im Rampenlicht. Das Gesicht des Mordhelfers von Auschwitz ging um die Welt. »Wir haben aber keine Möglichkeit gehabt, den wirklichen Menschen Reinhold Hanning kennenzulernen«, sagt Richterin Anke Grudda.  Kurz zuvor hat sie das Urteil gegen den 94-Jährigen verkündet.

Von Bernd Bexte
Hanning zeigt, wie an 19 Prozesstagen zuvor, keine Regung bei der Urteilsverkündung.
Hanning zeigt, wie an 19 Prozesstagen zuvor, keine Regung bei der Urteilsverkündung. Foto: dpa

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Hanning zeigt, wie an 19 Prozesstagen zuvor, keine Regung. Er hört jedoch zu, schaut die Richterin interessiert an. Und diese wendet sich wiederholt persönlich an den greisen Mann aus Lage.

70 Jahre habe er sich »mit der Schuld eingerichtet«, geschwiegen, verdrängt, sagt Richterin Anke Grudda. Die Überlebenden, die als Zeugen aussagten, habe er keines Blickes gewürdigt. »Vielleicht war er zu mehr nicht in der Lage«, versucht sie sich selbst eine Antwort zu geben.

»Klima der Verdrängung«

Richterin Anke Grudda Foto: dpa

Sicher sei allerdings, dass Hanning in »wichtiger Funktion« in Auschwitz gewesen sei. Er habe selbst erklärt, einer verbrecherischen Organisation angehört zu haben. » Er hat ihr aber nicht nur angehört«. SS-Mann Hanning habe sich am industriellen Massenmord beteiligt. Ob dieser Prozess gegen einen 94-Jährigen noch gerechtfertigt sei? »Diese moralische Frage stellt sich für ein Gericht nicht.« Aber auch aus nicht-juristischer Sicht sei dieser Prozess »das Mindeste, was eine Gesellschaft tun kann, um den Überlebenden etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen«.

Grudda spricht vom »Versagen des Staates, der Justiz und Gesellschaft der Nachkriegszeit«, vom »Klima der Verdrängung« im Wirtschaftswunderjubel. »Darüber wollte keiner reden«, zitiert sie den ehemaligen SS-Mann Jakob Wendel, der im Prozess als Zeuge Hanning schwer belastet hatte: »Jeder wusste, was in Auschwitz passiert.« Erst ein gesellschaftlicher Wandel habe dazu geführt, die Verbrechen des Holocaust konsequent zu ahnden, »gerade noch rechtzeitig«.

»Eines dieser Rädchen waren Sie!«

Grudda – eingangs hatte sie die vier anwesenden Auschwitz-Überlebenden namentlich begrüßt – verweist immer wieder auf deren bewegende Schilderungen im Prozess. »Sie haben mit ihren Aussagen den Opfern eine Stimme und ein Gesicht gegeben.« Das werde nie vergessen. »Wir können nur hoffen, Herr Hanning, dass diese Berichte sie nicht unberührt lassen«, wendet sie sich an den Angeklagten.

Die Todesfabrik von Auschwitz habe nur durch das reibungslose Ineinandergreifen vieler kleiner Rädchen funktionieren können. »Eines dieser Rädchen waren Sie!« Dass er nie an der Rampe bei der Ankunft der Deportierten gewesen sein will, sei eine Schutzbehauptung. Die 3. Kompanie des SS-Totenkopfsturmbannes, Hannings Kompanie, sei dort eingesetzt gewesen. Das habe Gutachter Stefan Hördler zweifelsfrei mit historischen Dokumenten und konkreten Terminen belegen können. Hanning habe sich als »willfähriger und effizienter Gefolgsmann bei der Tötungsarbeit« bewährt.

»Sie haben es selbst gesehen«

Und dann wiederholt Grudda den Satz von Nebenklageanwalt Cornelius Nestler, der seit dem Prozess gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning 2015 in Lüneburg zum geflügelten Wort unter Prozessbeteiligten geworden ist: »In Auschwitz durfte man nicht mitmachen.« Nebenklageanwalt Thomas Walther schaut Nestler an. Beiden gleitet ein Lächeln über das Gesicht.

Hanning habe nicht nur von den Morden gewusst. »Sie haben es selbst gesehen«, sagt Grudda. Er sei zweimal in Auschwitz befördert worden, habe sich noch kurz vor Kriegsende für zwölf Jahre bei der SS-verpflichtet. »Deshalb nehmen wir Ihnen Ihre zwei angeblichen Versetzungsgesuche aus Auschwitz nicht ab.« Er habe sich an die Front versetzen lassen können, sei »kv«, also kriegsverwendungsfähig gewesen. »Sie hatten die Wahl!«

»Unfassbare, einzigartige Verbrechen«

Durch seine Tätigkeit als »Rückgrat des Wachpersonals« habe er einen entscheidenden Beitrag zur Haupttat, dem Holocaust, geleistet. Eine angemessene Strafe für dieses »unfassbare, einzigartige Verbrechen« könne es nicht geben. Mit Blick auf Alter, Biografie und der lange zurückliegenden Tatzeit sei eine fünfjährige Haftstrafe angemessen. »Wir dürfen den Angeklagten auch nicht symbolisch für alle Täter zur Verantwortung ziehen.« Dass Hanning sich vier Monate dem Gericht gestellt habe, verdiene Respekt. Hanning sei geständig. »Dies ist ein erster Schritt zur Bewältigung der eigenen Vergangenheit.«

Der 94-Jährige wurde auch zur Übernahme der Prozesskosten verurteilt. Über die Höhe konnte eine Gerichtssprecherin keine Angaben machen. Sie dürften im sechsstelligen Bereich liegen.

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