Medien auf allen Kontinenten berichten über Detmolder Prozess Der Fall Hanning löst weltweites Echo aus

Detmold (WB). Von Israel bis in die USA, von Irland bis Australien, von Indien bis Argentinien: Der Prozess ge­gen den ehemaligen SS-Unterscharführer Reinhold Hanning in Detmold macht weltweit Schlagzeilen – so wie bislang noch kein Prozess in Ostwestfalen-Lippe.

Von Bernd Bexte
Auch wenn nach den ersten Verhandlungstagen weniger Journalisten das Prozessgeschehen  verfolgen, sorgt das Verfahren gegen den ehemaligen SS-Mann Reinhold Hanning,   hier mit  seinen Anwälten Johannes Salmen und Andreas R. Scharmer (links),   international für Aufsehen.
Auch wenn nach den ersten Verhandlungstagen weniger Journalisten das Prozessgeschehen verfolgen, sorgt das Verfahren gegen den ehemaligen SS-Mann Reinhold Hanning, hier mit seinen Anwälten Johannes Salmen und Andreas R. Scharmer (links), international für Aufsehen. Foto: dpa

Ein ehemaliger SS-Mann wegen hunderttausendfacher Beihilfe zum Mord in Auschwitz vor Gericht: Diese Tatsache sorgt auch mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges international für Aufmerksamkeit. Alle Medien, so scheint es, wollen über die letzten noch lebenden mutmaßlichen NS-Täter berichten, seien sie auch noch so kleine Rädchen im Getriebe der NS-Vernichtungsmaschinerie gewesen.

»Wir haben viele Interview-Anfragen, auch aus dem Ausland«, sagte beispielsweise ein Familienmitglied, das mit dem ehemaligen SS-Mann Jakob Wendel nach Detmold gekommen war. Der 92-jährige Badener war, wie berichtet, als Zeuge geladen und berichtete an zwei Verhandlungstagen von seinem Alltag in Auschwitz. »Er will jetzt aber nur noch hier einmal aussagen und dann nicht mehr«, heißt es aus seinem Umfeld.

Von Reinhold Hanning, dem nach dem Krieg jahrzehntelang unbehelligt in Lage lebenden Milchmann, weiß spätestens seit dem Prozessauftakt am 11. Februar die ganze Welt. Viele Zeitungen thematisieren dabei, unabhängig vom rein juristischen Standpunkt, die Legitimation eines Strafprozesses gegen einen greisen Mann in seinen letzten Lebensjahren – und berufen sich auf prominente Gewährsmänner.

»Alter sollte nicht vor Strafverfolgung schützen«, zitiert der Buenos Aires Herald aus Argentinien den Nazi-Jäger Efraim Zuroff (67) vom Simon-Wiesenthal-Center in Jerusalem: »Wenn Sie diese Fälle betrachten, denken Sie nicht an gebrechliche, alte, kranke Männer und Frauen, sondern an junge Menschen, die ihre Energie einem System gewidmet haben, das die Auslöschung des jüdischen Volkes zum Ziel hatte«, sagt er, auch mit Blick auf drei weitere Verfahren gegen ehemalige SS-Angehörige in Deutschland.

Die New York Post lässt Zuroff ebenfalls zu Wort kommen: Fraglos habe die deutsche Justiz in der Vergangenheit schwere Fehler gemacht. Das ändere nichts an der Gültigkeit des jetzigen Prozesses. »Man könnte sagen, dass diese Menschen das Pech hatten, ein langes Leben zu leben. Wenn sie fünf Jahre zuvor gestorben wären, würden sie nicht vor Gericht stehen.«

Denn erst der Prozess gegen John Demjanjuk 2011 hatte die aktuellen Verfahren in Gang gebracht. Gegenüber dem französischen Figaro äußert sich Ronald Lauder (72), Präsident des Jüdischen Weltkongresses: »Auch 71 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz sind die Wunden der Überlebenden noch da. Viele sind durch die schrecklichen Erfahrungen täglich betroffen.«

Solange es möglich sei, einen Täter vor Gericht zu bringen, »muss es getan werden. Es gibt keine Verjährungsfrist für Massenmord«, zitiert ihn die Times of Israel. Der Prozess wird am 6. April fortgesetzt.

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