LKA-Ermittler Zeuge in Detmold – Streit um Verwertbarkeit der Hanning-Aussage Er verhörte den SS-Wachmann

Detmold (WB). Stefan Willms ist im Detmolder Auschwitz-Prozess für die Anklage ein wichtiger Zeuge: Der Kriminalhauptkommissar (57) wird am Freitag vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold die Akte Reinhold Hanning und dessen Werdegang in der NS-Zeit erläutern.

Von Bernd Bexte
Foto: Bernd Thissen/dpa

Dabei wird auch eine Hausdurchsuchung im Jahre 2014 beim angeklagten ehemaligen Auschwitz-Wachmann in Lage eine Rolle spielen. Willms leitet beim Landeskriminalamt in Düsseldorf die Ermittlungsgruppe Nationalsozialistische Gewaltverbrechen. Sie ist die einzige Dienststelle in Deutschland, die ausschließlich gegen NS-Verbrecher vorgeht.

Im Februar 2014 hatte Willms Reinhold Hanning in dessen Zuhause in Lage befragt. Belastendes Material sei vor Ort nicht gefunden worden, hatte die Staatsanwaltschaft im Nachgang mitgeteilt. Der heute 94-Jährige habe erklärt, in Auschwitz eingesetzt gewesen zu sein, eine Beteiligung an Tötungen aber bestritten.

Verteidiger halten Aussage für nicht verwertbar

Hannings Verteidiger halten diese Aussage für nicht verwertbar vor Gericht. Zum Prozessauftakt hatten sie einen entsprechenden Antrag gestellt, über den das Gericht entscheiden muss. Ihr Mandant sei nicht ordnungsgemäß über seine Rechte belehrt worden und zudem der Situation nicht gewachsen gewesen, meinen die Verteidiger. »Er kam gerade von einem mehrstündigen Arztbesuch«, erklärte sein Anwalt Andreas R. Scharmer aus Detmold.

Hannings Sohn, in dessen Haus der Angeklagte lebt, habe das Gespräch mit Willms dann beendet. Was konkret an Hannings damaliger Aussage strittig sei, dazu schweigen Scharmer und sein Kollege Johannes Salmen.

»Commissario, auf Sie habe ich 60 Jahre gewartet«

Gemeinsam mit dem Dortmunder Oberstaatsanwalt Andreas Brendel hat Stefan Willms im Fall Hanning ermittelt – wie in vielen anderen. Wie wichtig für die Opfer die späte Jagd nach Nazi-Verbrechern ist, erläuterte Willms jüngst in Münster: Der Überlebende eines Massakers in Italien habe ihm nach einer Befragung gesagt: »Commissario, auf Sie habe ich 60 Jahre gewartet.« Willms sei der erste staatliche Ermittler gewesen, der sich des Falles angenommen habe.

Der Fall Hanning ist für ihn nicht der letzte. »Wir gehen davon aus, dass wir noch bis 2022 ermitteln können«, hatte er vor zwei Jahren dem »Express« gesagt. Erst dann dürfte kein Kriegsverbrecher mehr am Leben sein, den man noch vor Gericht stellen könne. Der ehemalige SS-Unterscharführer Reinhold Hanning ist wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen in Auschwitz angeklagt.

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