Irene Weiss (85) erkannte sich auf Auschwitz-Foto wieder – als Zeugin in Detmold Das Mädchen im Mantel

Detmold (WB). Es ist eine unerwartete Konfrontation mit den dunkelsten Tagen ihres Lebens. Viele Jahre nach dem Krieg stößt die Auschwitz-Überlebende Irene Weiss auf ein Foto, das sie bei ihrer Ankunft im Vernichtungslager zeigt. Auch im  Detmolder Prozess wird das Bild gezeigt.

Von Bernd Bexte
27. Mai 1944, Auschwitz-Birkenau: Ein Transport ungarischer Juden kommt an der Rampe an. Links unten im Bild ist die 13-jährige Irene Weiss zu sehen. Das Foto soll im Detmolder Prozess gezeigt werden. Weiss hat es nachkolorieren lassen.
27. Mai 1944, Auschwitz-Birkenau: Ein Transport ungarischer Juden kommt an der Rampe an. Links unten im Bild ist die 13-jährige Irene Weiss zu sehen. Das Foto soll im Detmolder Prozess gezeigt werden. Weiss hat es nachkolorieren lassen. Foto: Yad Vashem

Die damals 13-Jährige wird mit ihrer Familie im Zuge der sogenannten Ungarn-Aktion, die die Vernichtung aller Juden des Landes zum Ziel hat, im Mai 1944 nach Auschwitz deportiert. Ihre Eltern, eine Schwester und drei Brüder werden dort ermordet.

Irene Weiss, geborene Fogel, überlebt. 1947 wandert sie in die USA aus. Sie will vergessen, lässt sich die tätowierte Häftlingsnummer vom linken Unterarm entfernen. Sie heiratet 1949, studiert, wird Kunstlehrerin, bringt drei Kinder zur Welt.

Weiss erkennt sich auf Foto wieder

Irene Weiss heute. Foto: WB

Vor vielen Jahren, wohl zu Beginn der 90er Jahre, stößt ihre Tochter Lesley in einer Buchhandlung auf einen Band mit Fotos aus dem sogenannten Auschwitz-Album, dessen Aufnahmen die Finderin lange Zeit unter Verschluss gehalten hatte. Sie dokumentieren explizit die Ankunft von Deportierten im Mai 1944.

Die Tochter bringt das Buch ihrer Mutter mit – und die erkennt sich auf einem Foto als Jugendliche an der Rampe in Auschwitz-Birkenau wieder.

Sie steht dort verloren in einem weiten Mantel und mit einem weißen Kopftuch. »Ich schaue mich nach meiner kleinen Schwester Edith um«, erklärt sie. Sie war kurz zuvor von ihr getrennt worden.

Letztes Lebenszeichen

Die beiden Jungen links im Vordergrund sind Irene Weiss’ Brüder Reuven (9) und Gershon (7), dahinter sitzt ihre Mutter Leah (44). Foto: Yad Vashem

Bereits im Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning (94) im vergangenen Jahr in Lüneburg hatte Irene Weiss mit diesem Foto das Gericht beeindruckt. Auch in Detmold, wo Weiss als Nebenklägerin auftritt und am Donnerstag als Zeugin aussagen wird, soll das Foto gezeigt werden.

Eine andere Aufnahme aus dem Auschwitz-Album ist für die 85-Jährige ebenso bedeutsam. Zu sehen ist eine Gruppe jüdischer Häftlinge in einem Wäldchen – darunter sind Irenes Brüder Reuven (9) und Gershon (7), dahinter ihre Mutter Leah (44).

»Sie warten mit anderen vor dem Krematorium 4 und 5. Kurz nachdem das Foto gemacht wurde, wurden alle in den Gaskammern ermordet«, schildert Irene Weiss das Schicksal ihrer Liebsten.

Dieses Foto, von dessen Existenz sie lange nichts wusste, ist das letzte Lebenszeichen ihrer Angehörigen. Ihr Vater Meyer (47) stirbt auch in Auschwitz. Er muss zunächst im sogenannten Sonderkommando arbeiten, das die Toten aus den Gaskammern zieht. Dann wird er erschossen. Das erfährt Irene Weiss noch im Lager von einem anderen Häftling.

Die Fotos bedeuten Irene Weiss viel. Im Original sind sie schwarz-weiß. »Sie hat sie nachkolorieren lassen, um sie anschaulicher zu machen«, erklärt ihr Anwalt, Cornelius Nestler. Irene Weiss wird heute mit ihrer Tochter Lesley aus den USA zum Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Reinhold Hanning (94) anreisen.

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