Die bewegende Geschichte der Erna de Vries (92) Sie ging mit ihrer Mutter freiwillig nach Auschwitz

Detmold (WB). »Sie wollen wirklich mit nach Auschwitz?«, habe der Gestapo-Mann sie verständnislos angeschaut. »Ja«, ist sich die damals 19-Jährige sicher. Sie will ihre verwitwete Mutter nicht allein lassen. Erna de Vries überlebt, ihre Mutter stirbt in der Gaskammer.

Von Bernd Bexte
Erna de Vries, geborene Korn, war zwei Monate in Auschwitz-Birkenau. Ihre Mutter wurde dort ermordet. Bis heute bestimmen diese Tage ihr Leben.
Erna de Vries, geborene Korn, war zwei Monate in Auschwitz-Birkenau. Ihre Mutter wurde dort ermordet. Bis heute bestimmen diese Tage ihr Leben. Foto: dpa

Im Auschwitz-Prozess am Detmolder Landgericht haben zwei weitere Überlebende ihr Martyrium geschildert. Eine von ihnen ist die heute 92-Jährige aus dem emsländischen Lathen. Ihre Mutter ist Jüdin, ihr Vater Christ. Erna Korn, so ihr Geburtsname, ist ein Einzelkind. Ihr Vater stirbt bereits 1931. »Meine Mutter und ich, wir hingen sehr aneinander.«

Im Juli 1943 wird ihre Mutter deportiert – nach Auschwitz. Als »Halbjüdin« könnte Erna Korn diesem Schicksal entgehen. Sie will es aber nicht. »Meine Mutter war darüber sehr unglücklich, sie hat mir Vorwürfe gemacht«, erzählt sie am Freitag vor dem Gericht in Detmold. An ihrer Seite sitzt ihre Tochter Ruth.

»Wir sahen dort Berge von Leichen«

»Auschwitz, das war immer Brüllen und Schlagen.« Auf ihrem Weg zur Arbeit müssen Mutter und Tochter mit anderen Frauen täglich an zwei Krematorien in Auschwitz-Birkenau vorbeigehen. »Wir sahen dort Berge von Leichen.« Erna Korn zieht sich eitrige Entzündungen an den Beinen zu, kommt in den Todesblock für Frauen. Kurz vor dem Abtransport in die Gaskammer wird sie als Arbeiterin für das Lager Ravensbrück ausgewählt. Denn für diese Arbeit wurden »Halbjüdinnen« gesucht.

In der Panik unter schreienden und wehklagenden Frauen ruft ein SS-Mann ihre Nummer auf – die Rettung. »Wenn er zehn Minuten später gekommen wäre, wäre ich ins Gas gekommen.« Vor dem Abtransport nach Ravensbrück kann sie sich noch von ihrer Mutter verabschieden. »Wir gingen über die Lagerstraße mit dem Wissen, dass wir uns nie wiedersehen.«

Trotz der Todesahnung sei die Mutter aber auch zuversichtlich gewesen. Alles andere als Auschwitz könne nur besser sein, habe sie gesagt und ihr Mut zugesprochen. »Sie sagte, dass ich überleben werde und später erzählen soll, was ich erlebt habe.« Das tut sie nun seit Jahren in Schulen.

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