NS-Prozess, Tag 12: Wie die SS-Wachmannschaften sich selber sahen »Moralisch ein Vorbild«

Detmold (WB). »11. Februar 1943, Zug aus Westerbork, 225 Häftlinge arbeitsfähig, 1005 vergast, 20. Februar 1943, Zug aus Berlin, 225 Häftlinge arbeitsfähig, 775 vergast...« Es dauert fast eine halbe Stunde, bis Richterin Anke Grudda die Liste der 179 Deportationszüge verlesen hat, die zwischen Januar 1943 und April 1944 in Auschwitz ankommen. Alles Verbrechen, für die sich auch Reinhold Hanning verantworten soll.

Von Bernd Bexte

Etwa 190.000 Menschen werden in dieser Zeit direkt aus den Zügen in die Gaskammern geschickt. »Diese Zahlen braucht man nicht zu kommentieren, die sprechen für sich«, schließt Grudda am zwölften Verhandlungstag ihre Auflistung.

Sie habe mit der Verlesung »greifbar machen wollen«, was sich hinter dieser unfassbar großen Zahl verberge. Der ehemalige SS-Unterscharführer Reinhold Hanning (94) aus Lage nimmt dies in seiner typisch stoischen Teilnahmslosigkeit auf.

Ungarn-Aktion von 1944

Er muss sich wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen verantworten. Diese Zahl bezieht sich auf die sogenannte Ungarn-Aktion vom 16. Mai 1944 bis zu seiner Versetzung in das Konzentrationslager Sachsenhausen Mitte Juni – Kernvorwurf der Anklage.

Aber auch alle darüber hinaus gehenden Morde im Vernichtungslager im Zeitraum von Januar 1943 bis Mitte Juni 1944 zählen zum Tatvorwurf, betonte das Gericht noch einmal.

Richterin hat viel zu verlesen

Überhaupt hat die Vorsitzende Richterin viel zu verlesen. Sie lässt sich zuvor extra einen Becher Wasser bringen. Grudda zitiert aus Kommandantur- und Standortbefehlen, Anordnungen und Dienstvorschriften der SS-Wachmannschaften in Auschwitz.

»Zynisch« wird sie dies abschließend nennen und damit ein klares Zeichen geben, wie sie auch Hannings Tätigkeit im Vernichtungslager sieht. Die SS habe sich selbst als »Vertreter einer höheren Moral und besseren Weltanschauung« definiert, zitiert sie aus einer Frage-Antwort-Fibel, die den Wachmännern als Leitlinie dient.

SS-Mann müsse Vorbild des Häftlings sein

Da der SS-Mann Vorgesetzter des Häftlings sei, müsse er ihm ein Vorbild sein, heißt es darin – aber immer mit sechs Schritten Abstand. Zucht, Ordnung, »anständige Haltung« seien gefragt. Zu der gehört offenbar auch die Vorschrift, Exekutionen nicht zu fotografieren. Was wiederum bedeutet, dass auf Häftlinge geschossen werden darf.

So wird ein SS-Rottenführer am 8. Oktober 1943 belobigt, weil er sich nach dem Fluchtversuch zweier Häftlinge »umsichtig« gezeigt habe. Er hatte sie erschossen. Andere bekommen für solch »zu belobigenden Verhaltens« auch mal fünf Tage Sonderurlaub.

Der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, findet dazu in einem Kommandanturbefehl an die Wachmannschaften in Auschwitz vom 29. April 1942 eigene Worte. »Viele Väter« erfüllten dort »kriegsnotwendige Aufgaben«. Deshalb sollten sie keine Mädchen verführen.

Propagandaaktion »Mehr Höflichkeit«

»Mehr Höflichkeit« ist eine Propagandaaktion unter den Truppen in Auschwitz überschrieben. Es gibt Befehle, sich beim Aufeinandertreffen mit HJ-Mitgliedern standesgemäß zu grüßen, die richtigen Symbole auf den Kragenspiegeln der Uniformen zu tragen, sich tagsüber aber nicht von »weiblichen Personen« unterhaken zu lassen.

Disziplin in allen Bereichen – auch an der Gaskammer: Wer dort Dienst versehe, solle beim Öffnen der Türen auf die Windrichtung achten, wenn er keine Gasmaske trage. Dort sei es durch den Einsatz des Gases Zyklon B zu leichten Blausäure-Vergiftungen unter Wachleuten gekommen.

Die SS-Führung weise darauf hin, bei solchen möglichen Schäden »keine Haftung« zu übernehmen.

»Die Feste werden gefeiert, wie sie fallen«

Ebenso gibt es beim Freizeitverhalten Anlass zur Ermahnung. 1944 befiehlt SS-Obersturmbannführer Arthur Liebehenschel, Leiter des Stammlagers Auschwitz, nach offenbar ungebührlichem Verhalten einiger SS-Angehöriger im Vorjahr die Teilnahme an der Julfeier.

»Wer den Sinn kameradschaftlichen Beisammenseins nicht verstanden hat, muss dazu erzogen werden«, ordnet er mit Verweis auf angemessene »Zucht und Ordnung« an. »Die Feste werden gefeiert, wie sie fallen«, erklärt er die Dienstverpflichtung – »mal mit Bier, mal mit Darbietungen«.

Für heute hat die Verteidigung die Verlesung der lang erwarteten Erklärung ihres Mandanten angekündigt. Zudem soll ein toxikologisches Gutachten zur Wirkung von Zyklon B vorgetragen werden. Die Anregung der Verteidigung, einen Ortstermin in Auschwitz anzuberaumen, wies das Gericht zurück.

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