NS-Prozess, Tag 10: Wie Reinhold Hannings Kompanie zum Völkermord in Auschwitz beitrug Mörderische Perfektion

Detmold (WB). »Bilderbuch Falsch-Richtig« steht mit liebevoll verzierten Buchstaben auf dem Titelblatt. Die folgenden Zeichnungen im naiven Strichmännchenstil zeigen, wie die SS für Ordnung beim Ausladen der Häftlingstransporte zu sorgen hat. Auch Reinhold Hanning (94) soll dies Anleitung gewesen sein.

Von Bernd Bexte

Am zehnten Verhandlungstag gegen den ehemaligen SS-Unterscharführer vor dem Detmolder Landgericht erläutert Historiker und NS-Experte Stefan Hördler, was die 3. Kompanie des Totenkopfsturmbannes in Auschwitz – Hannings Kompanie – tat.

Fazit: »Es reichte bis zur Beteiligung am Massenmord.« Allerdings: »Die 3. Kompanie spielte bei der Ungarn-Aktion keine wesentliche Rolle.« Dieser fielen im Frühjahr/Sommer 1944 mindestens 320.000 ungarische Juden zum Opfer.

Zweifelsfrei beteiligt

Hanning sei zweifelsfrei an der Bewachung eintreffender Deportationszüge im Vernichtungslager Birkenau beteiligt gewesen. Wahrscheinlich aber nur bis zum 26. Mai 1944. Bis zu diesem Tag hielten die Reichsbahnzüge mit bis zu 40 Waggons außerhalb des Lagers. Danach fuhren sie über neue Gleise an die berüchtigte Rampe im Todeslager. Exakt ausgemessene Rangiermarkierungen erleichterten dort das tödliche Handwerk.

Hannings Kompanie war eigentlich im drei Kilometer entfernten Stammlager stationiert, für Birkenau also offiziell nicht zuständig. »Aber bei Bedarf wurde er natürlich auch in Birkenau gebraucht«, verweist Hördler auf SS-Akten.

SS lud zum Fußballspiel

Beispielsweise am 24. Januar 1943, als Transporte aus Grodno (heute Weißrussland), Westerbork (Niederlande) oder Theresienstadt eintrafen. Oder am 15. Mai 1943, als 4500 Juden aus dem griechischen Saloniki ankamen. 3800 Menschen wurden bereits wenige Stunden später vergast.

Am selben Tag lud die SS zum Fußballspiel »auf dem hiesigen Sportplatz«, ist einer im Gerichtssaal auf die Leinwand projizierten Akte zu entnehmen. Die nominierten SS-Kicker werden um pünktliches Erscheinen um 15.15 Uhr gebeten. Anstoß: 16 Uhr.

3. Kompanie half bei Ermordung

Auch an einer Sonderaktion zur Ermordung von Juden aus Ghettos im besetzten Polen wirkte die 3. Kompanie im August 1943 mit. Offenbar so gut, dass als »Anerkennung für die geleistete Arbeit für alle SS-Angehörigen der Dienstbetrieb ruht«, zitiert der Historiker eine Belobigung. »Alle«, damit ist auch Hanning gemeint. Erst zwei Tage später geht das Morden weiter.

»Gruppenführer wie Herr Hanning hatten bei der Bewachung zentrale Koordinationsaufgaben«, ordnet Hördler das Wirken des Angeklagten ein. Kompaniechef Otto Stoppel wurde für die »Durchführung kriegswichtiger Sonderaufgaben« sogar mit dem Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern ausgezeichnet.

»Gesondert untergebracht« bedeute Vergasung

»Sonderaufgabe« – das hieß Beteiligung seiner Kompanie am reibungslosen Massenmord. Hördler dechiffriert die zynische SS-Sprache: »Gesondert untergebracht« bedeute Vergasung, verweist er auf die schriftliche SS-Bilanz eines Gefangenentransportes. Als Begründung für die »Sonderbehandlung« nennt die SS »Gebrechlichkeit« bei den Männern, »zum großen Teil Kinder« heißt es bei den Frauen.

Hätte Hanning sich dem Morden entziehen können? »Es gab jederzeit die Möglichkeit, eine Versetzung an die Front zu beantragen«, sagt Hördler. Dies sei sogar mit fortlaufender Kriegsdauer gewünscht gewesen. Nachteile wären ihm nicht entstanden. »Die Überlebenschance war aber natürlich geringer.«

Gericht lehnt Gröning-Befragung ab

Der Antrag der Nebenklage, den 2015 verurteilten ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning (94) als Zeugen vorzuladen, lehnte das Gericht am Freitag ab. Sein Anwalt hatte schriftlich mitgeteilt, dass sich Gröning nicht äußern werde. Seine Verurteilung ist noch nicht rechtskräftig.

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