Der Prozess um die drei Morde von Hille beginnt am Montag vor dem Landgericht Bielefeld »Mein Bruder war ein lieber Mensch«

Hille/Bielefeld (WB). Drei unbescholtene Männer sind seit August vergangenen Jahres in Hille im Kreis Minden-Lübbecke ermordet worden – aus Habgier, wie die Staatsanwaltschaft Bielefeld annimmt. Landmaschinentechniker Joachim Kleine (65) ist eines der Opfer. Das WESTFALEN-BLATT hat seine Schwester besucht.

Von Christian Althoff
enate Kleine (63) steht vor ihrem Haus und zeigt ein Foto ihres ermordeten Bruders Joachim (65).
enate Kleine (63) steht vor ihrem Haus und zeigt ein Foto ihres ermordeten Bruders Joachim (65). Foto: Oliver Schwabe

Renate Kleine (63) sitzt in der Küche. Sie hat eine Trauerschleife um ein Foto gebunden, auf dem ihr Bruder auf einen Moped sitzt. »Motorräder waren sein Hobby. Er sparte auf eine alte Yamaha SR 500, aber auch dieses Geld haben ihm seine Mörder genommen.«

Bornhorst heißt der kleine niedersächsische Ort, in dem Renate Kleine lebt, 15 Kilometer nördlich von Hille. Aus dem Küchenfenster blickt die landwirtschaftliche Hauswirtschafterin auf den Hof, auf dem sie und ihre beiden Brüder aufgewachsen sind. Kurt, der Älteste, hatte das Anwesen geerbt. Es gab Zwist, Prozesse – die Familie zerbrach. Kurt Kleine starb 2014.

Prozess

Montag beginnt vor dem Landgericht Bielefeld der Prozess um die drei Toten von Hille. Die Witwe, der Vater und zwei Brüder des ermordeten libanesischen Maurers Fadi S. (30) aus Stadthagen wollen als Nebenkläger am Prozess teilnehmen, außerdem Renate Kleine, die Schwester des getöteten Betriebshelfers Joachim Kleine (65). Ihr Anwalt Christian Thüner aus Herford: »Man ist erschüttert über die Kaltblütigkeit, mit der drei Menschen aus dem Leben gerissen wurden. Ich hoffe, dass die Angeklagten aussagen, damit meine Mandantin die ganze Wahrheit erfährt. Sonst wird sie den Verlust nie verarbeiten.« 14 Verhandlungstage sind vorgesehen, das Urteil soll spätestens am 6. Dezember gesprochen werden.

Er ging gerne mit einer Flasche Bier in den Wald

Ihr Bruder Joachim, sagt die Frau, sei ein lieber, gefühlvoller Mensch gewesen. »Er nannte mich Nate, und ich habe seinen Namen deshalb auf Achim verkürzt. Er ging gerne mal mit einer Flasche Bier in den Wald und genoss dann stundenlang die Natur.« Sein Leben sei unstet gewesen. »Nach der Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker hat er kaum in diesem Beruf gearbeitet.« Er habe Geld als Betriebshelfer verdient und sei auch zeitweise arbeitslos gewesen. »Achim lebte lange in einem Wohnwagen. Aber das gefiel ihm.«

Weil Joachim Kleine eine Handverletzung über Wochen ignorierte, wurde ihm 2014 im Krankenhaus Lübbecke der rechte kleine Finger amputiert. »Nach dieser Operation sollte er auf Anweisung der Ärzte nicht mehr in seinem Wohnwagen leben.« Er fand ein Zimmer auf dem Hof des Witwers Gerhard F. (71) in Hille. »Der soll ziemlich viel getrunken haben, was Achim überhaupt nicht gefiel«, sagt Renate Kleine. Als sie ihren Bruder einmal besucht habe, habe er durch sein Fenster auf den Nachbarhof von Jörg Wallberg gezeigt und gesagt, da wolle er hin. »Auf dem Reiterhof war Leben. Da waren Kinder und Tiere. Das gefiel ihm.«

2017 sei aufreibend gewesen

Ende 2014 zog Joachim Kleine auf den Pferdehof. Er lebte von Hartz IV und beantragte nach einem Leistenbruch die Rente. »Auf dem Hof blühte er richtig auf«, erzählt seine Schwester. »Er fing an, einen Kutschwagen für die Wallbergs zu bauen, und hatte seinen Spaß, wenn er Kinder, die den Reiterhof besuchten, in einem kleinen Anhänger mit dem Moped herumfahren konnte.«

Das Jahr 2017, sagt Renate Kleine, sei für ihren Bruder und sie sehr aufreibend gewesen. »Nach dem Tod unseres Bruders haben wir lange versucht, uns durch seine Unterlagen zu kämpfen. Aber das war so ein unübersichtliches Durcheinander, dass wir das Erbe schließlich ausgeschlagen haben. Am 1. August 2017 hatten wir den ganzen bürokarischen Kram hinter uns. Wir waren beide fertig und beschlossen, dass sich jeder erst mal um sich selbst kümmern sollte.« Erst im Frühjahr 2018 habe man sich wiedersehen wollen. »Ich habe Achim aber gesagt, dass er sich jederzeit melden kann, wenn er Hilfe braucht.«

Schwester erfährt vom Tod ihres Bruders aus dem Fernsehen

Nach diesem Tag hat Renate Kleine ihren Bruder nicht mehr lebend wiedergesehen.  Am 12. März klingelten Polizisten und erklärten ihr, er werde vermisst. »Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, und die Beamten wollten nicht mehr sagen. Ich war in Sorge und habe rumtelefoniert. Ein Bekannter sagte, er hätte Achim besuchen wollen, aber Jörg Wallberg hätte ihm gesagt, Achim sei bei einer Freundin in Niedersachsen. Das war natürlich gelogen.« Vom Tod ihres Bruders habe sie dann ein paar Tage später aus dem Fernsehen erfahren. »Das war ein Schock. Wie sollst du das verarbeiten? Achim hat nie einem Menschen was getan. Der hat sich nie beklagt. Der wollte doch nur in Ruhe leben.«

Die Mordkommission hatte am 14. März auf dem Reiterhof ein Grab entdeckt. Darin lagen die Leichen Joachim Kleines und des Nachbarn Gerhard F. Tage zuvor war auf dem Hof des Nachbarn schon die Leiche des libanesischen Maurers Fadi S. (30) entdeckt worden. Er soll mit einem Hammer erschlagen worden sein.

Schwester nimmt als Nebenklägerin am Mordprozess teil

Mordkommission und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass alle drei Männer von Jörg Wallberg und seinem Ziehsohn Kevin R. (24), der mit auf dem Hof lebte, umgebracht wurden, um an ihr Geld und ihre Renten zu kommen. »Das ist für mich so unvorstellbar«, sagt Renate Kleine. Sie wird als Nebenklägerin an dem Mordprozess teilnehmen, weil sie alles über das Schicksal ihres Bruders erfahren möchte. »Das wird mein Abschied von ihm.«

Joachim Kleine hat seine letzte Ruhe auf dem Mindener Nordfriedhof gefunden. »Seine Urne hat das gleiche Grün wie der Arbeitskittel, den er immer getragen hat. Ich glaube, das hätte Achim gefallen.«

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