Was Anke Grudda im Namen des Gerichts Tätern und Opfern zu sagen hatte
40 Minuten

Detmold (WB). Es sind bewegende 40 Minuten, in denen die Vorsitzende Richterin Anke Grudda das Urteil begründet. Eine kleine Kamera auf dem Richtertisch ist auf sie gerichtet und überträgt alles in einen anderen Saal. Dort sitzen Opfer mit ihren Angehörigen.

Freitag, 06.09.2019, 05:03 Uhr aktualisiert: 06.09.2019, 14:04 Uhr
Anke Grudda war Vorsitzende der Kammer mit den Richterinnen Sabine Tegethoff-Drabe und Heide Günther sowie den beiden Schöffen.

Die sonst übliche, streng juristische Urteilsbegründung erspart Grudda den Opfern und Zuschauern. Paragraphen, die Beweiswürdigung, die Festlegung der Strafen für die einzelnen Taten – alles das wird sich im schriftlichen Urteil finden, für das das Gericht noch ein paar Wochen Zeit hat. Heute ist der Tag, an dem sich die beiden Angeklagten Andreas V. und Mario S. noch einmal anhören sollen, was sie verbrochen haben. Und der Tag, an dem das Gericht an das Leid der vielen kleinen Opfer erinnern wird.

Zehn Verhandlungstage

Nach zehn Verhandlungstagen bleibe auch beim Gericht Fassungslosigkeit zurück, sagt die Vorsitzende Richterin. »Es ist schwer, das Geschehen in Worte zu fassen. Abscheulich, monströs, widerlich – diese Begriffe reichen nicht.« Das Gericht habe sich in den letzten Wochen furchtbare Bilder angesehen, die man vielleicht für immer im Kopf behalte. »Um es klar beim Namen zu nennen: Wir sprechen von Anal-, Vaginal- und Oralverkehr, und das jüngste Opfer war erst vier Jahre alt.«

Hier lebte Camper Andreas V. mit seiner Pflegetochter und bekam dafür Geld vom Jugendamt.

Hier lebte Camper Andreas V. mit seiner Pflegetochter und bekam dafür Geld vom Jugendamt.

20 Jahre lang habe Andreas V. Kinder missbraucht, bei Mario S. seien es 15 Jahre gewesen. »Warum konnten diese Taten inmitten unserer Gesellschaft so lange unentdeckt bleiben?«, fragt die Vorsitzende Richterin in den Saal hin­ein. Eine Antwort gibt sie nicht. Aber sie sagt: »Es gab vereinzelt Hinweise, nur passiert ist nichts.« Als sich ein Mädchen seiner Mutter anvertraut habe, habe die gesagt: »Erzähl’ nicht so einen Scheiß.« Ein anderes Mädchen sei nach den Wochenenden auf dem Campingplatz immer mit einer geröteten Scheide nach Hause gekommen. »Aber die Eltern haben dieses deutliche Kennzeichen nicht erkannt.«

Es sei nicht Gegenstand des Prozesses gewesen, zu klären, wie konsequent Polizei und Staatsanwaltschaft damals Hinweisen nachgegangen seien, sagt Anke Grudda. »Fest steht aber, dass die beiden Männer über Jahre ungestört ihre widerwärtigen Taten begehen konnten.«

Am 27. Juni begann der Prozess. Für die 18 Nebenklageanwälte wurde es eng im Saal.

Am 27. Juni begann der Prozess. Für die 18 Nebenklageanwälte wurde es eng im Saal.

Wirkliche Opferzahl möglicherweise höher

Um 24 Mädchen und acht Jungen sei es in diesem Verfahren gegangen, die wirkliche Opferzahl sei aber möglicherweise höher. »Die Kinder waren zur Tatzeit zwischen vier und 14 Jahre alt.« Eigentlich müssten alle Opfer namentlich erwähnt werden, um zu zeigen, dass hinter den Zahlen Persönlichkeiten mit eigenen Geschichten und Schicksalen stünden, sagt die Richterin. Aber natürlich nennt sie die Namen aus Opferschutzgründen nicht. Diese Kinder und Jugendlichen hätten unermessliches Leid erfahren. Sie seien zu Sexobjekten degradiert worden und hätten körperlich und seelisch gelitten. Die Täter hätten »manche Kindheit zerstört«. Die Opfer stünden jetzt »vor der unfassbar schweren Aufgabe«, sich mit dem Geschehen auseinanderzusetzen und ihr Leben zu gestalten. »Vielleicht kann das heutige Urteil eine Zäsur sein, die es dem ein oder anderen etwas einfacher macht.«

Dem teilnahmslos wirkenden Andreas V. zugewandt sagt Grudda, er habe Kinder auf abstoßende Weise manipuliert. Ein Kinderparadies habe er auf dem Campingplatz geschaffen, so hätten es Opfer beschrieben. Mit Nachtwanderungen, Lagerfeuern, Süßigkeiten und Ausflügen habe er Kinder geködert, um sie dann zu missbrauchen. »Ein Mädchen hat ausgesagt: ›Der Tag war so schön, und am Abend hat er alles kaputtgemacht‹.« Doch auch mit Drohungen, Erpressungen und Gewalt seien Kinder gefügig gemacht worden. Ihnen sei gesagt worden, es würden Geister kommen und sie schlagen, sie müssten ins Heim, oder ihr Vater werde ins Gefängnis gesteckt. »Ein Mädchen wurde sogar von Andreas V. geschlagen, als es den Oralverkehr abbrechen wollte.«

»Immer neue Opfer«

Die Kinder vom Campingplatz »Eichwald« hätten Andreas V. aber nicht genügt. »Sie wollten immer neue Opfer. Sie haben mit Ebay-Anzeigen alleinerziehende Eltern mit Kindern gesucht, sie haben ihre Opfer aufgefordert, Freundinnen mit auf den Campingplatz zu bringen, und sie haben sich im Schwimmbad an fremde Kinder herangemacht«, sagt Grudda in Richtung des Angeklagten. Auch seine heute acht Jahre alte Pflegetochter habe er  als Lockvogel missbraucht.

Dieses Pflegekind sei ein besonderes Opfer gewesen, sagt Grudda. »Das Mädchen hatte keine Familie, bei der es hätte Schutz suchen können. Es hat Sie geliebt, und Sie haben das schamlos ausgenutzt. Das Kind war ihnen schutzlos ausgeliefert.« Von den 285 Taten, die das Gericht diesem Angeklagten zurechnet, betreffen 129 Taten die Pflegetochter – ausnahmslos Verbrechen, bei denen der Mann in den Körper des Kindes eindrang.

Im Februar sicherten Polizisten Spuren auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde.

Im Februar sicherten Polizisten Spuren auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde.

Anke Grudda sagt, manche Kinder hätten bis heute Angst vor den beiden Männern. »Sie fürchten, sie könnten aus dem Gefängnis ausbrechen und ihren Familien etwas antun.« Ein Mädchen habe seine Anwältin gefragt, ob es ins Kindergefängnis müsse, wenn es etwas über Andreas V. sage. Ein anderes Kind habe im Vorgespräch mit ihr, der Richterin, gesagt, es habe Angst, vor Gericht zu weinen. »Manche der Opfer haben ihr Vertrauen in Erwachsene verloren. Sie wissen nicht mehr, wer gut ist und wer böse.«

Dank an die Polizei

Dann dankt Grudda der Bielefelder Polizei, die es geschafft habe, von den kleinen Opfern Aussagen zu bekommen. Aus den wörtlichen Protokollen der Vernehmungen ergebe sich, dass anfangs kein Kind habe sprechen wollen. »Alle haben sich geschämt. Sie sagten, es sei überhaupt nichts passiert, und sie könnten sich an nichts erinnern.« Mit viel Gefühl, Empathie und Hartnäckigkeit hätten es die Beamten zum Schluss dann doch noch in oft stundenlangen Befragungen geschafft, die Kinder zu detaillierten Aussagen zu bewegen. »Die Polizei hat großartige Arbeit geleistet.«

Lob vom Gericht erfahren auch die beiden Verteidiger Johannes Salmen und Jürgen Bogner. »Sie haben mit dafür gesorgt, dass dieser Prozess so glattgelaufen ist«, sagt Grudda. Die Angeklagten seien gut von ihren Anwälten beraten gewesen, Geständnisse abzulegen. »Bei den Beweisen hätte ein Abstreiten auch keinen Sinn gemacht.«

Dass die Täter zu unterschiedlichen Strafen verurteilt wurden, begründet Grudda mit der unterschiedlichen Zahl der Verbrechen und der unterschiedlichen Tatzeiträume. »Vielen Menschen erscheint für diese Verbrechen nur die lebenslange Haft gerecht, aber die sieht das Gesetz nicht vor.« 15 Jahre Gefängnis seien für diese Taten die höchste Strafe, aber die habe man nicht verhängen können. »Das Gesetz schreibt vor, dass wir Geständnisse strafmildernd werten müssen und auch den Umstand, dass jemand nicht vorbestraft ist.« Außerdem, sagt Grudda, wäre eine Verurteilung zu 15 Jahren Haft auch nicht im Interesse künftiger Opfer: »Wenn Täter sehen, dass es trotz eines Geständnisses die Höchststrafe geben kann, werden sie schweigen. Und das bedeutet, dass Opfer vor Gericht aussagen müssen.«

Zum Schluss sagt Grudda, an der Sicherungsverwahrung führe für beide Männer kein Weg vorbei. »Haft und Therapie werden Sie nicht ändern. Sie bleiben eine Gefahr, so hat es uns die Gutachterin schlüssig erklärt.« Der letzte Satz der Vorsitzenden Richterin gilt an diesem Tag den Opfern und ihren Familien: »Das Gericht wünscht ihnen alles Gute.« Dann ist der Lügde-Prozess vorbei.

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