12 und 13 Jahre Haft für Andreas V. und Mario S. – mit Video
Lügde: Innenminister begrüßt hohe Haftstrafen

Detmold (WB/ca). NRW-Innenminister Herbert Reul hat das Urteil im Fall Lügde begrüßt.

Donnerstag, 05.09.2019, 09:24 Uhr aktualisiert: 05.09.2019, 15:24 Uhr
Kurz vor der Urteilsverkündung: Anwalt Jürgen Bogner, der Angeklagte Mario S, der Angeklagte Andreas V. und sein Verteidiger Johannes Salmen. Foto: Althoff

Dem WESTFALEN-BLATT sagte er: »Die Urteile sind eine Warnung an alle Täter. Besonders die Anordnung der Sicherungsverwahrung. Das hilft dem Kinderschutz, das Leiden der Opfer lindert das natürlich nicht. Solche Täter sind aber eine zu große Bedrohung, als dass man sie nach Verbüßung ihrer Strafe einfach wieder auf freien Fuß lassen könnte. Ich freue mich auch, dass die Arbeit der Polizei in Bielefeld und der Justiz zu diesen schnellen Urteilen geführt hat. Doch nach dieser Entscheidung gilt: Wir müssen besser und schneller werden, um diese monströsen Taten in Zukunft zu verhindern. Das ist meine Lehre aus diesem Fall, und das zu erreichen, ist jetzt erst recht ein vorrangiges Ziel meiner Amtszeit.«

Im Prozess um den hundertfachen Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde hat das Gericht gegen zwei Männer hohe Haftstrafen verhängt und anschließende Sicherungsverwahrung angeordnet.

Das Landgericht Detmold verurteilte am Donnerstag einen der Männer zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren, der andere erhielt 12 Jahre.

Auf einem Campingplatz im ostwestfälischen Lügde sollen die beiden jahrelang in mehreren Hundert Fällen insgesamt 34 Kinder schwer sexuell missbraucht haben. Der Ältere soll dabei laut Anklage in mehr als 200 Fällen in die Körper von Kindern eingedrungen sein, der jüngere in fast 50 Fällen. Einige Opfer sollen zur Tatzeit noch im Kindergartenalter gewesen sein. Die meisten Taten sollen die Männer in der heruntergekommenen Unterkunft von Andreas V. auf dem Campingplatz an der Grenze zu Niedersachsen begangen haben.

Zu den Opfern des Dauercampers zählte laut Anklage auch ein Mädchen, das als Pflegetochter bei ihm einzog und als Lockvogel diente, um an weitere Opfer zu kommen. Eine Psychiaterin hatte Andreas V. im Prozess als manipulativ, narzisstisch und antisozial beschrieben, mit einer tief verwurzelten Neigung für Kindesmissbrauch.

Der Prozess hatte vor zehn Wochen Ende Juni begonnen. Aus Opferschutzgründen fand er in weiten Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Am Rande des Prozesses hatten Nebenklägervertreter von schweren Traumata ihrer Mandanten berichtet.

Andreas V. wurden rund 290 Missbrauchstaten zur Last gelegt. Mario S. hatte sich laut Anklage in rund 160 Fällen an Mädchen und Jungen vergangen - seit 1999 war er dazu immer wieder zu Gast auf dem Campingplatz, aber auch seine Wohnung in Steinheim bei Höxter soll Tatort gewesen sein. Beide Männer filmten ihre Taten, bei beiden stellte die Polizei insgesamt Tausende Bild- und Videodateien sicher, die sexuelle Gewalt gegen Kinder- und Jugendliche zeigen.

Polizei und Jugendämter in der Kritik

In dem Fall stehen auch Polizei und Jugendämter in der Kritik, weil sie Hinweisen auf den Hauptverdächtigen zunächst nicht nachgegangen sein sollen. Auch bei den Ermittlungen gab es Pannen, unter anderem verschwanden Beweismittel. Der nordrhein-westfälische Landtag hat deshalb einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss eingesetzt. Er soll die drei Themenbereiche Polizei und Staatsanwaltschaft, Jugendämter sowie den Umgang der Landesregierung mit dem Fall genauer beleuchten. Die nächste Sitzung ist für den 13. September geplant.

Nach Bekanntwerden des Falls hatte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) das Thema zur Chefsache erklärt. Mittlerweile stuft das nordrhein-westfälische Innenministerium Kindesmissbrauch und Kinderpornografie als »kriminalpolitischen Schwerpunkt« aller NRW-Polizeibehörden ein. In den Kreispolizeibehörden sei das Personal für die Bearbeitung solcher Fälle »deutlich aufgestockt« worden, hieß es aus dem Ministerium.

Kommentare

Mathias Anderer  wrote: 05.09.2019 23:24
Richtig so! Einen herzlichen Dank an den zuständigen Richter und die Staatsanwaltschaft! Aber auch an die Verteidiger, die diesmal (Verteidiger allgemein sind gemeint) nicht so trickreich wie sonst versucht haben, Berufung einzulegen. Hoffentlich ist das Urteil wegweisend für weitere Prozesse.
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