Zwei Jahre Haft auf Bewährung für Heiko V. aus Stade Lügde: Angeklagter kommt frei

Detmold (WB). Heiko V. (49) aus Stade, der dritte Angeklagte im Missbrauchsfall Lügde, ist frei.

Von Christian Althoff
Ein Justizwachtmeister passt auf, während sich Heiko V. und sein Anwalt Jann Popkes zu Prozessbeginn erheben.
Ein Justizwachtmeister passt auf, während sich Heiko V. und sein Anwalt Jann Popkes zu Prozessbeginn erheben. Foto: Althoff

Das Landgericht Detmold verurteilte den Koch und Lkw-Fahrer aus Niedersachsen am Mittwochabend zu zwei Jahren Gefängnis und setzte die Strafe zur Bewährung aus.

Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda sagte, die Taten des Angeklagten dürften nicht mit den Verbrechen gleichgesetzt werden, die den anderen beiden Angeklagten zur Last gelegt würden. Die hatten gestanden, in mehreren hundert Fällen Kinder

Vorsitzende Richterin Anke Grudda

vergewaltigt zu haben. Heiko V. habe kein Kind angefasst, sondern mehrfach per Webcam beim Missbrauch zugesehen. Er habe einmal per Webcam vor drei Mädchen onaniert, und er habe Andreas V. zu Taten animiert. »Sie haben gut daran getan, dass Sie das Angebot von Andreas V., auf den Campingplatz nach Lügde zu kommen, nicht angenommen haben«, sagte Grudda.

Voll schuldfähig

Dazu, dass Heiko V. mehr als 40.000 Kinderpornos besessen hatte, sagte Grudda, Konsumenten solcher Fotos und Filme machten sich mitschuldig daran, dass Kinder auf die unvorstellbarsten Weisen missbraucht würden. Heiko V. sei empathielos und habe sich nicht gefragt, was das alles für die Opfer bedeute. Der Angeklagte nickte mehrfach während der Urteilsbegründung, holte ein Taschentuch aus der Hose und kämpfte mit den Tränen. Grudda sagte, ein Missbrauch sei für ein Kind schon sehr schlimm. Zu wissen, dass irgendwo im Internet jemand zusehe, sei für das Opfer aber besonders erniedrigend.

Zu Gunsten des Angeklagten wertete das Gericht, dass er gestanden hatte , dass er dem Opfer eine Aussage erspart hatte, dass er nicht vorbestraft ist und eine Therapie machen möchte. Berücksichtigen musste die Kammer auch, dass Heiko V. bereits seit Januar in Untersuchungshaft saß.

Gutachter Dr. Bernd Roggenwallner hatte zuvor erklärt, der Angeklagte sei in schwierigen Lebensverhältnissen großgeworden, aber er sei durchschnittlich intelligent und voll schuldfähig.

Psychiater Dr. Bernd Roggenwallner

Er habe keine psychiatrische Krankheit und sei auch nicht pädophil: »Dann wäre seine Sexualität vornehmlich auf Kinder ausgerichtet, aber das ist sie nicht.« Heiko V. habe bis zu seiner Verhaftung in einer Beziehung mit einer Frau gelebt, und die bestehe bis heute.

Der Gutachter sagte weiter, er halte den Angeklagten trotz der mehr als 40.000 sichergestellten Dateien nicht für süchtig nach Kinderpornographie: »Er kann auch abstinent sein.« Trotzdem bestehe eine Rückfallgefahr. »Der Angeklagte sollte deshalb in einer Therapie die Taten aufarbeiten und realisieren, was den Kindern angetan wurde.«

Plädoyers hinter geschlossenen Türen

Nach der Erstattung des Gutachtens folgten die Plädoyers, und zwar hinter geschlossenen Türen, um die Namen der Opfer nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Später wurde bekannt, dass Staatsanwältin Jaqueline Kleine-Flaßbeck zwei Jahre und neun Monate Haft sowie die Aufhebung des Haftbefehls gefordert hatte und Opferanwältin Zeliha Evlice dreieinhalb Jahre Haft. Verteidiger Jann Popkes hatte eine Bewährungsstrafe angemessen gehalten.

Heiko V. konnte überführt werden, weil ein Kind, während es von Andreas V. missbraucht wurde , auf dem Computerbildschirm den Mann sah und der Name Heiko daneben zu lesen war. Das Kind ist heute erwachsen und verfolgte gestern im Gerichtssaal die Urteilsbegründung.

Über E-Mails, die sich die beiden Männer damals geschickt hatten, identifizierte die Polizei diesen Heiko. Aus dem E-Mail-Verkehr der beiden hatte die Vorsitzende Richterin an einem der letzten Verhandlungstage vorgelesen:

Andreas V.: »Haben Zuwachs bekommen von einer Zwölfjährigen mit ihrer kleinen Schwester. Voll süß!«

Heiko V.: »Sind sie auch schön willig? Oder müsst ihr euch zusammenreißen?«

Andreas V.: »Leider sind sie noch nicht willig. Aber sie haben keine Bedenken, sich auszuziehen.«

Über die Mails sagte die Vorsitzende Richterin, sei seien an Widerwärtigkeit nicht zu übertreffen. »Es ist erschreckend, wie empathielos und gleichgültig Sie sich über den Missbrauch von Kindern ausgetauscht haben.« Dass es im Darknet sogar eine Flatrate gebe, die der Angeklagte genutzt habe, um unbegrenzt Kinderpornos sehen zu können – das sei so menschenverachtend, dass sie dafür keine Worte finde.

Der Prozess gegen die beiden anderen Angeklagten Andreas V. (56) und Mario S. (34) wird am 1. August fortgesetzt.

Kommentare

Wird das den Opfern gerecht?

Der Bericht hier und auf tagesschau.de liefert Entschuldigungen und Erklärungen für Heiko V. Sein Verteidiger sagt. "Er hat in der JVA genug Zeit gehabt, sein Tun zu reflektieren".
Die Geschädigten werden ihr Leben lang darunter zu leiden haben: Ihre Psyche, ihre Beziehungen, ihre Intimität. Ihr Recht auf Unversehrtheit und Würde ist Ihnen genommen worden. Viele werden Tag für Tag damit zu kämpfen haben.
Heiko V. - als Mitwisser und Mitanstifter, als einer der Hilfe unterlassen und die Opfer diffamiert hat - bekommt dafür zwei Jahre auf Bewährung? Vielleicht ist das unser deutsches Recht - aber es ist der Schwere der Schuld und deren Folgen sicher nicht gerecht!!!
(Da bin ich froh, dass es noch Gott als Richter gibt...)

Unfassbar

Einige Richter/innen scheinen überhaupt keinen Sinn für Realismus und Täterverantwortung zu haben.
Der Verurteilte hat im Bewusstsein einer schweren Straftat nichtsdagegen unternommem bzw. zur Anzeige gebracht. Das ist nicht nur Zuschauen sondern Strafvereitelung in mehreren schweren Fällen.
Unfassbar!!!

2 Kommentare

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