Fall Lügde: Missbrauchtes Kind wird als Jugendlicher selbst übergriffig Vom Opfer zum Täter

Lügde (WB). Am 27. Juni wird es eng im Saal 165 des Detmolder Landgerichts. Allein 14 Anwälte werden dort Platz nehmen, um 24 Opfer zu vertreten – auch einen Jugendlichen, der schließlich selbst zum Täter wurde.

Hier, im Keller eines Mehrfamilienhauses in Steinheim, soll Mario S. Kinder missbraucht haben. Er wohnte zusammen mit seinen Eltern im Dachgeschoss des Hauses.
Hier, im Keller eines Mehrfamilienhauses in Steinheim, soll Mario S. Kinder missbraucht haben. Er wohnte zusammen mit seinen Eltern im Dachgeschoss des Hauses. Foto: Althoff

Der Junge war zehn Jahre alt, als er zum ersten Mal von Mario S. (34) missbraucht worden sein soll. Wie manches andere mutmaßliche Opfer im Fall Lügde kam auch dieser Junge nicht aus einer heilen Familie. Seine Eltern hatten sich getrennt, und er lebte mit seinen Brüdern bei seinem Vater.

Als die Mutter 2012 in Steinheim umzog , halfen ihr die Kleinen. Auch ein anderer Umzugshelfer war dabei: Hilfsarbeiter Mario S., dem heute 162 Verbrechen an acht Mädchen und neun Jungen vorgeworfen werden.

Mario S. soll Kind in Keller gelockt haben

Mario S. ist einer der Beschuldigten im Missbrauchsfall Lügde. Foto: WB

Noch am Abend des Umzugs soll Mario S. den Zehnjährigen in seinen Keller gelockt haben, keine 200 Meter von der neuen Wohnung der Mutter entfernt. Dort soll er das Kind zum ersten Mal missbraucht haben. Wie fast alle anderen Kinder im Fall Lügde behielt auch dieser Junge alles jahrelang für sich – bis die Ermittlungskommission »Eichwald« Anfang 2018 bei der Auswertung von Daten auf den heute 16-Jährigen stieß.

Der Jugendliche sagte bei der Polizei umfassend aus. Zu den Verbrechen an ihm sei es nicht nur in dem Keller in Steinheim gekommen. Er sei in einem Wohnwagen auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde missbraucht worden, ebenso auf der Toilette eines Baumarkts in Nieheim. Dort habe er sich ausziehen müssen. Dann habe Mario S. ihn vergewaltigt. Damals sei er noch ein Kind gewesen.

Im Keller von Mario S., so schilderte es der Jugendliche bei der Kripo, sei er nicht immer alleine mit dem Erwachsenen gewesen. Es sei auch mal ein anderes Kind da gewesen, das er unter den Augen von Mario S. habe befriedigen müssen. Mario S. habe außerdem von ihm verlangt, »Penisfotos« von anderen Kindern zu machen. Auch seine Geschwister sollen von Mario S. sexuell missbraucht worden sein.

Staatsanwaltschaft Detmold nahm Jugendlichen in Untersuchungshaft

Gegenüber der Ermittlungskommission »Eichwald« offenbarte der 16-Jährige schließlich, dass er später, als Jugendlicher, selbst sexuelle Handlungen an zwei Kindern vorgenommen habe – ohne Zutun von Mario S. Man habe sich gegenseitig befriedigt. Er habe das gemacht, um eine innere Spannung loszuwerden. Gewalt sei nicht im Spiel gewesen.

Weil die Staatsanwaltschaft Detmold eine Wiederholungsgefahr annahm, wurde der Jugendliche wegen Kindesmissbrauchs in Untersuchungshaft genommen. Nach etwa zwei Monaten kam er unter Auflagen frei, nachdem er eine Therapieplatz gefunden hatte.

Rechtsanwalt Thorsten Fust aus Lichtenau (Kreis Paderborn) vertritt den 16-Jährigen, er möchte sich aber vor Prozessbeginn nicht zu den Aussagen seines Mandanten äußern – nur zum Fall Lügde allgemein. »Ich mache seit 15 Jahren Strafrecht und habe immer wieder mit Kindesmissbrauch zu tun. Aber dies ist die schlimmste Akte, die ich je gelesen habe. Wenn man sie liest, erschlägt einen die Zahl der missbrauchten Kinder und die Masse der Taten.«

Nie hätte er es für möglich gehalten, dass ein so monströses Geschehen mit so vielen Tätern und Opfern über Jahre unentdeckt bleiben kann.

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