Missbrauchsfall Lügde: Markanter Absender auf Briefen – Drohmails an Bürgermeister Opfer fühlen sich von Opferbeauftragter geoutet

Lügde/Düsseldorf  (WB). Im Missbrauchsfall Lügde sehen sich mutmaßliche Opferfamilien geoutet – ausgerechnet von der Opferschutzbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen.

Von Christian Althoff
Die Parzelle von Andreas V. war jahrelang Anziehungspunkt für viele Kinder.
Die Parzelle von Andreas V. war jahrelang Anziehungspunkt für viele Kinder. Foto: Christian Althoff

Das Büro von Elisabeth Auchter-Mainz in Köln hatte in den letzten Wochen 45 Familien mutmaßlich missbrauchter Kinder angeschrieben – mit Briefumschlägen, auf denen als Absender »Opferschutzbeauftragte des Landes NRW« aufgedruckt war.

»Wir haben nicht damit gerechnet, dass das zu Problemen führen könnte«, sagte Auchter-Mainz dem WESTFALEN-BLATT. Doch die Existenz der Briefe sprach sich offenbar in den kleinen Lügder Ortsteilen herum. Auchter-Mainz erklärte, zwei betroffene Familien hätten sich bisher bei ihr gemeldet und sich beschwert. »Eine sagte, jetzt sei die Information in dem Mehrfamilienhaus rum.«

Mehr Fingerspitzengefühl erwartet

Elisabeth Auchter-Mainz Foto: dpa

Rechtsanwalt Peter Wüller, der vier mutmaßlich missbrauchte Kinder vertritt, sagte am Freitag, gerade von einer Opferschutzstelle habe er mehr Fingerspitzengefühl erwartet. Anwalt Roman von Alvensleben (er vertritt das Mädchen, das mit seiner Anzeige 2018 die Ermittlungen ausgelöst hat) erklärte, seine Mandantin habe ebenfalls so einen Brief bekommen. »Da hätte man gleich ein Zeichen an die Hauswand malen können.«

Justizminister Peter Biesenbach (CDU) hatte 2017 erstmals in NRW die Funktion einer Opferschutzbeauftragten geschaffen und die Stelle mit Elisabeth Auchter-Mainz, Generalstaatsanwältin a.D., besetzt. Ihr stehen vier Mitarbeiter zur Seite.

Unterdessen berichtet der »Spiegel« , im Fall Lügde gebe es möglicherweise einen weiteren Tatort in Thüringen. Andreas V. habe 2009 einen Wohnwagen an einem See in Thüringen abgestellt und dort mehrtägige Urlaube mit Kindern verbracht, die vom Campingplatz Lügde stammen sollten. Nach WESTFALEN-BLATT-Informationen ist die »EK Eichwald« diesem Verdacht allerdings bereits vor längerer Zeit nachgegangen. Sie bewertet den Platz in Thüringen jedoch nicht als Tatort. Die Ermittlungen sollen ergeben haben, dass sich Andreas V. dort zwar mit Kindern aufgehalten und getaucht haben soll. Hinweise auf Missbrauch soll die Ermittlungskommission aber nicht gefunden haben.

Andreas V. soll mit Kindern tauchen gewesen sein. Seine Ausrüstung landete beim Abriss der Behausung im Müll. Foto: Christian Althoff

Die NRW-Opferschutzbeauftragte sagte, sie wisse nicht, wie sich das herumgesprochen habe. Postzusteller seien ja zur Verschwiegenheit verpflichtet. Trotzdem werde man den Fall zum Anlass nehmen, das Procedere zu ändern. »Bei Opfern in kleinen Orten werden wir in Zukunft neutrale Briefumschläge verwenden.« In größeren Städten gebe es offenbar kein Problem, denn weder nach der Silvesternacht von Köln noch nach der Amokfahrt von Münster habe es Beschwerden von Opfern gegeben, die sie angeschrieben habe.

Bürgermeister erhält weiter Hassmails und Drohanrufe

Heinrich Reker (66), der Bürgermeister von Lügde, sagte am Freitag, die Welle der Hassmails und Drohanrufe ebbe noch immer nicht ab. »Das ging Ende Januar los, als der Fall öffentlich bekannt wurde.« Weil Lügde eine kleine Stadt ohne Telefonzentrale sei, hätten die Anrufer ihn meist sofort am Telefon. »Da höre ich dann Sätze wie: ›Dich sollte man mit dem Pädophilen in eine Zelle stecken‹.« Die Zahl der Hassmails gehe inzwischen »wohl in die hunderte«, sagte der Bürgermeister. »Ich sammele sie in einem Ordner, auf dem ›Kindesmissbrauch‹ steht, aber zur Polizei bin ich bisher noch nicht gegangen.«

Reker sagte, teilweise verstehe er die aufgebrachten Menschen sogar. »Die sagen sich, dass so ein monströser Fall mit so vielen Opfern doch nicht jahrelang unbemerkt bleiben kann. Und ehrlich: Das habe ich mir anfangs auch gesagt. Ich habe mein Inneres nach außen gekehrt und überlegt, ob wir irgendetwas übersehen haben. Aber das war nicht der Fall.« Die Stadt habe ja auch kein Jugendamt und sei deshalb nicht so dicht an Andreas V. und seiner Pflegetochter dran gewesen. »Obwohl ich seit 50 Jahren für die Stadt arbeite und jeden Stein kenne, kannte ich Andreas V. nicht. Die Menschen auf dem Campingplatz führen irgendwie ihr eigenes Leben.« Aus dem Ort selbst habe er keine Kritik gehört, sagt Reker. »Wir stehen zusammen.«

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