Lügde-Prozess beginnt wohl nicht Anfang Juni – wenige relevante Videos
Die Justiz braucht mehr Zeit

Detmold (WB). Die Ermittlungen im Missbrauchsfall Lügde sind dermaßen umfangreich, dass der Prozess wohl nicht innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Frist beginnen kann. Probleme erwartet die Staatsanwaltschaft Detmold deshalb aber nicht.

Mittwoch, 01.05.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 01.05.2019, 14:36 Uhr
Staatsanwältin Jaqueline Kleine-Flaßbeck (Foto) und ihre Kollegin Helena Werpup aus Detmold schreiben seit Wochen an der Anklageschrift im Missbrauchsfall Lügde. Sie könnte in der kommenden Woche fertiggestellt sein. Foto: Christian Althoff

Der Hauptbeschuldigte Andreas V. (56) aus Lügde war am 6. Dezember in Untersuchungshaft genommen worden. Die Strafprozessordnung sieht vor, dass spätestens sechs Monate danach, also Anfang Juni, der Prozess beginnen muss – es sei denn, die Staatsanwaltschaft beantragt bei Gericht eine Verlängerung der U-Haft, über die das Oberlandesgericht (in diesem Fall Hamm) zu entscheiden hat.

Staatsanwältinnen kümmern sich nur um Fall Lügde

Die Strafprozessordnung erlaubt die Verlängerung der Untersuchungshaft bei »besonderer Schwierigkeit oder besonderem Umfang der Ermittlungen« – allerdings nur, wenn Polizei und Staatsanwaltschaft in den vorangegangenen sechs Monaten stringent gearbeitet haben und es keinen Leerlauf gab. Diese Voraussetzungen scheinen gegeben.

Seit Wochen schon schreiben die beiden Detmolder Staatsanwältinnen Jaqueline Kleine-Flaßbeck und Helena Werpup an der Anklage, während die Bielefelder Ermittlungskommission »Eichwald« mit Hochdruck weiterarbeitet. Sobald sie einen Tatkomplex ausermittelt hat, schickt sie die Akte nach Detmold, wo das Ermittlungsergebnis in die Anklage eingearbeitet wird.

Inzwischen liegen den Staatsanwältinnen die Fallakten von etwa 35 mutmaßlichen Missbrauchsopfern vor, die übrigen sollen in den kommenden Tagen folgen . Oberstaatsanwalt Ralf Vetter: »Die Staatsanwältinnen sind schon länger von allen anderen Aufgaben freigestellt und kümmern sich nur um den Fall Lügde.«

Prozessbeginn im Juni oder Juli?

Es ist wohl die umfangreichste Anklage, die jemals in Detmold erstellt wurde – in der mit 17 Beamten kleinsten Staatsanwaltschaft Nordrhein-Westfalens. Sie will kommende Woche Vorbereitungen treffen, um die Verlängerung der Sechs-Monats-Frist in Hamm zu beantragen.

Dazu sollen eine Kopie der Ermittlungsakte und ein Anklageentwurf erstellt werden. Außerdem muss beim Landgericht Detmold die Verlängerung der U-Haft beantragt werden. Alles zusammen wird dann nach Hamm geschickt, wo das Oberlandesgericht entscheidet. Sobald die Akten aus Detmold dem OLG vorliegen, läuft die Sechs-Monats-Frist nicht weiter.

Nach Versand der Anklageschrift an die Prozessbeteiligten wird den Angeschuldigten eine Frist gesetzt – möglicherweise drei Wochen –, um zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Anschließend entscheidet das Landgericht Detmold über die Zulassung der Anklage und setzt erste Verhandlungstermine fest. »Der Prozess könnte möglicherweise Ende Juni, Anfang Juli beginnen«, sagte Landgerichtssprecher Dr. Wolfram Wormuth.

Beschuldigte haben Bilder und Filme aus dem Internet

Zentraler Bestandteil der Anklage werden die Aussagen der bisher bekannten 40 mutmaßlichen Opfer sein. Zwar haben Polizisten schon mehr als 30.000 kinderpornographische Fotos und etwa 10.000 entsprechende Filme gesichtet, die aus dem Besitz der Beschuldigten stammen.

Doch soll der überwiegende Teil der Dateien keinen Bezug zum Missbrauch auf dem Campingplatz »Eichwald« haben. Die Beschuldigten sollen sich den Großteil der Bilder und Filme über das Internet besorgt und nicht selbst produziert haben.

Die Ermittlungen gegen Polizisten und Jugendamtsamtsmitarbeiter, die 2016/17 Hinweisen auf den Hauptbeschuldigten An­dreas V. nicht richtig nachgegangen sein sollen, laufen weiter.

Die Kreispolizeibehörden Höxter, Paderborn, Gütersloh, Herford und Minden-Lübbecke unterstützen die Ermittlungen im Fall Lügde inzwischen mit 16 Beamten. Höxter als kleinste Behörde Ostwestfalens stellt drei Polizisten – acht Prozent der eigenen Kripo.

Fotos auswerten belastet Polizisten

Wie belastet das Auswerten von Kinderpornographie Polizisten? 2015 hat das niedersächsische Innenministerium 282 Polizisten gefragt, 193 haben an der Studie teilgenommen. Im Ergebnis wurden insbesondere die Menge der auszuwertenden Dateien sowie die Inhalte der Videos mit »zum Teil sehr harten und abstoßenden Szenen« als wesentliche Belastung genannt.

Die physischen und psychischen Auswirkungen der Arbeit reichten von Beziehungsproblemen und Schlafstörungen bis zu einem veränderten Verhalten gegenüber eigenen Kindern. Beispielsweise wurden durch die Polizisten plötzlich alltägliche Dinge in Frage gestellt – ob der Vater das Wickeln seiner Tochter noch übernehmen darf oder ob Kinder unterschiedlichen Geschlechts zusammen baden dürfen.

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