Missbrauchsfall Lügde: Polizei Lippe plant Neuanfang – mit Video
Eltern stehen nicht mehr unter Verdacht

Lügde/Detmold (WB). Die Ermittlungen der »EK Eichwald« haben keinen Hinweis darauf ergeben, dass zwei Elternteile ihre Kinder bewusst dem Hauptbeschuldigten Andreas V. (56) überlassen haben.

Freitag, 01.03.2019, 03:30 Uhr aktualisiert: 01.03.2019, 09:18 Uhr
Die abgesperrte Behausung des Hauptverdächtigen auf dem Campingplatz »Eichwald« wurde am Donnerstag weiter durchsucht. Foto: Christian Althoff

»Ein ursprünglicher Verdacht gegen zwei Personen hat sich nicht erhärtet«, sagte Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt könne man davon ausgehen, dass die Verfahren eingestellt würden. Ohnehin sei der Verdacht gegen die beiden von Anfang an sehr vage gewesen.

Eine Einstellung könnte spätestens im April erfolgen, wenn die drei Hauptbeschuldigten angeklagt werden. Ohne die beiden Elternteile sinkt die Zahl der Beschuldigten im Missbrauchsfall Lügde auf fünf: Zwei Männer sollen mindestens 31 Kinder missbraucht haben, ein dritter soll per Videochat mindestens einmal zugesehen haben. Ein Mann soll versucht haben, Beweise gegen einen der Hauptbeschuldigten zu vernichten, und ein 16-Jähriger soll Kinderpornographie besessen haben, die auf dem Campingplatz produziert worden sein soll.

Am Donnerstag setzte die Ermittlungskommission die Spurensicherung auf dem Campingplatz »Eichwald« fort, auch am Freitag soll dort weiter nach Beweisen gesucht werden.

In Detmold stellte unterdessen Lippes Landrat Axel Lehmann (SPD) seine neuen Mitarbeiter an der Polizeispitze vor: Kriminaloberrat Matthias Brand (37) aus dem Polizeipräsidium Bielefeld ersetzt erst einmal den suspendierten Kripochef, und Polizeidirektorin Margit Picker (53) leitet seit Mittwoch die Behörde mit ihren 391 Polizisten und 32 Verwaltungskräften. Sie stammt aus dem Kreis Gütersloh, hat unter anderem in den Kreisen Lippe, Herford und Gütersloh gearbeitet und war zuletzt in Düsseldorf – erst im Innenministerium, wo sie für islamistischen Terrorismus zuständig war, dann im Landeskriminalamt, wo sie sich mit Organisierter Kriminalität beschäftigte und seit Jahresanfang mit islamistischen Gefährdern.

Mit Blick auf die von Polizeigewerkschaften kritisierte Personalstärke (der Kreis Lippe hat landesweit die wenigsten Polizisten im Verhältnis zur Einwohnerzahl) sagte die neue Polizeidirektorin, diese sei nicht an den »eklatanten Fehlern« im Fall Lügde schuld. »Es war nicht so, dass sich die Leute hier zerreißen mussten, um ihre Aufgaben zu erledigen.«

Im Fall Lügde besteht der Verdacht, dass 2016 ein (inzwischen pensionierter) Polizist und eine Kriminalbeamtin Hinweisen auf den Hauptbeschuldigten nicht konsequent nachgegangen waren. Nachdem nun doch ermittelt wird, soll es bei der Sicherung und Auswertung von Spuren zu Pannen gekommen ein. So sind weiterhin 155 CDs und DVDs vermisst.

Kommunikation verbessern

Landrat Axel Lehmann sagte, man wolle mit mehreren Maßnahmen eine Wiederholung solcher Versäumnisse verhindern. Zum einen werde man gemeinsam mit dem Landesamt für zentrale Polizeiliche Dienste und dem Sonderermittler des LKA die Organisation der Kreispolizei durchleuchten. Dabei werde auch geprüft, ob es sinnvoll sei, weiter in Lemgo und Bad Salzuflen dezentrale Kriminalkommissariate zu unterhalten. Der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bad Salzuflen, Prof. Ulrich Preuß, werde Fortbildungen zu Missbrauch und sexueller Gewalt durchführen, der Austausch von Polizei, Jugendämtern und Opferorganisationen werde ausgebaut, und es soll geprüft werden, ob die in diesem Bereich arbeitenden Polizisten ausreichend geschult seien. Auch die Kommunikation der Behörde wolle man verbessern.

Zur Personalstärke sagte der Landrat, er habe zweimal an NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) und einmal an Herbert Reul (CDU) geschrieben. Hintergrund: Die Stellenzahl richtet sich nach der Kriminalität und den Unfallzahlen. Behörden, die gut dastehen (wie die lippische) müssen Beamte abgeben. Lehmann: »Man sollte das Verhältnis zur Einwohnerzahl dabei vielleicht nicht ganz außer Acht lassen.«

Bisherige Berichterstattung

www.westfalen-blatt.de/OWL/Missbrauchsfall-Luegde

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