Schwerwiegende Traumafolgen für die Betroffenen
Kinderpsychiater: Missbrauch gräbt sich in Seele der Opfer

Münster/Lügde (epd). Opfern sexuellen Missbrauchs wie im lippischen Lügde drohen nach Ansicht des Münsteraner Kinderpsychiaters Georg Romer schwerwiegende seelische Traumafolgen.

Mittwoch, 06.02.2019, 10:07 Uhr aktualisiert: 06.02.2019, 10:10 Uhr
Lügde: Blick durch einen Zaun auf ein Gebäude auf dem Campingplatz Eichwald, das mit einem Polizeiabsperrband versehen ist. Auf dem Campingplatz im Kreis Lippe waren Kinder für Pornodrehs missbraucht worden. Drei Tatverdächtige sitzen in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen schweren sexuellen Missbrauch von Kindern vor. Foto: dpa

»Wahrscheinlich ist, dass über eine so lange Zeit des Missbrauchs und des Versagens der Schutzfunktion der Erwachsenenwelt beim betroffenen Kind eine tief greifende Erschütterung des Weltbildes und auch des eigenen Selbstbildes entstanden ist«, sagte Romer.

Neben der erfahrenen sexuellen Grenzverletzung, die meist mit Angst, Ekel oder auch Schmerz verbunden sei, habe die perfide Täterstrategie des wiederholten Gefügigmachens beim Opfer wahrscheinlich tiefe Spuren hinterlassen. »Der stattgefundene Missbrauch, der uns spontan massiv entsetzt, ist für das Kind zur Normalität geworden«, erklärte der Professor.

»Es fühlt sich mit dem Täter emotional verbunden«

Stammt der Täter aus der Alltagswelt des Opfers wie im Fall in Lügde, habe er womöglich durch Nettigkeiten und Geschenke bewirkt, dass dem Kind neben dem Vertrauen in eine schützende Erwachsenenwelt das »Störempfinden« allmählich abhandengekommen sei. »Es fühlt sich mit dem Täter emotional verbunden, und spürt das Ausmaß des an ihm begangenen Verbrechens möglicherweise emotional kaum noch als Unrecht«, erläuterte der Direktor der Kinderpsychiatrie an der Uni-Klinik Münster.

Die Folge davon könne sein, dass sich die schlechten Gefühle, die das Kind erlebt habe, gegen die eigene Person richten. »Ein Grundgefühl, selbst schlecht und wenig wert zu sein, es nicht anders verdient zu haben, als benutzt zu werden, kann sich neben anhaltenden Schuldgefühlen tief in der Seele des Kindes eingraben«, sagte Romer. Zudem könnten Erinnerungen an traumatisch Erlebtes in Form von Ängsten, Albträumen oder quälenden inneren Bildern sehr belastend sein.

Kinderschutzambulanzen und Trauma-Ambulanzen als Hilfe

Kinderschutzambulanzen und Trauma-Ambulanzen böten den Opfern schnelle und unbürokratische therapeutische Hilfen an. Daneben gebe es ein Netz von spezialisierten Beratungsstellen, die über das Jugendamt vermittelt würden. Auch niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sowie -psychiater seien geeignete Ansprechpartner.

Um Kinder und Jugendliche vor sexuellen Übergriffen zu schützen, rät Romer Eltern, möglichst früh über Missbrauch und die Gefahr von sexuellen Übergriffen über das Internet aufzuklären. »Noch wichtiger ist es, in jedem Kind das Gefühl wachsen zu lassen, dass es ein unumstößliches Recht auf Selbstbestimmung in puncto körperliche Nähe hat«, betonte der Kinderpsychologe. So lerne es, ein gesundes Störempfinden zu entwickeln und selbstbewusst von sich aus »Nein« zu sagen.

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