Landrat Tjark Bartels (SPD) äußert sich zum Missbrauchsfall -mit Video Tatort Campingplatz: Andreas V. kassierte 1000 Euro Pflegegeld im Monat

Hameln (WB). Landrat Tjark Bartels (49) sprach von Kinderseelen, die schweren Schaden genommen hätten. Von Opfern, denen die Kindheit geraubt worden sei. Und davon, dass die Kinder es nun schwer hätten, stark und selbstbewusst aufzuwachsen.

Von Christian Althoff
Fast eineinhalb Stunden lang äußerte sich Landrat Tjark Bartels gestern zum Fall eines Mädchens, das jahrelang vom Pflegevater missbraucht worden sein soll.
Fast eineinhalb Stunden lang äußerte sich Landrat Tjark Bartels gestern zum Fall eines Mädchens, das jahrelang vom Pflegevater missbraucht worden sein soll. Foto: Christian Althoff

Eine Woche nach Bekanntwerden des  mutmaßlich tausendfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde hat der  Landkreis Hameln-Pyrmont gestern die Öffentlichkeit gesucht . »Auch im Namen unseres Jugendamtes möchte ich mich in Respekt vor den 29 Opfern, von denen wir bisher wissen, verneigen«, sagte Bartels.

2016 hatte das Jugendamt des niedersächsischen Kreises ein damals sechs Jahre altes Mädchen bei dem alleinstehenden Andreas V. (56) auf dem Campingplatz »Eichwald« im nordrhein-westfälischen Lügde-Elbrinxen untergebracht. Seit kurzem ist bekannt: Der Mann, den die Mitcamper »Addi« nannten, soll seit mindestens zehn Jahren Kinder missbraucht haben – auch seine Pflegetochter. Der Mann, ein Komplize und ein Abnehmer der Missbrauchs-Videos sitzen in U-Haft.

»Das war keine Messie-Unterkunft«

Das Jugendamt hatte schon länger Kontakt zu der alleinerziehenden Mutter. »Sie hatte das Sorgerecht. Und wer das Sorgerecht hat, darf bestimmen, wo sein Kind lebt« sagte Bartels. Bei mehreren Gelegenheiten habe die Frau ihre Tochter Andreas V. anvertraut, den sie seit Jahren gekannt habe. »Im ersten Halbjahr 2016 fragte sie uns dann, ob wir für ihre Tochter nicht eine Pflegestelle bei dem Mann einrichten könnten.« Ein fremdes Kind hätte man niemals bei Andreas V. untergebracht, sagte der Landrat, Lebensumstände und Altersunterschied hätten dagegengesprochen. »Aber in diesem Fall kannten sich die beiden ja schon lange.«

Sieben Monate habe die Überprüfung von Andreas V. gedauert. Eine Schufa-Auskunft, ein erweitertes Führungszeugnis, Gespräche mit seinem Umfeld – nichts habe Anlass zur Sorge gegeben: »Die Leute erzählten uns, dass er gut mit Kindern klarkomme und sozial eingebunden sei.« Auch die Mutter habe keinerlei Verdacht gehegt.

Dass der Mann auf einem Campingplatz lebte, sei kein Hinderungsgrund gewesen, sagte der Landrat. »Das war keine Messie-Unterkunft. Da sehen unsere Jugendamtsmitarbeiter in gewöhnlichen Häusern ganz andere Dinge. Missbrauch gibt es schließlich auch in Sakristeien und Einfamilienhäusern mit geharktem Vorgarten.«

1000 Euro als Pflegegeld kassiert

2016 schloss der Kreis einen Vertrag mit Andreas V., der knapp 1000 Euro im Monat für die Pflege bekam – es war die Haupteinnahmequelle des Mannes, der ansonsten Hartz-IV bezog. Einmal pro Woche habe ein Dienstleister im Auftrag des Jugendamtes nach dem Mädchen gesehen, sagte Bartels. »Das Kind hatte soziale Kontakte, es entwickelte sich besser als erwartet, und es konnte sogar eingeschult werden, was wir vorher nicht für möglich gehalten hatten.« Doch die Reitstunden, die Schwimmbadbesuche – alles das, was das Jugendamt positiv bewertete, war offenbar die Fassade, die den Täter schützen sollte. »Heute wissen wir das. Rückblickend müssen wir sagen: Wir hatten einen fatal falschen Eindruck.«

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Trotzdem: Fehler des Jugendamtes könne er im Moment nicht erkennen, sagte der Verwaltungschef. »Ich weiß nicht, ob Fehler gemacht wurden. Da müssen wir die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Detmold abwarten.«

Konkrete Hinweise schon 2016

In der vergangenen Woche hatte eine Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes Bad Pyrmont dem WESTFALEN-BLATT gesagt, man habe im August 2016 von einem Familienvater einen konkreten Hinweis auf möglichen sexuellen Missbrauch durch Andreas V. bekommen. »Den haben wir an die Polizei in Nordrhein-Westfalen und das Jugendamt Hameln-Pyrmont weitergeleitet. Der Eingang unseres Hinweises wurde uns auch bestätigt«, sagt die Kinderschützerin. Darauf angesprochen erklärte der Landrat gestern, er wisse nichts von einem solchen Hinweis auf Missbrauch. Es habe nur einen Hinweis auf Verwahrlosung gegeben, den man auch überprüft habe. Da der Staatsanwaltschaft inzwischen sämtliche Akten vorliegen, wird sich dieser Widerspruch wohl in den kommenden Wochen aufklären lassen.

Das Jugendamt will künftig Teams in Kitas und Schulen schicken. Sie sollen mit Theaterprojekten mögliche Opfer anderer Täter aus ihrem Schweigen herausholen, um den Missbrauch zu beenden. Bartels: »Wir möchten solche Kinder sprechfähig machen, denn da draußen laufen noch ganz viele ›Addis‹ herum, von denen wir nicht wissen.«

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