Prozess am Landgericht Paderborn neigt sich dem Ende zu Bosseborn-Prozess: Staatsanwalt fordert lebenslange Haft für beide Angeklagten

Paderborn (WB/ludi/dpa). Im Mordprozess um das  »Horrorhaus von Höxter«  hat Staatsanwalt Ralf Meyer am Mittwochmorgen lebenslange Haft für beide Angeklagten gefordert. Er sieht bei beiden eine besondere Schwere der Schuld.

Wilfried und Angelika W.
Wilfried und Angelika W. Foto: dpa

In dem Prozess, der seit fast zwei Jahren am Landgericht Paderborn geführt wird, sind der 48-jährige Wilfried W. und seine Ex-Frau, die 49-jährige Angelika W., wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt. Die beiden sollen jahrelang mit Kontaktanzeigen Frauen in ihr Haus nach Höxter-Bosseborn gelockt und zum Teil schwer misshandelt haben. Wegen eines versuchten und eines vollendeten gemeinschaftlichen Mordes droht ihnen jetzt lebenslange Haft. 

Nach dem Staatsanwalt werden die Nebenkläger ihre Plädoyers halten. Die Plädoyers der insgesamt vier Verteidiger sollen am Donnerstag beginnen und kommende Woche fortgesetzt werden.

Ralf Meyer leitet sein Plädoyer ein: Die Dauer einer solchen Verhandlung sei selten, die Rechtslage aber war komplex. Er kündigt an, sich kurz fassen zu wollen. Ein Aufatmen geht durch den Gerichtssaal.

Laut Staatsanwalt haben sich die Anklagepunkte bestätigt. Er geht nun kurz auf die gemeinsame Geschichte der beiden ein sowie die Beziehung Wilfried W.s zu unterschiedlichen Frauen, die auch als Zeugen vor Gericht auftraten. Er geht ein auf Christel P., die misshandelt wurde und Zettel unterschrieb, die die Unschuld der beiden Angeklagten beteuerte.

Meyer: Frühes Geständnis von Angelika W. war förderlich für Prozess

Das frühe Geständnis Angelika W.s habe sich förderlich auf den Prozess ausgewirkt. Meyer ist auch davon überzeugt, dass die Angeklagte dem Mitangeklagten Wildried W. körperlich unterlegen ist. Er sieht widerlegt, dass Wilfried W. kaum Gewalt angewendet hat. 

Die Begegnung mit einem Nachbarn, den er einst gewürgt hatte, hält der Staatsanwalt für wichtig, um darzulegen, dass Wilfried durchaus bereit gewesen sei, jederzeit Gewalt anzuwenden. Darauf weise auch das Urteil gegen ihn aus dem Jahr 1995 hin. Damals war er verurteilt worden, weil er seine Ehefrau mit Hilfe seiner Geliebten gequält hatte.

Die beiden Angeklagten betreten am Mittwoch den Gerichtssaal. Foto: Ludmilla Ostermann

Meyer geht nun auf die Geschichte von Anika W. ein, die im Haus in Bosseborn den Tod fand. Davor stand ein Martyrium: Ihr wurde der Kopf geschoren, sie wurde geschlagen und getreten. Ihr körperlicher Zustand verschlechterte sich zusehends. Als Meyer vom Fall Anika W.s berichtet, der schließlich zu ihrem Tod führte, ist die Mutter des Opfers sichtlich mitgenommen. 

Entscheidend sei, dass die Angeklagten um den desolaten Gesundheitszustand der Anika W. wussten. Den Tod hätten sie billigend in Kauf genommen, Hilfe hätten sie nicht geholt.

Susanne F. wurde ebenfalls schwer misshandelt von den Angeklagten. Auch auf ihren Aufenthalt in Bosseborn geht Meyer ein. Am Ende hatten Angelika und Wilfried W. die stark geschwächte Frau zurück in ihre Wohnung nach Bad Gandersheim bringen wollen. Als ein Defekt am Auto eine Weiterfahrt unmöglich machten, wurde die Polizei auf das Paar aufmerksam. 

Drangsalieren schaffe Gemeinsamkeit

Meyer sieht ein Muster: Die ausgesuchten Frauen hatten wenige soziale Kontakte. Sobald sie bei den Angeklagten gewohnt hatten, wurden ihnen Schlüssel, Handy und Ausweise weggenommen.

Laut Gutachten der Psychologin Nahlah Saimeh liege bei Wilfried W. Schwachsinn vor, Angelika sei eine auffällige Person, de voll schuldfähig sei. Die Beziehungsdynamik zwischen den beiden sei bösartiger Natur gewesen. Der Staatsanwalt trägt noch einmal die Eckpfeiler der wissenschaftlichen Arbeit vor.

Die Drangsalieren der Opfer schaffe Gemeinsamkeit zwischen den Angeklagten, so Meyer.Zu prüfen sei, ob die Angeklagten, den Tod von Anika W. vorsätzlich herbeigerufen haben. Für Meyer ist klar, dass die Angeklagten, den Tod des Opfers billigend in Kauf genommen hätten.

Das Mordmerkmal der niederen Beweggründe und der Verdeckungsabsicht sei beim Tod des ersten Opfers gegeben, sagt Staatsanwalt Meyer. Auch das Mordmerkmal der Grausamkeit liege in diesem Fall vor.  

Lebenslang, besondere schwere der Schuld

Die Angeklagten hätten sich wegen gemeinschaftlichen Mordes durch Unterlassen schuldig gemacht. Während Angelika W. sich in der Vergangenheit unauffällig benahm, ist Wilfried W. vorbestraft. Im Hinblick auf das Geständnis, habe die Angeklagte, für den Fortlauf des Prozesses beigetragen.

Am Ende seines Plädoyers fordert Staatsanwalt Meyer eine lebenslange Freiheitsstrafe für beide Angeklagten. Für Wilfried W. beantragt er zudem die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Meyer stellt zudem die besondere Schwere der Schuld fest. Wird diese festgestellt, legt die Strafvollstreckungskammer nach 15 Jahren fest, wie viel Strafe noch wegen dieser besonders schweren Schuld noch verbüßt werden muss, bis der Verurteilte auf Bewährung entlassen werden kann. Dabei spielt das Sicherheitsinteresses der Allgemeinheit die entscheidende Rolle. Eine feste Obergrenze gibt es nicht. Meistens werden aber nicht mehr als zehn zusätzliche Jahre verhängt. 

Gaslighting als Manipulationstechnik

Roland Weber, Anwalt der Nebenklage, beginnt nach einer Pause mit seinem Plädoyer. Er beginnt mit einem Dankeswort. Der Prozess sei von Kollegialität und Sachlichkeit geprägt gewesen. Gleichwohl geht Weber auf die vielfachen Termin-Ausfälle und Verschiebungen ein. »Die haben einen manchmal auf die Probe gestellt«. Dass der Prozess nun fast zwei Jahre gedauert habe, sei am Ende gut so gewesen.

Nun will er konkret auf Anika und ihre Familie eingehen. Die Mutter von Anika W habe dem Prozess ein Gesicht gegeben. Es sei schwierig für sie. Noch bis heute sei sie in Behandlung. Die Angeklagte Angelika W. hatte eingangs schriftlich die Misshandlungen aufgezählt, die Anika Wiederfahren waren. Anika sei demnach auf 45 verschiedene Arten gequält worden. Weber trägt nun vor, welche Arten gemeinsam, welche nur einer der beiden Angeklagten getan hat. Dies dauert einige Minuten.

Ihm habe sich die Frage nach dem Urheber gestellt, sagt der Anwalt. Während Wilfried die Hauptschuld auf Angelika gelenkt hatte, hatte die Angeklagte behauptet, unter dem Druck ihres Ex-Mannes gehandelt.

Weber bringt den Begriff des Gaslightings ins Gespräch, ein psychologischer Fachbegriff, der das beschreibt, was in Bosseborn geschah. um eine Manipulationstechnik, bei welcher das Opfer gezielt desorientiert wird. Resultat ist die allmähliche Untergrabung, Deformation und Zerstörung des Selbstbewusstseins durch den Manipulierer. Er nutzt demnach ein Vertrauensverhältnis aus, um sich in eine Machtposition zu rücken und das zunehmend verunsicherte Opfer von sich abhängig zu machen.

Weber: Am Ende war es perfekte Teamarbeit

Am Ende sei es die perfekte Teamarbeit gewesen, sagt Weber.

Ob Angelika W.s Geständnis strafmildernd ausgelegt werden kann, fragt Weber. Er erinnert in diesem Zusammenhang daran, wie die Angeklagte in einer früheren Sitzung damit kokettierte, es habe eine Zeit gegeben, in der sie mit Orden bedacht wurde. »Da musste ich schlucken«, sagt Weber. Sie habe allerschwerste Schuld auf sich genommen, sodass die Aufklärungshilfe keine Milderung nach sich ziehen sollte. 

Auch der Anwalt der Nebenklägerin sieht die besondere Schwere der Schuld erfüllt. Er schließt sich dem Antrag der Staatsanwaltschaft in allen Punkten an. Die Angeklagten sollen zudem an den Kosten der Nebenklage beteiligt werden.

Weber hatte Protest angekündigt,  falls die Angelika W. noch einmal lange reden sollte.  Natürlich stehe ihr ein letztes Wort vor dem Urteil zu, sollte sie das aber »für einen stundenlangen Monolog missbrauchen«, werde er mit seiner Klientin den Saal verlassen, sagte er. 

Die Verteidger unter sich: Dr. Carsten Ernst, Detlev Binder und Peter Wüller (von links). Foto: Ludmilla Ostermann

 

Christian Meybohm, der Verteidiger der überlebenden Christel P., beginnt nach einer Mittagspause seine Ausführung. Auffällig sei gewesen, dass die Frauen, die in Bosseborn einzogen, nicht einem bestimmten Typen entsprachen. Vielmehr sei es um charakterliche Eigenschaften gegangen.

Nur seine Mandantin sei dazu in der Lage gewesen, sich aus dem »System Bosseborn« zu befreien. Profitiert habe sie dabei von dem Prinzip der beiden Angeklagten, sich mit Zetteln die eigene vermeintliche Unschuld zu bestätigen.  

Während die Schuldfähigkeit bei Angelika W. keine Frage sei, sei dies bei Wilfried W. schwieriger. Gerade im medizinischen Bereich habe der Angeklagte mit Wissen geglänzt. Es erscheine ihm nicht plausibel, dass er bei so offensichtlichen Verletzungen bei den Frauen nicht erkannt haben will, dass es sich um lebensgefährliche Verletzungen handelte, sagt Meybohm.

Meybohm: Es hat eine Entmenschlichung stattgefunden

Der Anwalt will sich den Anträgen der Vorredner anschließen. Die Opfer seien auch heute noch in Behandlung und versuchten, das Geschehene zu verarbeiten. Es habe eine Entmenschlichung im Haus in Bosseborn stattgefunden. Er sei davon überzeugt, dass die Anträge der Staatsanwaltschaft deshalb gerechtfertigt sind.

Walter Safarovic ist der letzte Anwalt der Nebenkläger, der jetzt sein Plädoyer vorträgt. Er vertritt den Ehemann von Susanne F. Diese hatte eine Familie und hinterließ nach ihrem Tod eben jenen Mann sowie eine Tochter. Diese befinde sich noch immer in psychologischer Behandlung, sagt der Anwalt.

Das letzte Wort von Angelika W. soll einen Tag dauern. Das könne sie gerne haben, sagt Safarovic. »Vielleicht nutzt sie dann auch die Gelegenheit, den Angehörigen der Verstorbenen eine Entschuldigung auszusprechen«, sagt der Anwalt zum Abschluss.

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt. 

Unsere gesamte bisherige Berichterstattung ist auf einer Themenseite zusammengestellt: www.westfalen-blatt.de/OWL/Kriminalfall-Hoexter-Bosseborn

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