Upsprunger Ortschronist Rainer Wester berichtet von Erinnerungen ans „Hamstern“ Früher gab es kein Pardon

Salzkotten (WB). Viele Jahre hing das Schild an den Wänden diverser Partykeller und fristete ein Mauerblümchendasein. Mehrmals verkauft, gelangte es irgendwann nach Salzkotten-Upsprunge. Der Text auf dem Schild ist jetzt aktueller denn je: „Hamsterer werden hier rücksichtslos festgenommen” steht auf der emaillierten Tafel.

Rainer Wester am Ort des früheren Geschehens, dem Bahnhof in Salzkotten: Aufgrund von Zeitzeugengesprächen weiß Wester, Bahnfreund und Chronist der Ortschaft Upsprunge, wie es Hamsterern in schweren Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg ergehen konnte.
Rainer Wester am Ort des früheren Geschehens, dem Bahnhof in Salzkotten: Aufgrund von Zeitzeugengesprächen weiß Wester, Bahnfreund und Chronist der Ortschaft Upsprunge, wie es Hamsterern in schweren Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg ergehen konnte.

Die Zuständigkeit des Bürgermeisters lässt darauf schließen, dass dieses Schild nicht auf dem Bahngelände hing, sondern eher in der Stadt zu finden war. Der Salzkottener Bahnfreund Rainer Wester hat es aufgrund des Bahnbezuges dennoch irgendwann einmal gekauft. Nicht ahnend, dass der Begriff „hamstern” in Kombination mit der Corona-Krise plötzlich so populär wird.

„Inhaltlich passt das Schild derzeit an die Tür eines jeden Supermarktes”, sagt Wester angesichts der Menschenmassen, die Toilettenpapierregale leerkaufen, als wäre eine Durchfall-Epidemie übers Land gezogen. Da auch viele andere Produkte auf Halde gelegt werden, ist seit Wochen vermehrt der Begriff des Hamsterns wieder im Umlauf.

Zeitzeugengespräche

Rainer Wester mag die neuerliche Verwendung des Wortes für die jetzt laufende künstliche Verknappung in den Läden nicht sonderlich. „Das Leid der Hamsterer, etwa nach dem letzten Krieg, ist kaum vergleichbar mit einer Zeit, in der Menschen trotz voller Geschäfte Mehl und Dosen horten”. Seit 25 Jahren führt Wester Zeitzeugengespräche mit älteren Mitbürgern und bringt deren Erlebnisse zu Papier. In den Lebenserinnerungen der zumeist ehemaligen Eisenbahner hatte das „Hamstern“ stets eine ganz andere Bedeutung.

In einem 200 Jahre alten Buch hat unser Leser Rolf Böddeker diese Fabel zum Thema Hamsterkäufe gefunde.

Ein Bahnbeamter der Fahrkartenausgabe Salzkotten erinnerte sich vor vielen Jahren noch gut an die Hamsterer, die nach dem Krieg vor allem aus dem Ruhrgebiet mit total überfüllten Zügen nach Salzkotten kamen. Die Menschen hingen an den Waggons oder standen auf den entlang eines jeden Wagens angebrachten Trittbrettern. Vielen blieb selbst die Fahrt auf dem Puffer nicht erspart. Die Fahrpreise waren günstig und so lohnte sich der Weg aufs Land, um hier Habseligkeiten gegen Essbares einzutauschen. Doch selbst unter denen, die bei umliegenden Bauern etwas tauschen konnten und sich bereits auf dem Rückweg befanden, gab es viele tränenreiche Begebenheiten.

Stark bewachte Zuckerrübenverladung

Um mit den eingetauschten Kartoffelsäcken nicht durch die früher übliche Bahnsteigsperre zu müssen, wuchteten einige ihre Waren über den Zaun auf den Bahnsteig und rannten dann schnell durch den Bahnhof, wo die Fahrkarte vorgezeigt werden musste. Als sie auf den Bahnsteig kamen, waren die Waren bereits beschlagnahmt oder gestohlen.

Andere, die es bis in oder besser gesagt an den Zug schafften, hatten auch nicht unbedingt mehr Glück. Nicht selten platzten Säcke oder Kisten während der Fahrt auf oder fielen ganz ins Gleisbett. Andere sammelten die Waren dann dankend auf.

Stark bewacht war in den ersten Nachkriegsjahren die Zuckerrübenverladung an der Güterabfertigung Salzkotten. Hier sollte weder getauscht noch etwas geklaut werden. Eine Fahrt mit dem Zug diente in diesen Tagen nicht der Reise, sondern nur der reinen Fortbewegung. Die Scheiben der Waggons waren teilweise durch Holzbretter ersetzt, in den Abteilen gab es kein Licht. Zu öffnen waren die Fenster sowieso nicht mehr, denn es fehlten überall die Lederriemen, mit denen die einzelnen Fensterflügel bewegt werden konnten. Sie dienten den Menschen zusammengenäht längst als Gürtel.

Hamstertouren in die umliegenden Orte

Scharmede war nach dem Krieg ebenfalls Zielpunkt der Hamsterer; vom Bahnhof aus zogen diese in die umliegenden Orte. Bauern standen mit Fuhrwerken bereits bei der Ankunft am Bahnhof bereit. Wer zahlen konnte, durfte mitfahren und wurde nach der Hamstertour auch wieder zurück zum Bahnhof gebracht. Auch hier schafften es viele nicht, ihre eingetauschten Waren bis ins Ruhrgebiet zu ihren Familien zu retten.

Unweit des Scharmeder Bahnhofs wohnte seit Anfang 1946 bei einem Gastwirt der örtliche Polizist. Dieser war vor allem hinter Diebesgut her. Waren, die in der Nacht im Ort gestohlen wurden. Denn längst nicht jeder kam zum Tauschen aufs Land gefahren. Besonders vor dem Morgenzug wurde er fündig. Meistens handelte es sich um Frischfleisch oder Lebensmittel. War der Eigentümer nicht ausfindig zu machen, bekam das Salzkottener Krankenhaus die Waren. Das galt auch für die Tauschwaren der Hamsterer. Die Menschen flüchteten vor einer Kontrolle eiligst aus dem Warteraum des Bahnhofsgebäudes. Ihre Waren und Gepäckstücke ließen sie dabei oft panisch zurück.

20,50 Euro für zehn Rollen Klopapier

Hamsterkäufe gingen in der Geschichte oft mit Schwarzhandel einher. Dinge, die auf normalem Wege nicht zu bekommen waren, konnten auf dem Schwarzmarkt erworben oder weitergetauscht werden. Und auch hier wiederholt sich die Geschichte. „Statt heimlichem Kauf bei schleichenden Personen in langen Mänteln wird heute im Internet mitgeboten“, hat Rainer Wester ein aktuelles Verkaufsgebot beispielhaft für seine Upsprunger Ortschronik ausgeschnitten. Stolze 20,50 Euro wurden bei Ebay für zehn Rollen „supersoftes” Toilettenpapier eines namenlosen Herstellers bezahlt. Dazu kommen für den Käufer noch einmal 5,90 Euro Porto für den Versand obendrauf. „Immerhin vierlagig“, schmunzelt Wester angesichts der Tatsache, dass andere ihren Keller wahrscheinlich schon bis an die Decke mit Toilettenpapier vollgestapelt haben.

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