Kuriose Fahrpreise feiern fragwürdiges Jubiläum – Rainer Wester kündigt Aktion an
850 Tage und keinen Schritt weiter

Salzkotten (WB/sen). Rainer Wester hat nachgerechnet. 850 Tage sind inzwischen ins Land gegangen, und noch immer hat sich nichts getan in Sachen Fahrpreis auf der Stadtbuslinie Sk1 zwischen Salzkotten, Wewelsburg und Tudorf.

Montag, 06.01.2020, 22:55 Uhr aktualisiert: 07.01.2020, 08:08 Uhr
Die Stadtbuslinie Sk1 fährt vom Salzkottener Bahnhof zur Gaststätte Meier in Oberntudorf und umgekehrt. Weil sie dabei über Bürener Stadtgebiet rollt, kommt es zu Fahrpreiskuriositäten, die seit zweieinhalb Jahren Bestand haben. Foto: Jörn Hannemann

„Vor dem Fall der Berliner Mauer mussten S-Bahnen einige Stationen mit verschlossenen Türen durchfahren, da die Strecke ein Stück weit durch den Ostteil der Stadt verlief und später in den Westteil zurückkehrte. Im Paderborner Land braucht es weder Mauern noch Sektorengrenzen, um Nahverkehr kompliziert zu machen“, vergleicht Wester. Für kuriose Busfahrpreise reichten “Tarifhoheiten” unter dem Dach eines gemeinsamen Westfalen-Tarifes. Zweieinhalb Jahre halte die aus Sicht der Kunden nicht haltbare Fahrpreisgestaltung nun schon an, ein Mauerfall als Lösung sei bisher nicht in Sicht.

Kommentar

Es ist viel in Bewegung im öffentlichen Nahverkehr. Und das nicht erst seit der intensiv geführten Diskussion um den Klimaschutz. Die Einführung der Alpaka-Stadtbuslinie im Sommer 2017 war ein Schritt in die richtige Richtung. Im September 2019 hat der Salzkottener Rat den nächsten bereits eingeleitet. Im gesamten Stadtgebiet soll die Busfahrt lediglich einen Euro kosten. Mit 25.000 Euro aus dem Haushalt soll der BBH das entstehende Defizit ausgeglichen werden. Andere Kommunen im Kreis Paderborn finden die Idee ebenfalls nicht schlecht. Eine rechtliche Prüfung steht noch aus. Und auch auf der Schiene tut sich etwas. Die Anrainerkommunen der Almetalbahn (Borchen, Salzkotten, Büren und Brilon) haben sich für eine Wiederbelebung der Bahntrasse ausgesprochen. Den größten Teil der Kosten dafür – unter anderem muss das gesamte Schienennetz neu verlegt werden – würde das Land tragen.

Umso unverständlicher, dass der NPH so kräftig auf die Bremse tritt. Denn wenn schon die kleinsten Veränderungen im Tarifsystem im Schneckentempo bis gar nicht voran kommen, wie sollen da die großen Herausforderungen der Zukunft auf den Weg gebracht werden? Der Klimawandel macht vor Tarifhoheitsgebieten bestimmt nicht Halt.

Marion Neesen

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Zur Erinnerung: Wer die gesamte Strecke von Salzkotten nach Tudorf fährt, bezahlt 2,60 Euro, wer auf halber Strecke in Wewelsburg aus dem Bus steigt, allerdings 5,30 Euro. Ursächlich ist, dass der Salzkottener Stadtbus unterwegs wenige Kilometer über Bürener Stadtgebiet fährt und damit ein zusätzliches Tarifgebiet berührt. Bereits im Herbst 2017 hatte CDU-Ratsherr Rainer Wester auf das Problem aufmerksam gemacht, Gremien behandelten das Thema mehrfach. „Mit dem Begriff ‚Tarifliche Verwerfung‘ ist nun zumindest eine neue offizielle Bezeichnung für diesen Missstand gefunden“, weiß Wester.

In der Verbandsversammlung des Nahverkehrsverbundes Paderborn-Höxter (NPH) sei das Thema mehrfach als „unbefriedigende Fahrpreisgestaltung“ angesprochen worden, für die im Sinne der Kunden „zeitnah Lösungen der Vereinfachung aufgezeigt“ werden sollten. Doch genau diese ließen auf sich warten, kritisiert Rainer Wester. Seit Start der Buslinie seien fast zweieinhalb Jahre vergangen. „Diese Zeitspanne vermag wohl kein Wewelsburger mehr als ‚zeitnah‘ einzustufen“, sagt der Ratsherr. Die wiederholte Empfehlung der Bahn-Pressesprecherin, „bis Tudorf zu kaufen und unterwegs einfach auszusteigen“, hält der Upsprunger nur für bedingt praktikabel. „Gerade beim Einstieg in Wewelsburg sind Fahrgäste auf einen informierten Fahrer angewiesen“, so Wester. Dieser müsse den in Wewelsburg gewünschten Fahrschein nach Salzkotten quasi bis Tudorf „rückverlängern“, um den günstigen Preis zu erhalten. Wer als Kunde nicht Bescheid wisse und den günstigen Fahrpreis deswegen nicht einfordere, zahle eben mehr. „Das kann die Pressestelle in Münster in noch so nette Texte hüllen“, so Wester.

Um die Sache noch komplizierter zu machen, gebe es auf dem Teilstück zwischen Tudorf und Wewelsburg eine Sonderregelung, hier gelte ebenfalls der Fahrpreis von 2,60 Euro. „Nun wird die Sache interessant“, hat Wester festgestellt, „es ist also preislich auch noch ein Unterschied, wo genau der Bus von Wewelsburg aus ins Nachbarstadtgebiet von Salzkotten fährt. Zwischen Wewelsburg und Salzkotten-Tudorf gibt es also genau die Lösung, die auf der anderen Seite zwischen Wewelsburg und Salzkotten verweigert wird. Vielleicht verschließen wir ab der Stadtgrenze einfach die Türen wie damals in Berlin.“

Da eine Autofahrt in jede Richtung gleich viel kostet, ist für Wester das Denken in starren Tarifgrenzen grundsätzlich ein Problem. Besonders ärgerlich empfindet er, dass bisher niemand über die Hintergründe überhaupt erst einmal aufgeklärt hat. Mit einer nachvollziehbaren Erläuterung könnte der ein oder andere vielleicht zumindest zähneknirschend akzeptieren, dass sich der Preis nicht reduzieren lässt, meint Wester. Etwa, weil die Rahmenbedingungen dieses einfach nicht zulassen. „Doch bisher hatte niemand wirklich den Mut öffentlich zu sagen, woran oder an wem es denn nun eigentlich liegt“. Rainer Wester hat die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben.

Der Upsprunger wird das Thema weiter begleiten und kündigt für die Vollendung der 1000 Tage am 25. Mai 2020 bereits eine öffentliche Aktion auf der „Tarifhoheitsgrenze“ zwischen Salzkotten und Büren an.

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