Zukunft des Bleiwäscher Malachitdoms liegt in den Händen Mindener Richter
Von zerbrechlicher Schönheit

Bad Wünnenberg-Bleiwäsche/Minden (WB). »Auch ich entdecke immer wieder neue Dinge im Malachitdom«, schwärmt der ehrenamtliche Höhlenforscher Andreas Schudelski. Dabei kennt der 54-Jährige das unterirdische Naturwunder seit 30 Jahren in- und auswendig. Schudelski gehörte zu den Entdeckern der Höhle im Düstertal, die 1987 mitten in einem Steinbruch in Bleiwäsche gefunden wurde. Und darin liegt auch das Problem.

Sonntag, 03.02.2019, 22:55 Uhr aktualisiert: 04.02.2019, 10:00 Uhr
Zerbrechlich wie ganz feines Porzellan, so erscheint die Sinterfahne im Schein der Kopflampe. Die Natur hat tief unter der Erde im Düstertal faszinierende Gesteinsformationen geschaffen. Um ihren Erhalt bangen Geologen und Höhlenforscher. Foto: Georg Taffet

Die Tropfsteinhöhle am südlichen Rand des Kreises Paderborn ist in die Mühlen der Justiz geraten. Das Verwaltungsgericht Minden soll nun über ihre Zukunft entscheiden.

Zum Hintergrund: 20 Jahre lang war der Malachitdom ein eingetragenes Naturschutzdenkmal. Dieser Schutz ist ausgelaufen. Inzwischen gibt es eine neue Gesetzeslage. Laut Bundesnaturschutzgesetz gelten seit April 2017 solche Höhlen als geschützte Biotope.

Der Steinbruch im Bleiwäscher Düstertal wird seit den 1950er Jahren betrieben und gehört seit 1983 der Mitteldeutschen Hartstein Industrie AG (MHI), der eine Abbaugenehmigung vorliegt. Von der ursprünglichen Unterschutzstellung sind der Bereich des Malachitdoms und 150 Meter drumherum erfasst, so dass dem Unternehmen, das die Fläche gepachtet hat, dieser Bereich 20 Jahre lang nicht zur Verfügung stand. Auch entging der Stadt Bad Wünnenberg als Eigentümerin des Grund und Bodens der so genannte Bruchzins. Im Juli 2018 hat die MHI eine Befreiung vom neuen Bundesnaturschutzgesetz beantragt, was das Umweltamt des Kreises Paderborn mit Hinweis auf einzigartige blaue und grüne Versinterungen sowie weitere unbekannte Sinterformen abgelehnt hat. Gegen diesen ablehnenden Bescheid hat nun die MHI vor dem Verwaltungsgericht Minden Klage erhoben.

Zwischen Naturschutz und wirtschaftlichen Ansprüchen

»Auch wir stehen für Naturschutz und akzeptieren die Unterschutzstellung«, sagt Dr. Guido Mausbach, Geschäftsführer der Sauerländer Hartkalkstein-Industrie (SHI – Tochterunternehmen der MHI und Betreiber des Steinbruchs), und lässt durchblicken, dass dem Unternehmen nicht an der Zerstörung des Malachitdoms gelegen sei, wohl aber an einer Entschädigung.

Seit 2011, also nach Auslaufen der ersten Verordnung, verzichte MHI auf einen erheblichen Teil grundsätzlich zum Abbau genehmigter Vorkommen, erläutert Stephan Harnischfeger von der MHI. Ebenso lange verhandele MHI bereits mit den zuständigen Behörden über einen angemessenen Ausgleich. »Leider wurden diese Gespräche 2018 nach zuletzt zehn Jahren der – wenn auch schleppenden – Verhandlungen durch unsere Gesprächspartner abrupt abgebrochen«, so Stephan Harnischfeger. Die Klage vor dem Verwaltungsgericht sei nach nunmehr 30 Jahren kooperativer Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt notwendig, um endlich Rechtssicherheit zu erlangen.

Es gibt noch viel zu erforschen

Mit einer Abbaugenehmigung rechnet MHI offenbar nicht mehr. Die lange Verhandlungsphase mit den Behörden habe keinen Zweifel aufkommen lassen, dass ein Abbau in unmittelbarer Nähe zur Höhle nicht mehr in Frage kommen würde. »Gleichzeitig zeigt sich unserer Ansicht nach jedoch auch die Einsicht in die Notwendigkeit, für diesen Umstand Ausgleich zu leisten. Leider hat dies jedoch bislang zu keinem Ergebnis geführt«, so Harnischfeger.

Die grün- und hellblau gefärbten Tropfsteine sind in Deutschland ebenso einzigartig wie die vielfältigen Sinterformen.

Die grün- und hellblau gefärbten Tropfsteine sind in Deutschland ebenso einzigartig wie die vielfältigen Sinterformen. Foto: Taffet

Die MHI (1000 Mitarbeiter/23 Steinbruchbetriebe) versorge den Hoch- und Verkehrswegebau, die Landwirtschaft sowie die Industrie mit hochwertigen mineralischen Rohstoffen. Nicht zuletzt werde damit die große Nachfrage zum Ausbau und Erhalt der regionalen Infrastruktur gedeckt. Die Forderung der MHI-Gruppe umfasse entgangenen Produktionsgewinn. Zwar sei durch den Zusammenschluss mit der SHI eine weitere Abbaufläche gesichert, so dass die Existenz des Unternehmens nicht gefährdet sei. »Allerdings umfasst dieser Neuaufschluss Kosten im Umfang mehrerer Millionen Euro – für ein mittelständisches Familienunternehmen keine selbstverständliche Investition«, so Harnischfeger.

Für die wirtschaftlichen Interessen des Steinbruchbetreibers hat Stefan Henscheid vom Geologischen Dienst NRW Verständnis. Doch aus geowissenschaftlicher Sicht sei der Malachitdom unbedingt schützenswert. »Er ist eine der besterforschten Höhlen weltweit. Dennoch gibt es weiterhin viele Formen, bei denen wir noch nicht verstehen, wie sie entstehen. Es gibt dort also noch viel zu erforschen«, sagt Henscheid. Seinen Namen hat der Malachitdom in Anlehnung an das gleichnamige Erzgestein erhalten. Während Malachit für die seltenen grünen Farben sorgt, ist Azurit für das Blau zuständig.

Größte Sorgen macht sich Andreas Schudelski. Er kennt die Höhle wie kein anderer. Im Auftrag des Kreises Paderborn betreut der 54-Jährige aus Rö­senbeck seit 30 Jahren den Malachitdom. Hat dort am jährlichen Tag des Geotops zahlreiche Besucher unter die Erde begleitet. Schudelski ist sicher, dass das Höhlensystem noch weitergeht. Davon zeugten nicht nur die Fledermäuse, von denen keiner so recht weiß, wie sie Zugang in die Tropfsteinhöhle finden. Auch Winde aus Spalten ließen vermuten, dass unter dem Malachitdom noch mehr ist. Der Zugang ist aber nicht möglich. Andreas Schudelski fürchtet, dass die wundersame Welt der Versteinerungen Opfer einer »Rechtsspielerei« wird. »Wer geschädigt wird, soll auch eine Entschädigung bekommen«, hat der Höhlenforscher durchaus Verständnis, »was mir aber Angst macht ist, dass auf Entlassung aus dem Naturschutzgesetz geklagt wird«, sieht Schudelski den Malachitdom in höchster Gefahr sieht.

Entscheidung fällt nicht kurzfristig

Mit seinen Ausmaßen ist der bis zu 30 Meter breite, 60 Meter lange und 20 Meter hohe Dom eine der größten freitragenden, unterirdischen Hohlräume Nordrhein Westfalens. »Der Malachitdom ist keine Schauhöhle, braucht den Vergleich aber nicht zu scheuen«, meint Andreas Schudelski. Insbesondere die zerbrechlichen filigranen Versinterungen, die fein geschliffenen kleinen Kalkperlen und die fast durchsichtigen Sintergardinen erschienen immer wieder in unterschiedlicher, aber immer faszinierender Schönheit. »Es kommt auf den Blickwinkel an«, sagt Schudelski und hofft, dass auch das Mindener Gericht den richtigen Blick für die Jahrtausende alte Arbeit der Natur hat.

Eine Entscheidung ist nach Auskunft von Vivienne Bock, Richterin am Verwaltungsgericht Minden, kurzfristig nicht zu erwarten. Derzeit gehe es noch um die Wahrung von Fristen und Anträge auf Akteneinsicht. Ein halbes Jahr könne dies durchaus noch dauern.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6367141?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2851069%2F
Armina-Sportchef Arabi: „Saisonstart macht Gier auf mehr“
Arminias Sportgeschäftsführer Samir Arabi spricht von einem gelungenen Start in die Bundesliga-Saison. Foto: Thomas F. Starke
Nachrichten-Ticker