Bauernhofpädagogik boomt: Kinder lieben Jahreszeitenwerkstätten in Scharmede Abenteuer in elternfreier Zone

Salzkotten (WB/sen). »Loslassen, das fällt vielen Eltern ganz schön schwer«, weiß Anja Pötting vom Scharmeder Vauß Hof. Aber eigentlich hätten Kinder ein Recht darauf, ihre eigenen Erfahrungen machen zu dürfen, auch wenn die manchmal weh tun. Sie selbst schaut weg, wenn ihre kleine Tochter Luzi auf den höchsten Baum des Hofes klettert. Doch sie weiß, dass es gut ist für Luzi.

Hedwig, Luzi, Debora, Salome und Aenne kennen das Leben auf den Scharmeder Biohof schon. Von März an kommen jedoch auch viele andere Kinder auf den Hof, um sich vielleicht von den Hühnern aus der Hand picken zu lassen.
Hedwig, Luzi, Debora, Salome und Aenne kennen das Leben auf den Scharmeder Biohof schon. Von März an kommen jedoch auch viele andere Kinder auf den Hof, um sich vielleicht von den Hühnern aus der Hand picken zu lassen. Foto: Hannemann

Derzeit erfährt die Bauernhofpädagogik auf dem Biohof in Scharmede einen ungeahnten Boom. Vor drei Jahren wollte Anja Pötting (35) mit einem Jahreskursus für Kinder einen ersten Versuch starten. Ein Jahr lang sollten Kinder einmal im Monat auf den Hof kommen und dort das Leben und Arbeiten kennenlernen. »Ich finde, dass wir als Landwirte auch einen Auftrag haben, Bildungsarbeit zu leisten. Wer schon als Kind den Alltag auf einem Bauernhof kennenlernt, hat ein ganz anderes Verständnis für Lebensmittel und Landwirtschaft, und eine ganz andere Beziehung zu seinem Schnitzel auf dem Teller«, sagt die Scharmederin.

Gleich im ersten Jahr war die Nachfrage so groß, dass Anja Pötting zwei Jahreszeitenwerkstätten einrichtete, im zweiten Jahr waren es vier und in diesem Jahr bietet sie elf Kurse, darunter zwei für Schulklassen, an.

 Anja Pötting ist ausgebildete Natur-Erlebnispädagogin und weiß, welchen Wert der Hof mit all’ seinen Möglichkeiten Kindern bietet: draußen sein, Verantwortung übernehmen, Naturerfahrungen machen, Lebensmittel ganz neu kennen- und schätzen lernen, Tiere versorgen, landwirtschaftliche Zusammenhänge entdecken, mitarbeiten – die Liste ist endlos.

Auf dem Vauß Hof arbeitet mittlerweile ein Team aus drei festen und vier ehrenamtlichen Mitarbeitern im pädagogischen Bereich. Anja Pöttig glaubt, dass viele Eltern sich an ihre Kindheit erinnert fühlen und deshalb die Jahreszeitenwerkstätten so gefragt sind. Abenteuer in elternfreier Zone erlebten Kinder heute nicht mehr so wie sie selbst früher.

»Für mich galt früher, dass ich um 6 Uhr zuhause sein musste. Aber bis dahin habe ich nachmittags auch jede Menge Blödsinn gemacht«, sagt die Scharmederin. Heute sei das anders. »Es gibt Kinder, die machen erst mit 15 Jahren erstmals die Erfahrung einer Schürfwunde«, berichtet sie von einem oft allzu behüteten Kinderleben.

»Wir sind bei Wind und Wetter unterwegs, das ist für die Eltern manchmal ein wenig ›gruselig‹, aber wir finden das großartig. Es gibt eben nur durch den Regen superschöne Regenbögen und Pfützen zum Matschen, und außerdem brauchen die Pflanzen den Regen ja auch«, sagt Anja Pötting. Natürlich spielen Tiere eine große Rolle auf dem Hof. In der Gruppe und im verantwortungsvollen Umgang mit den Tieren, erlernten die Kinder soziale Kompetenzen. »Füttern, ausmisten, streicheln, lieb haben und einen respektvollen Umgang erlernen. Und dabei ist es ganz egal, ob es Pferde, Kühe, Hühner oder Maikäfer, Spinnen, Asseln oder Frösche sind«, so die Naturpädagogin.

Bei vielen Arbeiten dürfen die Kinder mithelfen und sind dem Hof eine große Hilfe. Da gibt es hin und wieder ein Lob vom Bauern oder Gärtner, das macht natürlich stolz und spornt an.

»Für manche Trittleiter ist das Kind zu Hause noch zu klein und für manches scharfe Messer vielleicht auch. Unter pädagogischer Aufsicht und fachgerechter Anleitung schaffen wir für die Kinder herausfordernde Situationen. Wir ermutigen, Dinge auszuprobieren und gleichzeitig lassen wir Zeit. Wenn ein Kind die Tiere nur von weitem ansehen möchte, ist das okay; ebenso, wenn ein Kind beim Schlachten dabei sein möchte. Nicht alles, aber vieles ist möglich«, erläutert Anja Pötting.

Und bei der Ernte dürfen die kleinen Bäuerinnen und Bauern zugreifen. Die Kinder lernen auf dem Hof viele Gemüse- und Obstsorten kennen. Manch’ ein Kohlrabi-Verschmäher wird plötzlich zum Kohlrabi-Fan. Selber pflanzen, selber pflegen, selber ernten, selber zubereiten, kein Wunder, dass es da richtig gut schmeckt.

»Die Kinder lernen natürliche Zusammenhänge kennen und wir ermutigen sie, Fragen zu stellen. Damit fördern wir eine Kultur des ›Verstehen-Wollens‹«, so Pötting.

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