AOK Nordwest weist Vorwurf des Apothekerverbands zurück Drängen Kassen Patienten, Pillen im Internet zu bestellen?

Dortmund/Salzkotten (WB). Durch den Versand verschreibungspflichtiger Medikamente befürchtet der Apothekerverband Westfalen-Lippe nicht nur weniger Umsatz für sich, sondern auch Nachteile für die Patienten.

Von Dietmar Kemper
Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe sagt voraus, dass Patienten unter dem Druck ihrer Krankenkassen in Zukunft verstärkt zur Computermaus greifen müssen und verschreibungspflichtige Medikamente im Internet bestellen.
Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe sagt voraus, dass Patienten unter dem Druck ihrer Krankenkassen in Zukunft verstärkt zur Computermaus greifen müssen und verschreibungspflichtige Medikamente im Internet bestellen. Foto: Imago

Krankenkassen würden ihre Versicherten verstärkt zu Bestellungen im Internet drängen, um Geld zu sparen, sagt der Vorsitzende der Apotheker, Klaus Michels aus Salzkotten, voraus. Patienten gerieten so in die Hände von unkundigen Callcenter-Mitarbeitern. Die AOK Nordwest weist den Vorwurf zurück, lehnt aber gleichzeitig »einen Schutzzaun um Apotheken« ab.

Apothekerverband hofft auf Wahlsieg der CDU

Der Apothekerverband hofft darauf, dass die CDU die Bundestagswahl am 24. September gewinnt. In ihrem Wahlprogramm setzt sich die Union für ein Versandverbot verschreibungspflichtiger Medikamente ein. Dem entgegen steht ein Gerichtsurteil.

Wie berichtet, hatte der Europä­ische Gerichtshof in Straßburg am 19. Oktober 2016 entschieden, die Arzneimittelpreisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente gelte nicht für ausländische Versandapotheken wie Doc Morris. Sie dürften Preisvorteile an ihre Kunden weitergeben.

Der Apothekerverband Westfalen-Lippe sieht das aus mehreren Gründen kritisch. Der Augenkontakt zwischen Patient und Apotheker sei wichtig, sagt Michels: »Wenn Sie Aspirin haben wollen, können Sie das online kaufen. Aber wenn Sie richtig krank sind, brauchen Sie jemanden, der Sie anschaut und sieht, wie Sie sich bewegen, wie Sie sich verhalten.«

Kassen seien dazu verpflichtet, günstigstes Angebot zu wählen

Michels erzählt die Geschichte eines Mannes, der von einem Apotheker wegen einer Verletzung eine Salbe haben wollte. Als der Apotheker genauer hinschaute, stellte er eine Blutvergiftung fest und schickte den Mann zum Arzt. Michels glaubt nicht, dass Versicherte mit wechselnden Personen in einem Callcenter sprechen wollen. Chronisch Kranke sollten sich nicht darauf verlassen, dass die Mitarbeiter einer Versandapotheke die Wechselwirkungen bestimmter Medikamente richtig einschätzen können.

Der Apothekerverband erwartet, dass Krankenkassen Versicherte unter Druck setzen. Das Wirtschaftlichkeitsgebot im Sozialgesetzbuch verpflichte die Kassen dazu, das günstigste Angebot zu wählen, sagt Michels. Sie könnten den Versicherten Boni versprechen, wenn sie ihre Medikamente vom Internetversender beziehen.

»Nein, die AOK Nordwest wird den Versandhandel weder forcieren noch ihre Versicherten aktiv darauf verweisen«, widerspricht der Vorstandsvorsitzende Tom Ackermann. Die Krankenkasse vertritt 2,8 Millionen Versicherte in Westfalen-Lippe und Schleswig-Holstein.

Versandhandel wichtig für Versorgung im ländlichen Raum

Weil Arzneimittel »grundsätzlich kein Konsumgut« seien, sollten Einzelpersonen keine Boni und Rabatte bekommen. Ein Versandverbot für verschreibungspflichtige Medikamente hielte Ackermann für »nicht zeitgemäß«.

Um die Versorgung gerade im ländlichen Raum und für Menschen mit chronischen Erkrankungen zu gewährleisten, brauche es den Versandhandel. Ackermann: »Statt weniger ist hier mehr Wettbewerb um gute Versorgung angezeigt, beispielsweise durch Direktverträge der Krankenkassen mit Versandapotheken.« Gut eingestellte chronisch Kranke bräuchten zum Beispiel keine regelmäßige Beratung und könnten problemlos auf eine Versandapotheke zurückgreifen.

Noch ist die Konkurrenz durch das Internet überschaubar. Laut AOK Nordwest kommen in Deutschland gerade einmal 0,5 Prozent der Medikamente per Versand zu den Patienten. Oft bestellen Kunden im Internet Potenz- und Haarwuchsmittel sowie Pillen gegen Übergewicht. Aus Scham vermeiden sie den Weg zum Apotheker vor Ort.

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