Das Paderborner Frauenhaus stand drei Mal vor der Pleite
Segensreiche Arbeit im Geheimen

Paderborn -

„Wir waren den anderen suspekt, wir waren die lila Latzhosen, die keine Männer reinlassen.“ Im Sozialausschuss erinnerte sich Martina Schubert an die Anfangszeit des Paderborner Frauenhauses.

Montag, 03.05.2021, 05:21 Uhr aktualisiert: 03.05.2021, 09:20 Uhr
Manchmal bleibt Frauen nichts anderes mehr, als den gewalttätigen Partner zu verlassen. Frauenhäuser bieten Zuflucht, Anonymität und die Chance, mit Expertinnen die eigene Situation zu analysieren. Foto: dpa

Zu Begtinn hielt so mancher solche Einrichtungen für überflüssig und für einen Angriff auf das männliche Selbstverständnis. 41 Jahre später ist es zwar immer noch traurig, dass es Frauenhäuser geben muss, aber ihre Notwendigkeit bestreitet man(n) kaum noch.

Die Feier zum 40. Geburtstag im vergangenen Jahr fiel wegen Corona aus, immerhin entstand der Film „Ich und Du“ über die Kinder im Frauenhaus. „Ein Frauenhaus ist immer auch ein Kinderhaus“, betonte Schuberts Kollegin Norika Creuzmann. Von häuslicher Gewalt betroffene Mütter nähmen ihre Jungen und Mädchen in die Zufluchtsstätte mit.

Platz für 15 Frauen und 26 Kinder

15 Frauen und 26 Kinder können im Paderborner Frauenhaus Platz finden, zur Ruhe kommen und über das Erlebte mit den Expertinnen reden. An den früheren Standorten wie dem allerersten am Liboriberg war es lediglich möglich, acht beziehungsweise neun Frauen mit bis zu 13 Kindern aufzunehmen.

Wo sich der aktuelle Standort befindet, dürfe niemand verraten, mahnten Schubert und Creuzmann die Mitglieder des Sozialausschusses. Das würde die Sicherheit der Frauen, Kinder, Mitarbeiterinnen und Nachbarn gefährden. Mit der neuen Bleibe sind Schubert und Creuzmann auf jeden Fall zufrieden. Der Umzug ging ausgerechnet im Corona-Jahr 2020 vonstatten; aus der im März gefundenen Interims- wurde eine Dauerlösung. Im November zogen die ersten Frauen ein. Und ihre Kinder haben jetzt sogar Platz zum Fußballspielen.

Weist man eine Frau ab, schlägt man am nächsten Tag besorgt die Zeitung auf.

Norika Creuzmann

„Weist man eine Frau ab, schlägt man am nächsten Tag besorgt die Zeitung auf“, räumte Norika Creuzmann ein. Frauen, die ihren Partner verlassen, lebten gefährlich. Abweisen muss das Frauenhaus von häuslicher Gewalt Betroffene nach wie vor, aber nicht mehr in so großer Zahl wie früher. Die Situation sei zum Beispiel 2016 „ganz schlecht“ gewesen, blickte Martina Schubert zurück: Damals habe man mehr als 200 Frauen mit 600 Kindern abweisen müssen. 2019 waren es 115 Frauen mit 200 Jungen und Mädchen. Manchmal sei eine Frau bereits eingezogen, „da hatten wir noch nicht mal die neue Bettwäsche drauf“, erinnert sich Schubert.

Die Istanbul-Konvention des Europarats gab den Frauenhäusern einen Schub und rückte sie stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Die 2014 in Kraft getretene Übereinkunft verpflichtet die Mitgliedsstaaten, gegen alle Formen von Gewalt gegen Mädchen und Frauen vorzugehen und zum Beispiel mehr Frauenhäuser zu schaffen. Mindestens ein Familienzimmer pro 10.000 Einwohner in den Städten lautet die Faustformel. Dadurch erhöhte sich für das Paderborner Frauenhaus der Platzbedarf. Ausgerechnet die Türkei sagte sich zuletzt von der Istanbul-Konvention los.

Die Finanzierung der Arbeit sicherzustellen, bedeutete von Anfang an eine Herausforderung. „Wir haben dreimal vor der Pleite gestanden; auf Spenden angewiesen zu sein, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, halte ich für fatal“, gab Martina Schubert zu bedenken. Frauenhäuser seien lange Zeit ein „Spielball der Politik“ gewesen, aber inzwischen habe sich die Situation merklich verbessert.

Die Massivität der Gewalt hat unter Corona zugenommen.

Norika Creuzmann

Zuletzt billigten die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses den Antrag auf 33.750 Euro für die pädagogische Arbeit mit den im Frauenhaus lebenden Kindern und Jugendlichen. Aber nicht nur auf die lokale Politik kann sich der Verein des Frauenhauses meistens verlassen. Regelmäßig gehen Spenden ein. „Wir haben 2020 eine unglaubliche Summe Geld bekommen, die es uns erlaubt, das Haus solide auszustatten“, berichtete Schubert. Schrottreife Waschmaschinen müsse man nicht mehr mit aller Macht am Laufen halten.

Sechs Mitarbeiterinnen umfasst das Team des Frauenhauses. Durch die Pandemie ist ihre Arbeit nicht gerade leichter geworden. „Die Massivität der Gewalt hat unter Corona zugenommen, Frauen und Kinder sind deutlich belasteter als vorher“, hat Norika Creuzmann beobachtet. Ihre Kollegin und sie wünschen sich nicht unbedingt mehr Plätze in Paderborn, aber sehr wohl, dass das Netz von Frauenhäusern noch enger geknüpft wird.

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