Online-Messfeiern haben Folgen für die katholische Kirche und die Gläubigen
Gotteshäuser bald ganz leer?

Paderborn -

Es ist eine ketzerische Frage, aber sie ist berechtigt. Zählt der Segen des Paderborner Erzbischofs auch dann, wenn niemand im Dom ist und der Gottesdienst gestreamt wird? Was ist mit den Sakramenten? Die Notwendigkeit, in der Corona-Pandemie mit ihren Kontaktbeschränkungen auch auf Online-Gottesdienste zu setzen, wirft Fragen auf und löst Befürchtungen aus wie die, dass nach der Pandemie aus Bequemlichkeit noch weniger Menschen zur Kirche gehen.

Samstag, 06.02.2021, 03:00 Uhr
Den Gottesdienst am Ostersonntag feierte Erzbischof Hans-Josef Becker im vergangenen Jahr notgedrungen in der Krypta des Doms. Foto: Erzbistum Paderborn

„Die zuständige römische Kongregation hat zuletzt klargestellt, dass etwa eine Beichte per Telefon nicht gültig ist, weil die leibliche Präsenz fehlt. Diese kann nicht einfach digital ersetzt werden“, sagt der Rektor der Theologischen Fakultät Stefan Kopp. Und der Sprecher des Erzbistums, Benjamin Krysmann, erläutert: „Früher hieß es, der Segen Urbi et Orbi wirkt, wenn man den Papst noch sieht. Das kann man natürlich auch ad absurdum führen: Wenn jemand im Paderborner Dom vor einem Pfeiler sitzt und den Erzbischof nicht sieht, ist er natürlich trotzdem Teil des Gottesdienstes. Letztlich ist die reale Erfahrung durch nichts zu ersetzen.“ Die Technik bilde ein Hilfsmittel, um, wie beim Papstsegen Urbi et Orbi, die Reichweite zu erhöhen.

Funktionieren Kirche und liturgisches Leben überhaupt digital?

Kopp und Krysmann haben das Buch „Online zu Gott?!“ herausgegeben, das über liturgische Ausdrucksformen und Erfahrungen im Medienzeitalter berichtet. Die Kernfrage lautet: Funktionieren Kirche und liturgisches Leben überhaupt digital? Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück hat da eine klare Meinung: „Wir feiern Realpräsenz, nicht Virtual-Präsenz.“ Sakramente seien an körperliche Anwesenheit gebunden: „keine Taufe ohne Wasser, keine Firmung ohne Chrisam, keine Eucharistie ohne Brot und Wein.“ Dieser Zusammenhang, so Tück, lasse sich nicht überspringen. Sind Online-Gottesdienste also nichts wert? Diplomtheologe Benjamin Krysmann findet das nicht: „Sie können eine Verlängerung der Kirchenbank sein – vorausgesetzt, die Person, die vor dem Endgerät sitzt, lässt sich darauf ein und liest nicht nebenbei im Morgenmantel die Zeitung.“

Das Buch „Online zu Gott?!“ ist im Herder-Verlag erschienen und kostet 26 Euro.

Das Buch „Online zu Gott?!“ ist im Herder-Verlag erschienen und kostet 26 Euro. Foto: Erzbistum Paderborn

Stefan Kopp weist darauf hin, dass solche Gottesdienste eine Einbahnstraßenkommunikation darstellen, weil es in der Regel keine Interaktion zwischen feiernder Gemeinde und den Einzelnen vor den technischen Geräten gebe. In der Liturgie sei der Mensch nicht verzichtbar, weil er deren Subjekt darstelle. Kopp, Professor für Liturgiewissenschaft: „Die Technik ist kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, um dabei zu helfen, die Liturgie wahrzunehmen.“

Live gestreamte Gottesdienste bilden eine Alternative

Das Coronavirus sorgte dafür, dass nur noch wenige Menschen im Paderborner Dom einen Gottesdienst mitfeiern dürfen. Mehr als 120 dürfen es nicht sein. Live gestreamte Gottesdienste bilden eine Alternative. „Die Corona-Pandemie schuf eine Situation, die es so noch nicht gab“, erinnert sich Benjamin Krysmann: „Bisher gab es vor allem die Gottesdienstübertragungen im Fernsehen, aber auch schon Online-Angebote – etwa für Altenheime und Krankenhäuser. In der neuen Situation haben wir hier vor Ort begonnen, über Youtube zu streamen. Wir haben die Sendungen dort aber nicht stehengelassen. Eine Eucharistiefeier muss live sein, sonst ist es keine Mitfeier.“

Nach fast einem Jahr mit der Pandemie besteht die Gefahr, dass so mancher den Gang zur Kirche gar nicht mehr vermisst. Nicht nur Stefan Kopp fragt sich, ob die Gotteshäuser nach der Aufhebung der Kontaktbeschränkungen nicht noch leerer sein werden als ohnehin schon. Er sagt: „Mit einem Begriff aus der Soziologie kann der regelmäßige Gottesdienstbesuch häufig als traditionales Handeln qualifiziert werden. Das heißt, Menschen nehmen in einer gewissen Selbstverständlichkeit daran teil, wenn es zu ihrem Lebensrhythmus gehört, und müssen nicht jeden Sonntag entscheiden, ob sie zur Kirche gehen oder nicht. Man tut es einfach. Die Frage ist jetzt, was passiert, wenn dieses traditionale Handeln unterbrochen wird. Kommen die Menschen einfach automatisch wieder, oder ist diese persönliche Tradition nach Monaten einfach weg? Nach der Krise werden Antworten darauf sehr differenziert ausfallen müssen.“ Der Rektor der Theologischen Fakultät glaubt aber, dass sich zumindest an Weihnachten Livestreams nicht durchsetzen werden und das sinnenhafte Erleben wie beim gemeinsamen Singen weiter gefragt sein wird.

Benjamin Krysmann gibt sich optimistisch: „Alte und Kranke waren schon immer die Hauptzielgruppen des klassischen Fernsehgottesdienstes. Ich denke, dass diejenigen, die vor der Corona-Krise einen Zugang zu kirchlichen Feiern in Präsenz hatten, diesen Zugang auch danach wieder neu finden können. Da sind wir als Kirche gefragt und sollten in jedem Fall Angebote machen – real und virtuell.“

Auch der traditionelle deutsch-britische Weihnachtsgottesdienst wurde im Dezember gestreamt. Die besondere Stimmung konnte die Übertragung nicht wirklich transportieren.

Auch der traditionelle deutsch-britische Weihnachtsgottesdienst wurde im Dezember gestreamt. Die besondere Stimmung konnte die Übertragung nicht wirklich transportieren. Foto: Erzbistum Paderborn

Wer feiert und wer wird gefeiert?

Keine Frage ist, dass das Streamen von Gottesdiensten die Wahrnehmung verändert. In ihnen falle der Scheinwerfer vor allem auf die Kleriker, betont Stefan Kopp, wodurch eine falsche Fokussierung entstehen könne, weil die Gemeinde aus dem Blickfeld verschwinde. Kopp: „Es stellt sich dann die Frage: Wer feiert und wer wird gefeiert? Wenn das Auge der Kamera darauf fällt, sollte nicht der Eindruck entstehen, dass sich einzelne Personen oder Personengruppen selbst feiern.“

Erzbistum berücksichtigt traditionelle Sehgewohnheiten

Zwischen Medienformaten und Liturgie ergeben sich Wechselbeziehungen. Wenn die ZDF-Fernsehgottesdienste netto nur 42 Minuten lang sein dürfen, können Predigten nicht ausufern. Das Erzbistum nimmt bei seinen eigenen Formaten keine Rücksicht auf die 42-Minuten-Regel, berücksichtigt aber gleichzeitig traditionelle Sehgewohnheiten. „Als wir im ersten Lockdown regelmäßig um 18.30 Uhr den Gottesdienst aus dem Dom übertragen haben, konnten die Menschen zum Beispiel um 19 Uhr noch die Heute-Nachrichten im ZDF sehen“, sagt Benjamin Krysmann. Dass Livestreams nach Ende der Pandemie von der Bildfläche wieder verschwinden, kann sich Stefan Kopp nicht vorstellen. Sie seien aus einer eher exotischen Ecke herausgekommen und breitenwirksamer geworden.

Das Buch „Online zu Gott?!“ ist im Herder-Verlag erschienen, die Bestellnummer lautet: 978-3-451-38825-5.

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