Bastian Schnitzer aus Paderborn zeichnet Karikaturen über Amerika – virtuelle Ausstellung im Internet
Zwischen Verheißung und Realität

Paderborn -

„Trump war eine unerschöpfliche Quelle“, sagt Bastian Schnitzer. Der Paderborner Künstler zeichnet unter dem vom Ex-US-Präsidenten geprägten Motto „America First“ Karikaturen über das vermeintliche Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Donnerstag, 04.02.2021, 02:00 Uhr
Trump hat Amerika zur Karikatur gemacht – Bastian Schnitzer zeichnet sie. Die Geschichte, Kultur und Wirtschaft der USA liefern ihm immer wieder neue Anregungen. Und bei der Arbeit entdeckt er Parallelen zu Europa und Deutschland. Foto: Oliver Schwabe

Neuere Arbeiten zeigen den Sturm von Trump-Anhängern auf das Kapitol und den abgewählten Präsidenten vor dem Weißen Haus statt darin. Seit eineinhalb Jahren befasst sich Bastian Schnitzer intensiv mit amerikanischer Geschichte, Politik und Kultur und stößt dabei auf Parallelen zu Europa und Deutschland. Auch bei uns nehme die soziale Spaltung zu und der Einfluss von Konzernen wachse, findet der 42-Jährige: „Amerika ist die große Metapher für alle westlichen Gesellschaften; was dort ist, kommt nach zwei, drei Jahren zu uns.“

Das Interesse an den USA entfachte ausgerechnet eine TV-Dokumentation über das deutsche Bildungssystem. Eine Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär sei unrealistisch, lautete der Tenor der Sendung. Bei der Formulierung „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ dachte Bastian Schnitzer an die Verheißung Amerikas, verkörpert durch die Freiheitsstatue vor New York. Auch sie hat er gezeichnet; bei ihm versuchen zahllose Menschen das Denkmal zu erklimmen, stürzen dabei aber in die Tiefe. Statt weiter der Sehnsuchtsort für Einwanderer und Arme zu sein, baue Amerika Mauern. „Und unsere ist das Mittelmeer“, sieht Bastian Schnitzer eine weitere Parallele zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Europa.

Aus der Traum! Donald Trump ist nicht mehr im Weißen Haus, sondern steht davor.

Aus der Traum! Donald Trump ist nicht mehr im Weißen Haus, sondern steht davor. Foto: Bernd Schnitzer

Ende der 1990er Jahre hat er die USA selbst besucht. Eine Szene hat sich ihm tief eingebrannt: „Wir standen rauchend neben einem Bürogebäude in New York, und neben uns wurde ein Mülleimer nach Cheeseburgern durchsucht.“ Amerika wolle er aber nicht nur auf die Schattenseiten reduzieren, betont Bastian Schnitzer. So sei der Bundesstaat Kalifornien zum Beispiel ein Vorreiter beim Klimaschutz.

Bastian Schnitzer stammt aus Lippstadt, hat als Mediengestalter in einer Druckerei gearbeitet und sich vor vier Jahren selbstständig gemacht. Seit 20 Jahren lebt er in Paderborn. In der Nähe von Stade in Norddeutschland hat er außerdem ein Haus samt Atelier für großformatige Arbeiten. „Alles, was ich als Künstler mache, ist selbst beigebracht“, erzählt er. Seine Schwarzweißkarikaturen zeichnet er mit besonderen Stiften, sogenannten Tagmarkern. „Es ist schon eher ein Comicstil, es geht in Richtung Mangas“, beschreibt er seine Arbeit. Seine Karikaturen ergänzt er durch Informationen, zum Beispiel die Zeichnung mit der Drohne vor dem Reichstagsgebäude durch Angaben zur Rolle der US-Militärbasis Ramstein als Steuerzentrale für unbemannte Flugobjekte.

Karikaturen seien wie eine Schlagzeile, die Aufmerksamkeit erregen solle, sagt Bastian Schnitzer. Aber Schlagzeilen seien nicht genug, ihnen müssten tiefergehende Informationen folgen. Gefragt nach der Funktion von Karikaturen, antwortet er: „Eine Karikatur kann erschrecken, auch im Positiven, sie kann einen Schalter umlegen, Interesse schaffen, sich in ein Thema einzulesen.“ Im Prinzip dürfe sie auch alles, „es sei denn, dadurch würde eine Situation eskalieren und man weiß es vorher“. Dabei denkt Bastian Schnitzer auch an die gewalttätigen Ausschreitungen im Gefolge der Mohammed-Karikaturen 2005. Provokant sind die Zeichnungen des Paderborners durchaus.

In einem Fall greift er das weltbekannte Foto vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal 1946 als Vorlage auf und rückt den ehemaligen US-Außenminister und nationalen Sicherheitsberater Colin Powell in dessen Mitte, um den seiner Meinung nach verbrecherischen Charakter des Irakkriegs deutlich zu machen. Ein gewagter Vergleich. Seine politische Bilderserie „America First“ schloss Bastian Schnitzer im Herbst 2020 ab. Sie bildet den ersten Teil einer Trilogie über das Zeitgeschehen in den USA. Gern würde der 42-Jährige seine Karikaturen öffentlich ausstellen, gern auch in der neuen schmucken Bleibe des Kunstvereins am Kamp, aber die Corona-Pandemie lässt das nicht zu. Also präsentiert er seine Bilderserie als virtuelle Ausstellung auf seiner Internetseite www.atelier-paderborn.de. Im Internet können ein Bildband und Taschenbücher mit den Zeichnungen gekauft werden. Originalzeichnungen verkauft Bastian Schnitzer grundsätzlich nicht.

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