Wie Ausbildung selbst in Zeiten von Corona funktionieren kann – Sound Linear baut eigene Lehrwerkstatt
„Nur das Live-Ding fehlt natürlich“

Paderborn -

Bei großen Konzerten dabei sein, viel unterwegs sein, den einen oder anderen Star treffen und dafür zu sorgen, dass die Künstler auf der Bühne auch richtig gut vom Publikum zu hören sind. Ja, sogar ein Teil davon zu sein, dass eine Tournee zum Erfolg wird. So in etwa stellt man sich das Leben des Veranstaltungstechnikers vor.

Montag, 01.02.2021, 05:21 Uhr aktualisiert: 01.02.2021, 05:31 Uhr
Nur Trockenübungen statt Live-Konzerte: Sound-Linear-Azubi Alex Kolle in der Lehrwerkstatt. Ausbilderin Sarah Fuhr gibt Tipps. Rechts: Schüler-Praktikant Julian Steffens (15) vom Theodorianum, der berichtet, dass die große Mehrheit seiner Mitschüler in diesem Jahr keinen Praktikumsplatz wegen Corona finden konnte. Foto: Jörn Hannemann

„Ich will doch nur spielen“ heißt es in dem bekanntesten Hit von Annett Louisan. Das wollte die deutsche Sängerin auch Mitte März 2020 und auf große Tournee gehen. Schützenhilfe sollte es dazu aus dem Kreis Paderborn geben. Das Paderborner Unternehmen Sound Linear hatte den Auftrag erhalten, für die passende Audio-Technik auf der Tour zu sorgen, als Corona über das Land hereinbrach und alles durcheinanderwirbelte. „Drei Tage vor dem Start hörten wir von der Absage“, erzählt Projektleiter Oliver Thiele. Und Annett Louisan war nur der Anfang. Großveranstaltungen waren verboten. „Es hagelte förmlich Absagen. Und dabei hatten wir ein prall gefülltes Auftragsbuch“, so der 41-jährige Disponent bei Sound Linear.

Die Umsatzeinbußen seitdem schätzt Geschäftsführer Guido Sehrbrock auf 75 bis 80 Prozent. Dass es nicht noch schlimmer gekommen ist, hänge damit zusammen, dass der Betrieb, der 1978 fast zeitgleich mit der Firma Lightpower gegründet wurde, sehr breit aufgestellt sei und unter anderem auch mit der Installation von hochwertigen Audio-Anlagen in Sälen und Veranstaltungsräumen ein weiteres Standbein hat. „So haben wir zuletzt im der Benteler-Arena die Tontechnik für den neuen VIP-Bereich installiert“, erzählt Thiele. „Hinzu gekommen sind auch mehrere Aufträge in freikirchlichen Bethäusern.“

 

Wenn hier plötzlich ein wichtiges Kabel fehlt, geht man entspannt eine Etage nach oben und holt sich eins. Wenn man allerdings bei einem Event in Dresden wäre, wäre das ein gewaltiges Problem.

Sarah Fuhr, Fachkraft für Veranstaltungstechnik

Mitten in der Corona-Krise hat Alex Kolle seine dreijährige Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik bei Sound Linear begonnen. Im wenigen Wochen stehen die Zwischenprüfungen bei der IHK an. Ob sie tatsächlich stattfinden, weiß der junge Mann aus Geseke aber auch nicht mit Sicherheit. Wegen der Konzertausfälle haben sich Ausbilderin Sarah Fuhr und Olly Thiele auf „Trockenübungen“ konzentriert: Im Betrieb haben sie dafür eine Lehrwerkstatt aufgebaut, wo mit mehreren Mischpulten Konzerte und Aufgabenstellungen simuliert werden können. „Hier stehen auch völlig unterschiedliche Arten von Geräten zur Verfügung, mit denen man üben und fast alles durchspielen kann“, sagt Alex Kolle: „Nur das Live-Ding fehlt natürlich, wie der Zeitdruck, wenn der Einlass zu einem Konzert ist.“ Sarah Fuhr ergänzt „Wenn hier plötzlich ein wichtiges Kabel fehlt, geht man entspannt eine Etage nach oben und holt sich eins. Wenn man allerdings bei einem Event in Dresden wäre, wäre das ein gewaltiges Problem.“

 

Überall wo sich eine Tür schließt, geht auch eine neue auf. Vielleicht ergibt sich durch die Situation auch eine Chance.

Alex Kolle, Auszubildender bei Sound Linear

Sting im Gerry-Weber-Stadion, Johannes Oerding, Mark Forster – sie alle hätte Alex Kolle ohne Corona bei seiner Ausbildung live erleben können. Anders als so manch anderer in der Branche, der wegen der Krise seinen Beruf aufgegeben hat, ist Alex Kolle von seinem Berufswunsch nicht abgeschreckt. „Klar, ich lasse mir alles offen. Aber überall wo sich eine Tür schließt, geht auch eine neue auf. Vielleicht ergibt sich durch die Situation auch eine Chance.“

Das sagt auch Sarah Fuhr: „Die Leute wollen die Künstler auch wieder live sehen, hören - ja, sogar die Konzertluft riechen. Das können die Digital-Übertragung nicht leisten.“ Die Tournee von Annett Louisan ist unterdessen zum zweiten Mal verschoben worden, auf Anfang 2022. Spätestens dann soll es wieder heißen: „Ich will doch nur spielen“.

 

Freuen sich wieder auf Live-Konzerte und Tourneen (von links): Olly Thiele, Guido Sehrbrock und Alex Kolle.

Freuen sich wieder auf Live-Konzerte und Tourneen (von links): Olly Thiele, Guido Sehrbrock und Alex Kolle. Foto: Jörn Hannemann

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