Obdachlose wie Mario können endlich ungestört auf einer echten Matratze schlafen
Minihaus ist eine große Hilfe

Paderborn -

3,2 Qua­dratmeter können der reinste Luxus sein. Nachdem er sieben Jahre lang auf der Straße gelebt hat, weiß Mario gerade jetzt bei den frostigen Temperaturen den Wert seines Minihauses zu schätzen. „Man schläft auf der Straße nicht richtig, es ist kalt und hart und man wacht alle paar Minuten auf“, erzählt der 44-Jährige. Wenn er morgens aufgewacht sei, habe er sich gefühlt, „als hätte mich ein Zug überfahren“.

Sonntag, 10.01.2021, 03:24 Uhr aktualisiert: 10.01.2021, 03:30 Uhr

Gerade im Winter sei das Übernachten auf der Straße alles andere als ein Vergnügen: „Man legt sich eine Pappe hin, hat aber nichts zum Zudecken. Man friert und dreht sich von einer Seite auf die andere.“

Am 2. Oktober 2020 konnte der alkohol- und drogenabhängige Mann in sein Little Home einziehen. In der ersten Nacht habe er großartig geschlafen, erzählt er („endlich eine Ma­tratze!“). Die Zeit der ständigen Suche nach Schlafplätzen sei vorbei, für ihn bedeute das Minihaus die Chance, Fuß zu fassen.

Drei Little Homes gibt es in Paderborn, ein viertes wird bald hinzukommen. Die Idee, Minihäuser für Obdachlose zu bauen, hatte der Verein Little Homes in Köln. Aus der Idee wurde ein bundesweites Projekt; 150 Obdachlose konnten in den vergangenen drei Jahren solche Wohnboxen beziehen. Sie sollen einen Rückzugsort darstellen und positive Anstöße geben. Neben einer Matratze enthalten sie ein Regal und ein Erste-Hilfe-Set.

In Paderborn betreuen der Verein KIM – soziale Arbeit und die Caritas die kleinen Holzhäuschen, von denen zwei von Auszubildenden der Firma Bremer gefertigt wurden.

Die Wohnboxen haben zwar keine Heizung und keinen Wasser- und Stromanschluss, sind aber trotzdem tausendmal besser als ein zugiger Schlafplatz im Freien. „Das Little Home bedeutet Sicherheit, die Menschen wissen, wo sie abends hingehen können, sie können sich eine Struktur schaffen, das Minihaus bedeutet Autonomie“, erläutert der Diplom-Sozialarbeiter Dirk Wildenberg, der seit 21 Jahren in der vom KIM betriebenen Kontaktstelle B2 arbeitet.

Zielgruppe der Little Homes seien die Menschen, die kein Obdach haben und für Hilfsangebote schwer zu erreichen sind. Mario, Nicki und Klaus bewohnen die Häuschen, die ihnen in Form eines Schenkungsvertrages zur Verfügung gestellt werden. Finden sie etwas Neues, Größeres, dürfen andere nachrücken. Wann sie ihre Häuser aufsuchen und was sie darin aufbewahren, ist ganz allein Sache der Bewohner. Nur wenn jemand das Haus beschädige, verwahrlosen lasse oder die übrigen Bewohner terrorisiere, „intervenieren wir“, sagt Dirk Wildenberg (51): „Die Bewohner sollen das Gefühl haben, über ihr Leben wieder selbst zu bestimmen.“

Das Leben von Mario, der von Dirk Wildenberg betreut wird, geriet durch Drogenkonsum aus den Fugen. „Frau weg, Kinder verloren und dann hat man keinen Halt mehr“, erzählt der ehemalige Zirkusartist, der seit 2020 in Paderborn lebt und vorher in Hamburg, Berlin und Bielefeld war. Um am Ende von den Drogen wegzukommen, bekommt er zur Zeit die Ersatzdroge Methadon. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er von Sozialleistungen.

Das Minihaus ist für Mario kostenlos, und er möchte es nicht mehr missen. Mit Schrecken erinnert er sich an ein Erlebnis in einer Hamburger Obdachlosenunterkunft, als er plötzlich in den Lauf einer Pistole blickte, die der Zimmergenosse über ihm im Doppelbett unvorsichtig reinigte. Im schwarz-blauen Little Home in Paderborn ist er für sich allein, das Haus liegt windgeschützt, ist mit einer Folie isoliert und aus warmem Holz. Er schlafe endlich länger am Stück, berichtet Mario: „Und das tut so gut!“ Der 44-Jährige fühlt sich an seine Kindheit erinnert, als er sich eine gemütliche Erdhöhle grub.

Wie viele Menschen in Paderborn auf der Straße leben und nachts unter Verschlägen, in Haus- oder Geschäftseingängen oder in Parks schlafen, ist schwer zu sagen. Etwa 100 Personen kommen jedes Jahr in die Notübernachtung des B2 mit 20 Plätzen, erzählt Sozialarbeiter Dirk Wildenberg. Die Notübernachtung und die Little Homes verbinde das Ziel, „zu verhindern, dass Menschen auf der Straße schlafen müssen“. Das sei ein wichtiger Schritt hin zu Normalität.

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